Von Gene Marcial
31. Juli 2007 Nur keine Panik! Das Firmament wird nicht einstürzen. Sehen wir der Wahrheit ins Auge: Märkte steigen und Märkte fallen. Zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt liegen mitunter nur wenige Tage. Vor zwei Wochen überschritt der Dow erstmals die Schwelle von 14.000 Punkten; vergangene Woche sackten der Dow Jones Industrial Average, der S&P-500 und der Nasdaq-Index jeweils um drei Prozent ab. Das ist die Realität der Märkte, Suprime-Krise hin oder her. Auf das Gesamtjahr gesehen sind die maßgeblichen Indizes nach wie vor im Plus, also kein Grund zur Panik.
Natürlich geht bei vielen Privatanlegern und institutionellen Investoren die Angst um, insbesondere bei jenen, die sich vorwiegend kurzfristig engagieren. Langfristanleger sehen die Geschehnisse indes gelassen und haben die jüngste Rückkehrbewegung am 26. und 27. Juli genutzt, um weitere Aktien zu kaufen, vor allem solche, die sich bereits in ihren Portfolios befinden. Auf der Kaufliste standen hierbei auch ausländische Aktien, insbesondere asiatische Titel.
Wir sind langfristig orientiert und sehen die aktuellen Geschehnisse ohne übertriebene Sorge. Wir investieren in einzelne, fundamental starke Aktien, nicht in Märkte, sagte Rodney Hathaway, stellvertretender Vorsitzender und Portfoliomanager von Heartland Advisors (verwaltetes Vermögen: 3,4 Milliarden Dollar) am 27. Juli. Als Auslöser für die Erschütterungen des Marktes sieht Hathaway die Probleme von Finanzunternehmen mit hohen Beständen fauler Kredite. Unseren Anlageentscheidungen liegt dagegen eine globale Sichtweise zugrunde; auf der internationalen Bühne sehen wir starkes Wachstum und robuste Volkswirtschaften, sagt er. Wir sind im Großen und Ganzen optimistisch, weshalb wir uns gestern und heute mit Aktien eindeckten, wovon die meisten bereits alte Bekannte sind.
Die Sache mit den Gewinnerwartungen
Der von Hathaway für Heartland Advisors verwaltete Fonds hält acht Prozent seiner Vermögenswerte in Barreserven. Einen Gutteil davon haben wir gestern und heute in Aktien investiert, sagt er. Er rechnet mit weiteren Aktienzukäufen für den Fall, dass der Markt weiter sinkt. Verkäufe stehen für ihn momentan nicht zur Debatte.
Unter den am 27. Juli gekauften Aktien befindet sich LSI Industries, ein Hersteller von Beleuchtungsanlagen, dessen Aktie von über 18 Dollar auf 16,41 Dollar nachgab. Hathaway schätzt den Wert der Aktie in diesem Jahr auf mindestens 21 Dollar. Die Dividendenrendite beträgt drei Prozent. Ein weiterer am 27. Juli hereingenommener Titel ist die Aktie von Olin, einem Produzenten von Chlor und Natronlauge, Kupfer und Kupferlegierungen sowie von Edelstahlbändern. Das Papier schloss am 27. Juli bei 20,42 Dollar, nachdem der Kurs eine Woche zuvor noch bei 22 Dollar gelegen hatte. Die Dividendenrendite erreicht fast vier Prozent. Auf der Kaufliste war außerdem Diamond Foods, ein Markenhersteller von Nüssen und Nussprodukten, dessen Aktie vergangene Woche mit 16,42 Dollar aus dem Handel ging. Hathaway hatte den Titel im Juni zum Kurs von 18 Dollar ins Portfolio genommen. Das Unternehmen verzeichnet solide Umsätze mit seinen Nuss-Snacks der Marke Emerald, weshalb er keinen fundamentalen Grund für einen Kursrückgang der Aktie sah.
Angeheizt wurde der Marktrückgang teilweise durch Sorgen, dass die Unternehmensgewinne hinter den Erwartungen zurückbleiben könnten. Auslöser hierfür war der Baumaschinenhersteller Caterpillar, der enttäuschende Zahlen für das abgelaufene Quartal vorlegte. Die Leute waren sich so sicher, dass die Unternehmensgewinne grandios ausfallen würden, bis die Zahlen von Caterpillar ein gegenteiliges Signal sendeten, sagt Donald Gimbel, leitender Geschäftsführer von Carret Investment Counselors mit einem verwalteten Vermögen von annähernd zwei Milliarden Dollar. Wir sind jedoch der Ansicht, dass die amerikanische Wirtschaft derzeit gut läuft und die globalen Aussichten robust sind. Der vorangegangene Marktanstieg war Gimbel zufolge hauptsächlich auf die rosigen Unternehmensgewinnerwartungen zurückzuführen, teilweise auch vorangetrieben durch die in den globalen Märkten vorhandene Liquidität, die ihrerseits das von Private-Equity-Gesellschaften angestoßene Fusions- und Übernahmekarussell am Laufen hielt. So stark die danach vorlegten Gewinne auch ausfielen, die Enttäuschung von Caterpillar hat den Pessimisten Oberwasser verschafft, behauptet Gimbel.
