Behavioral Finance (6)

Das habe ich ja kommen sehen

Von Hanno Beck

Im Rückspiegel sehen wir alle gut aus

Im Rückspiegel sehen wir alle gut aus

11. Dezember 2008 Das tut weh: Man hat im Jahr 2000 Internet-Aktien gekauft und sitzt jetzt auf satten Verlusten. Und zu allem Übel wird man von Bekannten noch mit dem schmerzhaften Hinweis versehen, dass es ja so habe kommen müssen und dass man „es ja habe kommen sehen“.
Der einzige Trost: vermutlich haben die Bekannten es nicht kommen sehen. Sie waren im Jahr 2000 genauso arglos und optimistisch wie jeder andere.

Hinterher waren alle vorher klüger

Rückschaufehler (hindsight bias) nennt man in der Literatur das gut dokumentierte Phänomen, dass Menschen im Nachhinein glauben, ein Ereignis vorausgesehen zu haben – obwohl dem nicht so war.

Das ist eine Art schleichender Determinismus: Kennen wir das Ergebnis eines Projektes, einer Unternehmung, dann scheint es im Nachhinein völlig logisch, dass es so kommen musste, wie es gekommen ist. War es nicht absehbar, dass der Neue Markt zusammenbrechen wird? Haben wir nicht gleich gewusst, dass die Aktie nichts taugt?

Ich schmeichle mir

Untersuchungen zum Rückschaufehler legen nahe, dass wir es nicht gewusst haben. Unsere Erinnerung möchte nur unseren prognostischen Fähigkeiten schmeicheln. Die tatsächlichen Folgen einer Entscheidung kommen uns im Nachhinein viel wahrscheinlicher vor, als sie es zum Zeitpunkt der tatsächlichen Entscheidung waren.

Möglicherweise hat das auch etwas mit unserem Informationsverhalten zu tun: Kennen wir den Ausgang der Entscheidung, so suchen wir selektiv nach Informationen, die dieses Ergebnis unterstützen. Argumente, die gegen einen solchen Ausgang sprechen, suchen wir nicht mehr.

Der Rückschaufehler führt dazu, dass wir unsere Einschätzungen rückwirkend korrigieren, wenn wir den tatsächlichen Ausgang eines Ereignisses kennen. Wer also in den Jahren nach 2000 gerne zum Besten gegeben hat, dass er es ja hat kommen sehen, sollte einmal einen Blick in das eigene Portfolio werfen oder aber sich fragen, warum er dann nicht auf fallende Kurse gesetzt hat, wenn er es ja gewusst hat.

Gezinkte Wetten

Solche Rückschaufehler finden sich in zahlreichen Studien beispielsweise bei politischen Ereignissen oder medizinischen Diagnosen. Wenn man das Ende kennt, glaubt man sich sicher zu sein, dass man das ja bereits gewusst hat.

In der Rückschau meinen wir, dass bestimmte Ereignisse unausweichlich waren, dass man dies auch schon vorher hätte wissen können und müssen, und wir erinnern uns sogar falsch an unsere eigenen Voraussagen. Das ist in etwa so, als würde man beim Pferderennen immer auf die Gewinner setzen. Allerdings erst nach dem Einlauf der Pferde.

Im Nachhinein vorher gewusst

In Experimenten kann man diese Neigung zu Selbstverklärung demonstrieren: Man legt Versuchspersonen einen Katalog von Aussagen vor und fragt sie, ob sie die betreffenden Aussagen für richtig oder falsch halten.

Dann befragt man sie, wie sicher sie sich sind, dass sie die korrekte Antwort gegeben haben. Die Antwort lautet zum Beispiel: „Ich bin mir zu 60 Prozent sicher, dass meine Antwort korrekt ist.“

Nach einer Weile wurde den Versuchsteilnehmern mitgeteilt, ob die jeweilige Aussage wahr oder falsch war, dann wurden sie gebeten, sich zu erinnern, wie zuversichtlich sie waren, dass ihre Antwort richtig ist.

