Im Gespräch: Nobelpreisträger Vernon Smith

„Die nächste Blase wird schon vorbereitet“

11. Juli 2008 Vernon Smith ist einer der Pioniere der experimentellen Wirtschaftswissenschaft. Er warnt im Interview vor weiteren Preisblasen und erforscht, warum so viele Menschen den Sozialismus attraktiv finden.

Professor Smith, nach Ihrer Erfahrung funktionieren Gütermärkte erstaunlich gut, aber auf Märkten für Vermögenswerte gibt es oft Verwerfungen. Warum?

Auf den Märkten, wo Vermögenswerte gehandelt werden, versucht man den gegenwärtigen Wert von Ansprüchen auf künftiges Einkommen zu ermitteln. Unsicherheit spielt eine große Rolle. Das Modell sagt, dass die Leute nach vorne schauen und den diskontierten Wert der erwarteten Dividenden oder Gewinn berechnen. Nach der Theorie der rationalen Erwartungen stecken in den Preisen alle verfügbaren Informationen. Aber diese Art von Modell ist problematisch. Die Gewinnaussichten werden häufig überschätzt.

War die Überschätzung der Gewinnaussichten der Grund der gegenwärtigen Häuserpreiskrise? Oder gab es noch andere Gründe?

Häuserpreisblasen gibt es immer wieder. Die gegenwärtige Krise ist nicht die erste, sondern nur die schlimmste. Ein Grund dafür war der steuerliche Anreiz, in Immobilien zu investieren. 1997 wurde in Amerika ein Gesetz beschlossen, wonach Wertgewinne für Immobilien von einer halben Million Dollar an steuerfrei sind. Die Leute haben wie wild Häuser gekauft, weil sie auf immer höhere Gewinne gehofft haben. Woher kommt dieser Glaube? Ich weiß es nicht!

Sind die Menschen in Finanzfragen irrational?

Wir haben Leute ins Labor gesteckt und ihnen die Höhe künftiger Gewinnausschüttungen gesagt, wir haben für sie sogar genau ausgerechnet, was der daraus resultierende Vermögenswert sein sollte, aber die Leute haben nicht zugehört! Wenn die Preise steigen, nährt das die Erwartung weiter steigender Preise. Im Fall der Häuserkrise haben die Leute so sehr darauf gesetzt, dass sie die grundlegenden Prinzipien aufgegeben haben, dass man Eigenkapital braucht, andernfalls hat man kein Polster, wenn die Preise mal fallen. Aber das hat ja niemand für möglich gehalten. Es wurden weit mehr Häuser gebaut, als es Nachfrage dafür gab. Wie weit kann das gehen, bis die Preise fallen? Jetzt haben wir diesen Haufen von Häusern und wissen nicht, was wir damit anfangen sollen.

Ein Teil der Blase ist also gewissermaßen zyklisch, ein anderer Teil ist vom Gesetzgeber verursacht. Was sollten die politischen Konsequenzen daraus sein?

Die halbstaatlichen Immobilienfinanzierer Fanny Mae und Freddie Mac sollten abgeschafft werden. Es gab die weitverbreitete Ansicht, dass der Staat diese beiden nicht pleitegehen lässt, dass er notfalls ihre Schulden übernimmt, selbst wenn sie schlecht geführt sind. Dieser Glaube hat zur Blasenbildung beigetragen. Und jetzt redet der Kongress schon darüber, die faulen Kredite mit Steuergeldern zu decken. Wir bereiten damit schon die Grundlage für die nächste Blase. Wenn das bisher die "Mutter aller Häuserpreisblasen" war, dann kommt demnächst die "Großmutter" oder die "Urgroßmutter aller Blasen".

Zwischen den Banken gab und gibt es großes Misstrauen, da keiner wirklich weiß, welche Risiken der andere in seinen Büchern hat. Wie wichtig ist Vertrauen in der Wirtschaft?

Es geht nicht nur darum, ob ich Ihnen vertrauen kann, sondern ob ich auch all Ihren Geschäftspartnern trauen kann. Alle hängen ja zusammen. Auf modernen Märkten machen wir immer mehr Geschäfte mit Leuten, die wir nicht mehr persönlich kennen. War früher Vertrauen in Personen wichtig, so ist es heute Vertrauen in Institutionen und Systeme, die aber vielfach nicht verstanden werden. Umso wichtiger ist es, dass diese Systeme integer sind.

Und haben Sie Vertrauen in das derzeitige Finanz- und Geldsystem?

In den vergangenen Monaten gab es hohen Druck auf die amerikanische Notenbank Fed, die Zinsen niedrig zu halten und viel billiges Geld auszugeben, aber das wird die Inflation anheizen. Die Preise an den Rohstoffmärkten sind in die Höhe geschossen, als die Leitzinsen gesenkt wurden. Vielleicht sehen wir dort die nächste Blase.

