Amerikanische Geldpolitik

Die Fed ist zu nachsichtig mit Finanzakteuren

Von Chris Farrell

Gebäude der Federal Reserve

Gebäude der Federal Reserve

20. März 2008 Die konjunkturellen Höhen und Tiefen sind in einem kapitalistischen System die Regel. Derzeit winden sich die amerikanische Notenbank (Fed) und - mit einer gewissen Verspätung - auch das amerikanische Finanzministerium, die Befürchtung auszusprechen, dass sich die derzeitige Kreditkrise an der Wall Street zu einem ausgeprägten wirtschaftlichen Abschwung oder sogar zu einer tiefen Depression auswachsen könnte.

Rekapitulieren wir, was die Fed in den vergangenen Monaten unternommen hat: Sie kappte den Leitzins um drei Prozentpunkte (einschließlich der Rücknahme um 75 Basispunkte am 18. März), pumpte enorme Liquidität in das Finanzsystem, etablierte einen Katalog von Finanzierungsmechanismen für amerikanische Großbanken (darunter die Term Auction Facility (TAF), Term Security Lending Facility (TSLF) und Primary Dealer Credit Facility (PDCF)) und mobilisierte außerordentliche Kräfte zur Rettung der Investmentbank Bear Stearns.

Amerikanische Zentralbank versucht das Finanzsystem auf Kosten der Steuerzahler zu retten

Der ungewöhnliche Aktionismus der Fed verfolgt einen klaren und eindeutigen Zweck. Im Jargon der Wall-Street-Wissenschaftler will die Fed eine Katastrophen-Situation („fat tail“) oder einen „Regimewechsel“ vermeiden. Mit anderen Worten: sie versucht, die Auflösung des Finanzsystems zu stoppen. Die intensiven Bemühungen der Fed zur Stützung des Finanzsystems sind verständlich, nachdem sich Rezessionsängste vom gesellschaftlichen Rand in die Machtzentren von Washington und New York verlagert haben. Für Ben Bernanke und Kollegen gab es keine echte Alternative.

Während sich die Vertreter der Fed um Schadensbegrenzung bemühen, die Finanzmärkte taumeln und die Steuerzahler bereits ausrechnen, welche Kosten ihnen durch die Rettungsaktionen entstehen werden, bleibt die bohrende Frage: Was ist mit den Wall-Street-Granden, die uns diesen Schlamassel eingebrockt haben? „Die Fed unterstützt weiterhin Großbanken, ohne grundlegende Bedingungen für ein verändertes Verhalten und Geschäftsgebaren zu stellen“, klagt Peter Morici, Professor an der Smith Business School der Universität von Maryland.

Zum Börsenkurs

Nachfolgend einige zum Nachdenken anregende Zahlen: Nach Angaben der Aufsichtsbehörde von New York State haben in New York City ansässige Unternehmen der Wertpapierbranche zwischen 2002 und 2007 Mitarbeiterprämien im Volumen von insgesamt 137 Milliarden Dollar ausgezahlt. Im Jahr 2002 kassierten die Bosse der Wall-Street-Unternehmen Prämien in Höhe von 9,8 Milliarden Dollar, 2003 waren es 15,8 Milliarden Dollar, 2004 18,6 Milliarden Dollar, 2005 25,7 Milliarden Dollar, 2006 33,9 Milliarden Dollar und 2007 33,2 Milliarden Dollar.

Diese Jahre gelten als Glanzzeiten der Hedge-Fonds-Piraten, Private-Equity-Freibeuter, Analysten-Handlanger mit neun- und zehnstelligen Gehältern und anderer Finanzjongleure, die in alle Arten komplexer, hochriskanter Börsengeschäfte verwickelt waren, von denen sich nun viele als Flop erweisen, von fremdfinanzierten Übernahmen bis hin zu verbrieften Schuldtiteln.

