Finanzkrise

Das Ende lässt weiter auf sich warten

Weiter nicht rosig erscheint die Zukunft der UBS

Weiter nicht rosig erscheint die Zukunft der UBS

06. Mai 2008 Krisen erscheinen in der Rückschau immer monolithisch. Irgendwann brechen sie aus, halten eine Zeitlang an und ebben dann ab. Das ist historisch gesehen nicht falsch, steckt man jedoch in einer Krise mitten drin, so erscheint sie aufgrund des kurzfristigeren Horizonts zyklisch.

Das trifft auch für die anhaltende Finanzkrise zu, die sich in den vergangenen Wochen scheinbar entspannte. Doch wenigstens seit gestern bekannt wurde, dass die Bank of America möglicherweise für 24 Milliarden Dollar an Schulden des übernommenen Hypothekenfinanzierers Countrywide Financial nicht geradestehen wird (Countrywide-Gläubiger könnten leer ausgehen), erscheint die Krise wieder gravierender.

Milliardenverluste nicht neu

Diesen Eindruck bestätigen auch die Ergebnisse der beiden Banken, die am Dienstag Geschäftsergebnisse für das erste Quartal vorlegten, und deren Namen stärker als der manch anderen Instituts mit der Krise verknüpft ist, allen voran die Schweizer UBS.

Die UBS gilt als die in Europa am stärksten von der amerikanischen Kreditkrise betroffene Bank. Bislang musste die größte Schweizer Bank mehr als 37 Milliarden Dollar abschreiben. Um die Verluste auszugleichen und erhöhte die Bank das Kapital in zwei Schritten um
13 Milliarden und um 15 Milliarden Franken.

Zum Börsenkurs

Im ersten Quartal des laufenden Geschäftsjahres verzeichnete die Bank einen Verlust von 11,54 Milliarden Franken. Das ist insofern nicht neu, als die UBS bereits am Morgen des ersten April mit der Nachricht schockiert hatte, auf vorläufiger Basis einen Verlust von 12 Milliarden Franken verzeichnet zu haben, der auf Abschreibungen aus dem Engagement in Hypothekenkredite minderer Qualität von 19 Milliarden Franken zurückzuführen sei (vgl. Kursverfall der UBS-Aktie könnte sich dem Ende nähern).

Deutlich geringere Mittelzuflüsse

Das erste Quartal habe sich „aus diversen Gründen“ schwierig gestaltet, heißt es von der UBS. Die Abwärtsspirale am Markt für amerikanische Hypotheken und damit zusammenhängende Instrumente, rückläufige Kapitalmarktaktivitäten, eine drastische Verminderung des M&A-Volumens sowie fallende Wertschriftenkurse und eine Abschwächung des Dollars sowie des Pfunds gegenüber dem Franken.

Zwar gibt es in der Bilanz keine weiteren bösen Überraschungen mehr, aber die Ergebnisse sehen im Urteil der Marktbeobachter nicht wirklich rosig aus. Experten äußerten sich insbesondere besorgt über einen Nettoneugeldabfluss von 12,8 Milliarden Schweizer Franken. Auch Vorstandschef Rohner äußerte sich unzufrieden mit dem Zufluss an neuem Geld in der Vermögensverwaltung für reiche Kunden. Die netto beschafften 5,6 Milliarden Franken sind deutlich weniger als in früheren Quartalen. Das Global Asset Management, wo etwa Fonds betreut werden, verlor netto 16,5 Milliarden Franken. Die Bank spüre die Krise, hieß es dazu im Aktienmarkt. Im Schweizer Vermögensverwaltungsgeschäft sind 1,9 Milliarden Franken abgeflossen. Analysten hatten mit neun Milliarden Franken Neugeld in der Vermögensverwaltung gerechnet.

Anhaltend schwierige Bedingungen

Dennoch erklärte die Bank, in den meisten Geschäftsbereichen habe sich die Ertragslage zufriedenstellend entwickelt, was nicht unbedingt einleuchtet. Indes zeigten sich auch die Analysten gnädig. Aus Sicht der Bank Wegelin dürften die Anleger gar etwas aufatmen. Denn entgegen den wilden Spekulationen in der Presse, habe die UBS keine weiteren Abschreibungen vorgelegt.

Ob dies auch in Zukunft so bleibe, sei allerdings offen. Zwar will die UBS bis Mitte 2009 konzernweit rund 5500 der derzeit rund 83.500 Stellen streichen, davon bis Jahresende 2600 Stellen im Investment Banking, wo die hohen Verluste anfallen. Dennoch, so Wegelin, scheine der Ausblick alles andere als rosig zu sein, allzumal man mit weiteren Mittelabflüssen im zweiten Quartal rechnet.