Attraktive Kaufgelegenheiten
Während des Rückgangs trat Gimbel nicht als Verkäufer, sondern als Käufer auf den Plan. Den Löwenanteil seiner Transaktionen hat er an den asiatischen Märkten getätigt. Einige seiner attraktivsten Käufe erfolgten an der Börse von Singapur, die in den vergangenen Tagen ebenfalls nach unten lief. Sein Schwerpunkt lag hierbei auf Unternehmen mit Sitz in Singapur und Hauptgeschäftstätigkeit in China. Zu den von Gimbel erworbenen Aktien zählte Raffles Education, ein Betreiber von Bildungseinrichtungen in China, der in Singapur unter dem Kürzel RLSE gehandelt wird. Gimbel griff zu, nachdem die Aktie des Unternehmens um etwa 20 Prozent auf 1,38 amerikanische Dollar zurückgegangen war. Eine weitere Aktie, deren Kursrückgang Gimbel zum Kauf nutzte, war Midas Holdings (MIDA), ein Hersteller von beschichteten Rohren, die in China bei Energieversorgern und im Straßenbau Verwendung finden. Auch diese Aktie war um 20 Prozent gefallen, bevor sie in Singapur am 27. Juli bei 1,45 Singapur-Dollar schloss. Gimbel schätzt, dass der Kurswert dieser beiden Papiere binnen zwölf Monaten ohne Weiteres um das Doppelte ansteigen kann. Als nächstes möchte sich Gimbel amerikanischen Unternehmen zuwenden - sofern sich der Markt weiter talwärts entwickelt.
William Harnisch, Vorsitzender von Peconic Partners, einem Vermögensverwalter für institutionelle Investoren (darunter mehrere Hedge-Fonds), nimmt als aktiver Anleger zahlreiche Transaktionen für die Portfolios seiner Kunden vor. Der Markt passt sich an ein neues Risikoumfeld an (herbeigeführt durch die Häusermarktkrise und die Probleme mit zweitrangigen Hypothekenkrediten), und Investoren wie wir bewerten unsere Engagements auf dem Markt neu, so Harnisch. Nachdem ihm die Entwicklungen auf dem Aktienmarkt seit April keine Ruhe mehr ließen, fuhr er sein Engagement in Aktien radikal von 65 Prozent auf Null zurück - noch bevor der Markt in der vergangenen Woche massive Einbußen erlitt. Am 26. Juli hat der jedoch begonnen, einige der von ihm zuvor abgestoßenen Titel wieder zurückzukaufen und sein Aktienengagement auf 20 Prozent auszubauen. Für den Fall, dass der Markt grundlos weiter fällt, möchte Harnisch am 30. Juli zukaufen. Sollte der Ölpreis allerdings seinen Aufwärtstrend fortsetzen, überlegt er sich diesen Schritt noch einmal.
Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, dass aus mir auf einmal ein Optimist geworden ist, sagt Harnisch. Einige Dinge stören ihn auch weiterhin, darunter der rückläufige Anleihemarkt und der schwächelnde Dollar. Er ärgert sich über Japan und den zu Carry-Trades ermunternden Wert des Yen gegenüber dem Dollar. Zahlreiche Kreditinstitute haben sich von japanischen Banken Geld geliehen, das sie anderswo investieren. Er warnt davor, dass die Carry-Trade-Geschäfte bei einem weiteren Fall des Dollars zum Erliegen kommen und umkehren würden, was verheerende Folgen für die amerikanische Wirtschaft nach sich ziehen könne. Harnisch ist jedoch nicht abgeneigt, sich den Marktrückgang zunutze zu machen. Zu den Aktien, die er vor dem Einbruch vergangener Woche verkauft und nach der Rückkehrbewegung zurückgekauft hat, zählten Foster Wheeler, Monsanto und CF Industries Holdings. Er verkaufte die Aktien des Anlagen- und Maschinenbauers Foster seinerzeit zu 120 Dollar je Aktie. Nachdem das Papier am 27. Juli auf 109,79 Dollar gesunken war, nahm er die Aktien wieder herein. Als er sich von Monsanto trennte, notierte dessen Aktie bei 70 Dollar. Als ihr Kurs am 27. Juli bei 64 Dollar stand, griff er zu. Das Papier von CF Industries, das Harnisch für 67 Dollar abstieß, fiel am 27. Juli auf 53,71 Dollar, was ihn zum Kauf animierte.
Chancen im Technologiesektor
Zu den weiteren Aktien auf seiner Kaufliste zählten die Spitzenwerte des Technologiesektors: Google, dessen Aktie von 558 Dollar am 16. Juli auf 511,89 Dollar am 27. Juli fiel; das Papier von Cisco Systems, das von 30,39 Dollar am 23. Juni auf 28,97 Dollar nachgab; Oracle, dessen Aktie von 20,98 Dollar am 24. Juli auf 19,62 Dollar zurückging. Auch die Titel des Düngerproduzenten Mosaic und des Anlagen- und Maschinenbaugiganten Fluor sieht Harnisch optimistisch und fügt sie seinem Portfolio hinzu. Die Aktie von Mosaic ging am 27. Juli mit 34,61 Dollar aus dem Handel, nachdem sie zwei Wochen zuvor bei 41,86 Dollar notierte. Fluor fiel innerhalb einer Woche von fast 123 Dollar auf 113,26 Dollar.
Um von Markteinbrüchen profitieren zu können, kommt es vor allem darauf an, zu wissen, welche Aktien man bei Eintreten eines Crashs kaufen möchte. Geld lässt sich bei Aufwärts- und Abwärtsbewegungen des Marktes verdienen. Denken Sie aber immer daran: Keine Panik!
Gene Marcial arbeitet als Wall-Street-Kolumnist für BusinessWeek
Text: BusinessWeek Online
Bildmaterial: FAZ.NET
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