Was für ein Geschäft! Financiers predigten das Evangelium des freien Marktes und kassierten nie dagewesene Geldsummen; wenn jedoch schwierige Zeiten heraufziehen, rufen sie nach dem Staat. „Märkte funktionieren nur dann, wenn die Marktteilnehmer das Risiko sowohl der positiven als auch der negativen Folgen zu tragen haben“, meint Raghuram Rajan, Wirtschaftswissenschaftler an der School of Business der Universität von Chicago und früherer Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds. „Als die Konjunktur brummte, sagten sie [die Finanzinstitute] 'Hände weg, stört unsere Kreise nicht' und 'Untersteht euch, uns zu regulieren', doch wenn sich die Dinge in die andere Richtung entwickelten, rufen sie 'Wir brauchen Hilfe'.

Finanzieller Denkzettel für Zocker: Eher die Ausnahme als die Regel

Allerdings ist nicht jeder ungeschoren davongekommen. Vor neun Monaten notierte die Aktie von Bear Stearns bei 150 Dollar. Am Wochenende kaufte JPMorgan Chase die krisengeschüttelte Investmentbank zu einem Preis von zwei Dollar je Aktie und vernichtete einen Großteil der Vermögenswerte der Mitarbeiter des Unternehmens.

Doch der finanzielle Denkzettel scheint eher die Ausnahme als die Regel zu sein. Als Stanley O'Neal letztlich seinen Vorstandsposten bei Merrill Lynch räumen musste, schied er mit Abfindungen und Aktien im Wert von mehr als 160 Millionen Dollar aus, während der frühere Citigroup-Chef Charles Prince seinen Hut mit einem Abfindungspaket von fast 70 Millionen Dollar nahm.
Regulierung ist notwendig

In unserem derzeitigen System ist es unmöglich, die Wall Street zur Herausgabe der immensen Summen zu verpflichten, die in den Boom-Jahren vereinnahmt wurden. Sobald die Krise ausgestanden ist, müssen die Aufsichtsbehörden daher ihre Prüfungen der Branche verschärfen und mehr Transparenz sowie eine stärkere Rechenschaftspflicht der Finanzinstitute einfordern. Das Pendel ist zu stark in die Richtung „alles ist möglich“ ausgeschlagen.

Die Arbeitsgruppe des amerikanischen Präsidenten in Finanzmarktbelangen, bestehend aus den Vorständen der Fed, der New York Federal Reserve Bank, der Börsenaufsichtsbehörde SEC und sonstigen finanzpolitischen Entscheidungsträgern und Regulierern, hat unlängst Empfehlungen zur Überprüfung von Hypothekenfinanzierungen herausgegeben. Diese Empfehlungen sind sicherlich ein guter Anfang. Es muss jedoch noch viel mehr geschehen. „Wenn die Aufsichtsbehörden jetzt erklären, dass die Investmentbanken in schlechten Zeiten einen guten Draht zur Fed hätten, dann muss die Fed auch in guten Zeiten geldpolitische Autorität über die Investmentbanken ausüben können“, so Rajan.

Wirtschaftswissenschaftler John Maynard Keynes beschrieb die Dynamik einer kapitalistischen Wirtschaft im Wesentlichen als Kampf zwischen der Verlockung finanzieller Sicherheit (oder „Hortung“) und dem unternehmerischen (oder „animalischen“) Instinkt. Wie in vielen anderen Lebensbereichen kommt es auch hier entscheidend auf ein gesundes Gleichgewicht an. Wir alle haben erfahren, dass eine übermäßige Deregulierung zu viel animalischen Instinkt freisetzt, der für die Gesundheit unserer Wirtschaft gefährlich werden kann. Die für die Finanzbelange unseres Landes verantwortlichen Männer und Frauen müssen daher ein Regulierungssystem etablieren, mit dem Innovationen gefördert und Rettungsaktionen vermieden werden. Insoweit kann ein wenig Moral Hazard viel bewirken.

Chris Farrell ist Redakteur bei BusinessWeek.



Text: BusinessWeek Online
Bildmaterial: REUTERS

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