Das Ergebnis: Im Nachhinein überschätzten die Versuchspersonen deutlich ihre Fähigkeit, die korrekte Antwort zu geben. Waren sie sich bei der ersten Befragung beispielsweise nur zu 60 Prozent sicher, dass sie die Frage korrekt beantwortet haben, so erinnerten sie sich im Nachhinein, nachdem man ihnen die richtige Antwort verraten hatte, dass sie sich zu 80 oder 90 Prozent sicher waren, die richtige Antwort zu geben. Nachdem man ihnen die Lösung mitgeteilt hatte, glaubten sie, diese schon im Voraus gewusst zu haben.

Fluch des Wissens

Eine andere Variante dieses Phänomens ist der „Das wusste ich schon vorher“-Effekt, der auf einem ähnlichen Versuchsdesign beruht: Man präsentiert Versuchspersonen Fragen und gibt ihnen zugleich die Antworten, diesmal aber, ohne sie zuvor nach ihrer Einschätzung gefragt zu haben.

Man fragt sie stattdessen, ob sie die Lösung auch ohne die bereits erhaltene Antwort gewusst hätten. Das Ergebnis: Präsentiert man ihnen zur Frage auch zugleich die Antwort, so sind die Versuchspersonen sich deutlich sicherer, dass sie diese Antwort auch gewusst hätten, als Vergleichsgruppen, denen man die Antwort auf die Frage nicht verriet.

Man könnte auch von einem Fluch des Wissens sprechen: Die Kenntnis des Ausgangs eines Ereignisses erschwert es uns auch, die Wahrscheinlichkeit dieses Ereignisses im Nachhinein objektiv zu beurteilen. Die unangenehme Folge: Geht das Investment gut, wird man von seinem Vorgesetzten oder seinem Lebensabschnittspartner gelobt, geht es schief, setzt es Kritik mit dem Kommentar, dass es ja so habe kommen müssen.

Lernfaulheit

Aber immerhin ist ein solcher Rückschaufehler für unser Ego eine phantastische Sache, schmeichelt er uns doch vor, dass wir recht gute Prognostiker sind. Das ist natürlich viel angenehmer als die Erkenntnis, dass wir keine so guten Investoren sind, wie wir es immer gedacht haben.

Das ist aber das Problem am Rückschaufehler: Wenn wir uns nachträglich falsch an unsere Prognosen erinnern, können wir auch nichts aus unseren Fehlern lernen. Unser Gehirn betrügt uns. Wir schenken ihm Glauben und halten uns für gute Investoren und Prognostiker.

Wer also etwas aus seinen Fehlern lernen will, muss diese zunächst einmal als solche erkennen. Einfache Warnungen vor dem Rückschaufehler zeigten in Experimenten wenig Wirkung. Ganz so einfach lässt sich unser Ego nicht davon abbringen, dass wir clever sind.

Empfehlung Tagebuch

Also müssen andere Methoden her, beispielsweise ein Investment-Tagebuch: Man macht möglichst exakte Vorhersagen bezüglich seiner Investments, begründet möglichst exakt, warum man etwas tut oder auch nicht, und schreibt seine Prognosen auf.

Ein späterer Blick ins Investment-Tagebuch beseitigt dann alle Zweifel daran, ob man eine Entwicklung wirklich so vorhersagen konnte. Und je präziser die aufgeschriebenen Prognosen sind, umso leichter lässt sich nachweisen, ob man falsch gelegen hat. „Die Aktie wird vielleicht ein wenig fallen“ lässt sich nicht so leicht verifizieren wie die Aussage, dass die Aktie maximal 5 Prozent in den kommenden 12 Monaten verlieren wird.

Auf diese Art gelangen wir zu einer wesentlich realistischeren Einschätzung unserer eigenen Prognosefähigkeit und unseres eigenen Wissens. Auch wenn es ein wenig dem Ego schaden könnte, dem Portfolio kann das nur gut tun.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS

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