Nicht nur flossen Mittel ab, die Bank gab auch keine Prognose ab, außer dass man weiterhin mit schwierigen Bedingungen für die Finanzindustrie rechne. Es sei mit einem anhaltend ungünstigen Weltwirtschaftsklima, Abbau der Fremdfinanzierung durch private und institutionelle Anleger, einem langsameren Vermögenswachstum sowie rückläufigen Handels- und Kapitalmarktvolumen zu rechnen, hieß es.

Keine unmittelbare Aussicht auf wieder freundlichere Kapitalmärkte

Es fehlt aber auch nicht an recht optimistischen Stimmen, wie etwa von der SEB, die trotz des fehlenden Ausblicks gute Chancen sieht, dass der Höhepunkt der Finanzkrise bereits überwunden sei. Auf wieder freundlichere Kapitalmärkte sei die UBS gut vorbereitet, heißt es von den Analysten weiter. Die Risikopositionen würden weiter reduziert und das Investmentbanking stark restrukturiert. Indes lassen die wieder freundlicheren Kapitalmärkte wohl noch auf sich warten, betrachtet man das, was die UBS als Ausblick präsentierte.

Im Schnitt rechnen Analysten damit, dass die Bank das ganze Jahr mit einem Verlust von mehr als fünf Milliarden Franken abschließen wird nach einem Fehlbetrag von 4,4 Milliarden Franken im vergangenen Jahr.

Neue Abschreibungen in Höhe von 175 Millionen Euro gab es im ersten Quartal dagegen bei der Hypo Real Estate. Dies ließ den Vorsteuergewinn gegenüber dem Vorjahresquartal um 37 Prozent auf 190 Millionen Euro einbrechen, wobei dieser Gewinn fast vollständig aus einem Sondereffekt aus der Übernahme der Depfa-Bank im Oktober 2007 resultiere. Ohne diesen hätte der Vorsteuergewinn den Angaben zufolge nur 6 Millionen Euro betragen.

„Unmöglich, die kurzfristigen Rahmenbedingungen der Märkte einzuschätzen“

Finanzchef Markus Fell erklärte, er könne nicht ausschließen, dass es weitere Abschreibungen aus strukturierten Wertpapieren geben werde. In Anbetracht der Turbulenzen auf den internationalen Finanzmärkten gab die Bank wie die UBS keinen Ausblick für das laufende Geschäftsjahr ab. Es sei „weiterhin unmöglich, die kurzfristigen Rahmenbedingungen der Märkte einzuschätzen“, erklärte man.

Darüber hinaus brach das Neugeschäft in den meisten Geschäftsfeldern ein: In der gewerblichen Immobilienfinanzierung halbierte es sich von 6,2 auf 3,1 Milliarden Euro, in der Infrastrukturfinanzierung sank es von 2,5 auf 1,6 Milliarden Euro. Dagegen konnte die Staatsfinanzierung von 14,1 auf 15,1 Milliarden zulegen.

Hypo-Real-Estate-Chef Georg Funke sagte: „Die ersten drei Monate 2008 waren für unsere Branche sicherlich das schwierigste Quartal seit vielen Jahren.“ Allerdings sei die Hypo Real Estate weniger hart getroffen worden, als viele ihrer Konkurrenten. Zudem sei das operative Kerngeschäft positiv verlaufen, erklärte Funke. Auch Fell betonte, dass die Entwicklung dort „sehr schön“ sei, was angesichts der deutlichen Rückgänge im Neugeschäft nicht ohne weiteres verständlich ist.

„Zu früh gefeiert“

Zwar habe der Vorsteuergewinn in den Bereichen Staats- und Infrastrukturfinanzierung um 8 Prozent zugelegt, bei der Immobilienfinanzierung gar um 7 Prozent, die Analysten der Unicredit nannten die Zahlen dennoch operativ nicht überzeugend. Die Ergebnisqualität im ersten Quartal sei recht schwach gewesen, der Zinsüberschuss sei mit lediglich 299 Millionen sowohl unter den Markterwartungen als auch ihren Schätzungen geblieben. Unklar sei auch, wie die Rating-Agenturen die Entwicklung bewerteten und ob die starke Verbesserung des Anteils nachrangiger Anleihen die Kapitalsituation wirklich entspannen könne.

Die Börse reagierte auf beide Ergebnisausweis negativ. Bis zu 5,6 Prozent ging es für die UBS-Aktie abwärts, konnte sich dann aber erholen und liegt aktuell nur noch knapp vier Prozent im Minus bei 35,46 Franken.

„Der Markt hat wohl das Ende der Subprime-Krise zu früh gefeiert“, heißt es von Händlern und das dürfte wohl auch zutreffen. Das zeigen auch die gleichfalls vorgelegten Ergebnisse der NordLB, die für das vergangene Jahr einen massiven Gewinneinbruch bekannt gab. Der Überschuss fiel im Vergleich zu 2006 um knapp 70 Prozent auf 305 Millionen Euro. Grund dafür waren Bewertungsabschläge bei Wertpapieren in Folge der Krise an den amerikanischen Hypothekenmärkten, die insgesamt zu Belastungen von 400 Millionen Euro geführt hätten.