Sie zitieren oft den Satz von Friedrich August von Hayek: "Ein Ökonom, der nur ein Ökonom ist, kann kein guter Ökonom sein." Was raten Sie jungen Wirtschaftswissenschaftlern, die sich in diesem Sinne bilden wollen?

Sie sollten möglichst breit die Literatur auch der angrenzenden Fächer lesen. Ich habe mich immer mehr für Anthropologie zu interessieren begonnen, auch Wirtschaftsgeschichte und Prähistorie begeistern mich. Die ökonomische Methode der Modellbildung ist immer ziemlich die gleiche. Wir müssen aber die Probleme interdisziplinär angehen. Anthropologische Ansätze haben mir zu verstehen geholfen, was ich im Labor beobachtet habe, wie sich Menschen in einer kontrollierten Umgebung verhalten.

Wer Ihrer Empfehlung folgt, wird in der Wirtschaftswissenschaft derzeit kaum belohnt. Da ist immer mehr Spezialisierung gefragt.

Das stimmt, ich habe es dennoch so gemacht. Und ich war nicht ganz erfolglos.

Als junger Mann waren Sie Sozialist, erst später haben Sie Vertrauen in die Marktwirtschaft gefasst. Wie kam das?

Meine Mutter war eine überzeugte Sozialistin. In meiner Jugend, in den dreißiger und vierziger Jahren, war meine Familie ziemlich arm. Ich habe mit dreizehn Jahren angefangen zu arbeiten, habe für die örtliche Apotheke mit dem Fahrrad Medizin ausgeliefert. Dafür gab es 25 Cent. Ein Eis kostete 15 Cent. Auch für leere Flaschen, für Altpapier und für Lumpen gab es Geld. Als ich mit dem Studium anfing, traten die politischen Ansichten in den Hintergrund. Je mehr ich Ökonomie studierte, haben sich meine sozialistischen Neigungen geändert. Was mich aber wirklich überzeugt hat, war das erste Experiment, das ich in den fünfziger Jahren gemacht habe.

Ihr eigenes Experiment hat Sie so überrascht?

Da habe ich erkannt, dass alles, was ich zuvor über Märkte gedacht hatte, eigentlich falsch war. Gütermärkte funktionieren weit besser, als ich je erwartet hätte. Die Menschen entdecken die richtigen Preise sehr schnell, ohne die gesamte relevante Information zu besitzen. Wenn es aber um Vermögenswerte geht, deren Wert sich über künftige Zahlungsströme bestimmt, funktioniert das weniger.

Die Zustimmung zum Markt ist hierzulande nicht besonders hoch. Woran liegt das?

Immer noch erscheint der Sozialismus vielen attraktiv. Ich glaube, das hat tiefe Ursachen in der Sozialisierung der Menschen. Die Verhältnisse der kleinen Gemeinschaft, der Familie oder des Stamms, werden auf eine große Wirtschaftsordnung übertragen. In der kleinen Gemeinschaft sehe ich die Bedürfnisse des anderen und helfe, umgekehrt wird mir geholfen. In den frühen Gesellschaften sind die Frauen und Kinder in den Wald gegangen und haben Wurzeln und Beeren gesammelt, die Männer gingen auf die Jagd. Wer ein Tier erlegen konnte, hat die Beute mit allen anderen im Stamm geteilt. Diese Verteilungsmentalität hat sich tief in die Menschen eingebrannt.

Und wo ist das Problem?

Diese Mentalität ist der heutigen Wirtschaft, die auf anonymem Austausch und Spezialisierung in der Großgesellschaft beruht, nicht mehr angemessen. Diese Zusammenhänge hat Hayek sehr schön dargelegt. Auch im Labor zeigt sich, dass die Menschen anders miteinander kooperieren und mehr teilen, als es ein reines Selbstinteresse vermuten ließe. Die Großgesellschaft ermöglicht viel höheren Wohlstand als die Stammesgemeinschaft.

Gibt es einen unlösbaren Widerspruch zwischen Verteilungsgerechtigkeit und Wohlstandsmehrung?

Wenn Eigentumsrechte verletzt werden und wenn die erzwungene Umverteilung zu weit geht, schwächt das die Leistungsanreize. Es wird kein Wohlstand entstehen, wenn der Staat sagt: Oh, da hast du etwas gut gemacht, jetzt nehmen wir es dir weg. Wer ein hohes Einkommen hat und Reichtum anhäuft, der investiert viel, und das schafft allgemeinen Wohlstand. Die Gesellschaft insgesamt profitiert davon. In den Vereinigten Staaten zahlen die Leute in der oberen Hälfte der Einkommensverteilung rund 97 Prozent der Einkommensteuer. Die Umverteilung geht schon sehr weit.

Das Gespräch führten Philip Plickert und Werner Mussler.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Marcus Kaufhold

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