Von Wieland Staud
13. Mai 2004 Es sollte eigentlich alles ganz anders kommen: Der Irak wird befriedet, die gesamte Erdölregion im Nahen Osten damit stabilisiert und schließlich finden sich fast zwangsläufig die Preise für ein Faß Öl über kurz oder lang auf erträglichen Niveaus ein. Aber daraus ist nichts geworden. Am Mittwoch dieser Woche ist ein Barrel (159 Liter) Öl so teuer wie seit mehr als einem Jahrzehnt nicht mehr gewesen. Für die Nordseesorte Brent wurden mehr als 38,50 Dollar gezahlt. Zu allem Überfluß für uns Europäer geschah das auch noch im Kontext eines wieder erstarkenden Dollar.
Auch vom Standpunkt der technischen Analyse aus muß der Entwicklung des Ölpreises das Prädikat "extrem beeindruckend" zugestanden werden. Seit Ende 1998 ein Faß Rohöl zum heute völlig unglaublichen Preis von rund neun Dollar angeboten wurde, notiert das schwarze Gold in einem ungefährdeten Aufwärtstrend, der sich in den vergangenen Monaten sogar noch sichtbar beschleunigt hat. Mit Leichtigkeit wurde erst die Unterstützung um 29,50 Dollar mit einem "Backtest" bestätigt. Danach wurden die beiden außerordentlich bedeutenden und markanten Widerstandszonen um 35 und 37 Dollar pulverisiert.
Chart deutet auf fundamentale Änderungen hin
Es besteht kein Zweifel: Wenn die Gesamtheit der Marktteilnehmer erst einmal bereit ist, derartig markante Widerstandszonen so eindrucksvoll aus dem Weg zu räumen, dann hat sich in acht von zehn Fällen irgendetwas in dieser Welt fundamental geändert. Wäre das der Chart eines breit angelegten Aktienindex - spätestens jetzt wäre die Zeit, ein Faß aufzumachen. Man kann alles hoffen, alles erwarten, alles denken, alles drehen und wenden wie man will, aber man wird dieser Öl-Hausse nicht reinen Analysten-Gewissens das nahe Ende verkünden können. Ob man will oder nicht: Nichts ist im gegenwärtigen technischen Umfeld unwahrscheinlicher als eine baldige Trendwende. Der Ölpreis wird weiter steigen. Dabei scheint es gegenwärtig mehr eine Frage der Zeit als eine grundsätzliche Frage zu sein, wann das Barrel Brent über 40 Dollar und in nicht allzu ferner Zukunft möglicherweise auch noch in Regionen um 50 Dollar notieren wird.
Nicht nur das Öl allein hat den Deutschen Aktienindex Dax wohl in den letzten beiden Wochen in die Knie gezwungen. Aber mit Sicherheit hat es seinen Teil dazu beigetragen, daß sich der deutsche Standardwerteindex nicht etwa über die Widerstandszone zwischen 4.150 und 4.175 Punkten hinwegsetzen konnte, sondern vielmehr Ende April kehrt und damit dem Mai seinem unbegründet schlechten Ruf ("Sell in May and go away") reichlich Ehre machte. Mittlerweile hat er die gesamten Zugewinne aus dem April wieder abgegeben. Eine auch analytisch alles andere als angenehme Entwicklung, die zweifelsohne die sehr grundsätzliche Frage aufwirft, ob der Dax sich überhaupt noch in einem mittelfristigen Aufwärtstrend befindet. In derart kritischen Phasen ist es immer gut, sich ein wenig zurückzulehnen und die Dinge mit ein wenig Distanz zu betrachten. Dabei fallen vor allem zwei Dinge auf. Erstens war bislang zu keinem Zeitpunkt seit dem absoluten Baissetief im März 2003 irgendeine Form von Euphorie zu beobachten. Im Gegenteil - auch im Mai 2004 sprechen nahezu alle Sentimentkennzahlen von einer tief sitzenden Skepsis der Marktteilnehmer. Und zweitens ist eine der ehernen Grundregeln der Elliott-Wellen, daß sich Korrekturbewegungen in steigenden Bullenmärkten meistens in drei Schritten vollziehen: Runter, rauf, runter.
Börsen in kritischer Lage - aber die Optimisten sollten sich durchsetzen
Ein kurzer Blick auf die Charts nahezu alle Aktienmärkte der westlichen Hemisphäre vom S&P 500 in Amerika über den Euro Stoxx 50 in Europa bis hin zum Dax in Deutschland zeigt nun für die letzten drei Monate exakt dieses Muster: Ein erster Einbruch nach den Anschlägen von Madrid (Elliott "A"), die nachfolgende Erholung bis in die Nähe der Jahreshöchstkurse (Elliott "B") und nun seit zwei Wochen der aktuelle Kurseinbruch (Elliott "C").
Es gibt aber gute Argumente, die es in unseren Augen nicht sinnvoll erscheinen lassen, jetzt das Steuer herumzureißen, dem Dax sein letztes Stündlein zu prognostizieren und fortan auf mittelfristig fallende Kurse zu setzen. Auch wenn die Lage zweifelsohne schon einmal komfortabler war, so bleibt es dennoch beim Jahresziel für den Dax von 4.400 bis 4.500 Punkten. Wie schon vor ein paar Wochen so markiert auch dieses Mal wieder das aktuelle Niveau des gebrochenen langfristigen Abwärtstrend das analytische Stop-Loss für diese Sicht der Dinge: Unter 3.600 Punkte gehen die Lichter aus. Und dann wäre nicht so sehr die Frage zu diskutieren, ob der Dax sich in Bereichen um 3.300 Punkte einfindet, sondern vielmehr, ob er sich überhaupt über der tatsächlich psychologisch wichtigen Marke von 3.000 Punkte behaupten kann.
Schließlich noch eine vorbehaltlos gute Nachricht: Kurzfristig dürfte der Dax vor weiteren Anfechtungen gefeit sein. Der in jeglicher Hinsicht überzeugende, gerade erst zwei Tage junge "Reversal" vom Mittwochabend an Wall Street berechtigt zu einigen Hoffnungen. So die Aktienmärkte sich nicht in einer extremen Sondersituation befinden, kann ab sofort weltweit mit einer Erholung von durchschnittlich fünf bis sieben Prozent gerechnet werden - Öl hin oder her.
Der Autor leitet die Staud Research GmbH in Bad Homburg
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.05.2004, Nr. 112 / Seite 28
Bildmaterial: Bloomberg, F.A.Z.
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