Kaufwillige Versicherer sorgen für Hoffnung

Davon schlugen sich gut 200 Millionen Euro direkt im Ergebnis nieder, der Rest wurde ergebnisneutral über die so genannte Neubewertungsrücklage verbucht. Und auch der NordLB-Vorstand wagte angesichts der anhaltenden Turbulenzen an den Kapitalmärkten keine Ergebnisprognose. Die operativen Erträge sollen aber mindestens das Niveau von 2007 erreichen.

Doch Börsianer wären nicht Börsianer, wenn sie nicht schon weder etwas positives fänden. So will die UBS Hypothekenverbriefungen im nominellen Wert von 15 Milliarden Dollar an die amerikanische Fondsgesellschaft Black Rock verkaufen. Das zeige, dass der Markt langsam wieder in Bewegung komme, sagte Rohner. Händler werteten das postwendend als Entspannungssignal.

Die Allianz Leben will ihren Bestand an ABS-Papieren langfristig verdoppeln. Experten schätzen nach Medienberichten, dass deutsche Versicherungskonzerne für 18 Milliarden Euro ABS-Papiere kaufen könnten. Auch die DEVK will vor allem Anleihen aus den „gesunden“ Jahrgängen 2003 und 2004 kaufen, die unberechtigterweise unter den Kapitalmarktturbulenzen gelitten hätten.

Wie viel ist wichtiger als wer

Indes ist ja die entscheidende Frage in der Krise nicht die, wer die Verluste trägt, sondern wie stark das immens aufgeblähte nominelle Immobilienvermögen in den Vereinigten Staaten, Spanien, Irland, Großbritannien und anderenorts noch in sich zusammenfällt und was die Unzahl der Immobilienkredite und Kreditderivate tatsächlich wert ist.

Ben Bernanke, Präsident der amerikanischen Zentralbank, forderte den Kongress am Montag zum Handeln auf, da immer mehr Zwangsvollstreckungen und verspätete Hypothekenzahlungen die amerikanischen Wirtschaft gefährdeten. Im vergangenen Jahr wurden in den Vereinigten Staaten rund 1,5 Millionen Zwangsvollstreckungen eingeleitet, das waren 53 Prozent mehr als 2006. In diesem Jahr werde die Zahl wahrscheinlich noch höher liegen. Eine weitere Verschärfung des Preisverfalls auf dem Immobilienmarkt könne negative Auswirkungen auf die gesamte Wirtschaft und die Stabilität des Finanzsystems haben.

Vorsichtig bleiben

Zwar ist durchaus positiv, wenn die ersten der Meinung sind, es lasse sich noch etwas aus der Derivate-Schwemme ausschlachten. Das nimmt sich zumindest besser aus, als die Ergebnisse einer im Februar und März erhobenen Befragung der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsfirma PricewaterhouseCoopers. Demnach hat der „Risikoindex“ in der Finanzbranche den höchsten Stand seit zehn Jahren erreicht. Nur noch knapp jeder vierte Befragte glaube, dass die Banken gut für die identifizierten Risiken gewappnet seien. In der vorangegangenen Umfrage waren noch 64 Prozent dieser Ansicht gewesen.

Indes muss man die Kaufabsichten etwas relativieren. Entscheidend ist der Bezug auf die Emissionsjahrgänge 2003 und 2004. Diese nehmen sich im Volumen gegenüber den Folgejahren eher bescheiden aus, markieren sie doch den Zeitpunkt, zu dem der Boom in eine Blase überging.

Insofern sollte man die Entspannungssignale nicht überschätzen. Andererseits dauert keine Krise ewig. Die Frage ist indes, wann der Höhepunkt der Krise überschritten ist. Und dieser wurde mehr als einmal zu früh ausgerufen. Im September 2007 sagte beispielsweise ein gewisser Sam Molinaro in Bezug auf die Krise: „Das Schlimmste ist definitiv hinter uns“. Molinarn war seinerzeit Finanzchef der Investmentbank Bear Stearns, die sechs Monate später nur durch eine Eilübernahme vor der Bankrotterklärung gerettet werden konnte.

Solange sich der amerikanische Immobilien- und Hypothekenmarkt nicht beruhigt und sich die Konjunktur dort nicht fängt, bleibt das Potential für weitere krisenhafte Zuspitzungen erhalten. Anleger sollten darauf achten, sich nicht zu früh für ein Ende zu positionieren.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: mho
Bildmaterial: AFP, F.A.Z., FAZ.NET

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