Strategie

Die Börsen laufen bis zur Erschöpfung

01. Juni 2007 „Kaum zu glauben“ - so oder so ähnlich lauten mittlerweile die Kommentare, wenn es um die Kursentwicklung an den Börsen geht. Neben vielen Schwellenländerbörsen laufen vor allem auch die deutschen Werte mit einer besonders ausgeprägten Eigendynamik nach oben (siehe auch: FAZ.NET-Spezial: Dax über 8.000 Punkten).

Der Dax hat seit Jahresbeginn schon satte 20,5 Prozent zugelegt. Damit schneiden die Aktien der großen deutschen Unternehmen inzwischen deutlich besser ab als die Werte des MDax. Das dürfte kaum verwundern. Denn die Unternehmen werden einerseits immer effizienter und profitieren andererseits aufgrund ihrer Internationalität von der weltwirtschaftlichen Entwicklung, die ihnen gegenwärtig auf einer relativ niedrigen Kostenbasis hohe Auftragsbestände besorgt. Aus diesen Grund sind die Gewinnmargen relativ hoch.

Anleger setzen auf internationale Werte

Genau das scheint die internationalen Anleger gegenwärtig in die deutschen und in die internationalen amerikanischen Werte zu ziehen. Denn Unternehmen wie Siemens, SAP und Metro oder Intel, McDonald's, Caterpillar oder auch Coca-Cola erzielen große Teil ihrer Umsätze und insbesondere die Umsatzzuwächse im Ausland und nicht auf dem Heimatmarkt. Die Anleger scheinen der weit verbreiteten Theorie zu vertrauen, der zufolge sich die Weltkonjunktur von der amerikanischen Konjunkturschwäche abkoppeln können wird.

Dabei sieht es dort aufgrund der Schwäche am Häusermarkt alles andere als gut aus. Das amerikanische Wirtschaftswachstum lag im ersten Quartal gerade einmal bei 0,6 Prozent auf Jahresbasis. Und auch dieses Wachstum hängt in erster Linie vom Konsum ab. Fragt sich nur, wie lange sich dieser auf dem gegenwärtigen Niveau wird halten lassen.

Die Börsianer richten ihren Blick dabei auf die Entwicklung des Arbeitsmarktes. Denn wer Arbeit hat, wird auch konsumieren und die Güter kaufen, die von den „Produktionsplattformen“ in Asien hergestellt werden und zu einem großen Teil in den Vereinigten Staaten landen. Auf diese Weise erklärt sich sowohl ein großer Teil des amerikanischen Handels- und Leistungsbilanzdefizits als auch die rasch wachsenden Währungsreserven der Überschussstaaten.

Erstaunlich ist, dass die hereinkommenden Zahlen in der gegenwärtigen Marktverfassung durchwegs positiv interpretiert werden, obwohl die Krise am amerikanischen Häusermarkt und die dadurch ausgelöste, negative Multiplikatorwirkung bei genauerem Blick deutlich zu erkennen ist. Längst zeigt auch der Trend am Arbeitsmarkt nach unten (siehe Charts), obwohl die Daten durch die fiktiven Jobs des so genannte Birth-Death-Modell laufend geschönt werden. Blickt man dagegen auf die so genannten ADP-Daten so zeigt sich, dass sich der Arbeitsmarkt im Produktionsbereich in den vergangenen Quartalen nicht nur kaum erholt hat, sondern inzwischen sogar wieder schrumpft. So fragt sich, woher der allgemeine Wirtschaftsoptimismus kommen mag.

Die Trends nach oben haben eine starke Eigendynamik entwickelt

Was die Börsianer jedoch nicht wahrnehmen wollen, das sehen sie auch nicht. Aus diesem Grund dürften die Aktien in den gegenwärtigen Trends weiter nach oben laufen, obwohl sie zumindest im langfristigen Vergleich längst nicht mehr günstig sind, bis sich die Dynamik irgendwann selbst erschöpft haben wird. Dann dürfte nur ein kleiner Auslöser notwendig werden, um eine deutliche Korrektur auszulösen.

Da in den vergangenen Jahren so gut wie alle Märkte synchron nach oben gelaufen sind und da gleichzeitig viele Anleger gleich positioniert sind und dazu auch noch beinahe die gleich optimistischen Erwartungen haben, scheint eine ebenso synchrone Korrektur im möglichen Ausmaß ebenfalls eine Weltpremiere zu werden.

In diesem Sinne können Mahnungen von so genannten „Value-Investoren“ zu denken geben: „Die Märkte sind eher teuer als günstig“, erklärte beispielsweise Thomas Braun von der Braun, von Wyss & Müller AG in Zürich im jüngsten Interview („Die Märkte sind eher teuer als günstig“). Er hat immer mehr Schwierigkeiten, noch günstige Aktien zu finden. Aus diesem Grund sind die Fonds des Unternehmens inzwischen schon vergleichsweise defensiv positioniert. Er rät Anlegern, Disziplin zu waren und sich von der gegenwärtigen Euphorie nicht mitreißen zu lassen.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @cri
Bildmaterial: Calculated Risk, Kennedy-Modell, F.A.Z., FAZ.NET, Lombard Street Research, Northern Trust, Quelle: Bloomberg, S&P/Case-Shiller Grafik: FAZ.NET

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