Strategie

Hoher Risikoappetit bei zunehmenden Risiken

14. Juni 2007 Relativ schwache Konjunkturdaten in den Vereinigten Staaten und turbulente Rentenmärkte halten die Börsianer in ihrem grenzenlosen Optimismus gegenwärtig nicht davon ab, die Märkte nach den raschen und deutlichen Einbußen der vergangenen Tage wieder ebenso rasch nach oben zu kaufen.

Hereinkommende Daten werden ebenso notorisch positiv interpretiert, wie die immer ausgeprägter werdenden Ungleichgewichte im Welthandel, bei den Währungsreserven und fehlbewertete Währungen ignoriert werden. Wieso auch nicht, scheint das Motto zu lauten, denn spielten sie in den vergangenen Jahren schon keine Rolle, wieso sollten sie es dann in der Zukunft, lautet offensichtlich die einfache Logik.

Hoher Risikoappetit bei zunehmenden Risiken

In diesem Sinne scheinen die Anleger auf die Fortsetzung der Trends der vergangenen Jahre zu setzen. In dieser Zeit konnten die Aktienkurse von mehreren positiven Faktoren profitieren: Tiefen Kursniveaus, tiefen Zinsen, einem disinflationären Prozess aufgrund des intensiver werdenden Welthandels, sich restrukturierenden Unternehmen mit deutlich steigenden Gewinnen bei zunehmenden Umsätzen, von der starken Dynamik in Form von Übernahmen und Fusionen und nicht zuletzt auch vom hohen Risikoappetit der internationalen Anleger.

Die Risikoneigung der Anleger ist nach wie vor sehr hoch und hält die Kurse nicht nur auf dem hohen Niveau, sondern treibt sie zumindest bisher immer weiter nach oben. Rückschläge werden als Kaufgelegenheiten wahrgenommen und immer wieder rasch ausgebügelt. So lange diese Stimmung und Mentalität anhält, dürften die Märkte weiter nach oben laufen. Allerdings ist nicht nur der Risikoappetit hoch, sondern auch die Risiken selbst haben zugenommen.

So scheint der disinflationäre Prozess langsam aber sicher auszulaufen, die Preise und Zinsen haben angezogen, die Unternehmen können vielfach ihre außerordentlich hohen Gewinnmagen nicht mehr steigern oder sie gar nicht mehr halten. Die Unwägbarkeiten nehmen zu. Sie zeigen sich in der Tatsache, dass die Weltwirtschaft in den vergangenen Jahren stark abhängig war vom amerikanischen Konsum. Dort zeigen sich allerdings aufgrund einer hohen Verschuldung der Haushalte im Verhältnis zu den Vermögenswerten, einer unterproportionalen Einkommensentwicklung und nicht zuletzt wegen der Krise am Häusermark des Landes als Folge einer spekulativen Preisblase deutliche Bremsspuren.

Diese Krise dürfte sich noch länger hinziehen und die Wirtschaft des Landes im Trend bremsen. Sie dürfte sich zwar im zweiten Quartal des laufenden Jahres etwas von der deutlichen Schwäche des ersten erholen, allerdings sehr wahrscheinlich nur vorübergehend. Immerhin deuten die mittelfristigen Trends bei Einzelhandelsumsätzen und Auftragsbeständen in Amerika auf eine weitere Abschwächung hin, während die Preise eher nach oben als nach unten tendieren.

Selbst die Schweizerischen Nationalbank warnt vor einer größeren Krise im amerikanische Immobilienmarkt

Will in den Vereinigten Staaten gegenwärtig kaum ein Anleger davon wissen, so gilt das erst recht für Europa. Denn hier nimmt der Konjunkturoptimismus immer groteskere Züge an, obwohl die weltwirtschaftliche Entwicklung stark von den Exporten anhängig ist, die letztlich vor allem in Amerika und Europa landen. Allerdings gibt es zwischen den Zeilen immer mehr Anzeichen dafür, dass auch in Europa der Boom seinen Höhepunkt überschritten hat. Immerhin sind die europäischen Autoverkäufe im Jahresvergleich nicht nur schon seit Monaten rückläufig, sondern sie werden hoch gehalten von der Nachfrage in Südeuropa. Das sind genau jene Märkte, die aufgrund der überhitzten Immobilienmärkte am korrekturanfälligsten sein dürften.

Die Schweizerischen Nationalbank (SNB) zufolge könnte sich die Lage auf dem amerikanische Immobilienmarkt weiter verschärfen und das gesamte Kreditgeschäft in Mitleidenschaft ziehen. Es „kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Probleme im Subprime-Mortgage-Markt Anfang des Jahres 2007 in den Vereinigte Staaten erste Symptome einer größeren Krise im amerikanische Immobilienmarkt - oder einer allgemeinen Verschlechterung im Kreditbereich - darstellen“, wird im Bericht zur Finanzstabilität 2007 erläutert.

Auch wenn die Banken ihre Fähigkeit, Schocks zu absorbieren, verbessert hätten, habe gleichzeitig auch ihre Risikobereitschaft zugenommen. Hinzu kommen die steigenden Kosten und beides zusammen habe das Finanzsystem des Landes verwundbar gemacht, schreibt die SNB. Nach wie vor „ist unklar, ob die Kapital-Puffer in der Finanzindustrie in Form von Eigenmitteln auch für besonders schwer wiegende Ereignisse ausreichend dimensioniert sind“, führte Philipp Hildebrand, der Vizepräsident des Direktoriums der SNB, aus. Bei den großen Banken würde ein Verlust von zwei bis drei Prozent der Bilanzsumme genügen, um die Absicherung komplett aufzubrauchen, fügte er hinzu.

In diesem Sinne dürfte es ratsam sein, die Entwicklung genau zu betrachten und sich blenden zu lassen. Heute sind die Volkwirtschaften enger denn je wirtschaftlich verflochten. Sollte sich die Krise in den Vereinigten Staaten ausweiten, dürfte sie in kurzer Zeit weltweit Wellen ziehen und die gegenwärtige positive Spirale in eine negative verwandeln. Das dürfte auch für die Finanzmärkte gelten.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @cri
Bildmaterial: Calculated Risk, Kennedy-Modell, Credit Suisse Fixed Income U.S. Mortgage Strategy, FAZ.NET, FAZ.NET, BLS, FAZ.NET, Daten: ISM, FAZ.NET, ISM, FAZ.NET, USCB, Lombard Street Research

 

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