Behavioral Finance (9)

Spielen mit dem Geld des Hauses

Von Hanno Beck

Mit Quiz-Geld lässt sich leichter spielen als mit dem Gehalt

Mit Quiz-Geld lässt sich leichter spielen als mit dem Gehalt

04. Februar 2009 Ein gut gekleideter Mensch spricht Sie auf der Straße an - ob Sie Lust auf ein kleines Spiel hätten? Die Regeln sind einfach: Sie müssen eine Frage richtig beantworten, der gut gekleidete Unbekannte gibt Ihnen sogar vier mögliche Antworten vor. Antworten Sie richtig, bekommen Sie 25000 Euro, liegen Sie falsch, bekommt er von Ihnen 25000 Euro. Vermutlich würden nur die wenigsten von uns sich auf ein solches Spielchen einlassen - wer wäre denn so verrückt, 25000 Euro auf ein solches Ratespiel zu setzen? Oder doch?

Wer regelmäßig „Wer wird Millionär“ oder eine andere Quizsendung ansieht, weiß, dass dem in der Tat so ist: In solchen Sendungen wetten Kandidaten regelmäßig riesige Summen darauf, dass Sie erraten können, wie der Sherpa hieß, mit dem Sir Edmund Hillary erstmals den Mount Everest bezwang, oder wie der längste Fluss der Welt heißt. Ökonomisch gesehen, ist das schräg: Warum tun die Menschen in einer Quiz-Show etwas, was sie im normalen Leben nie tun würden?

Prinzipien einer ordnungsgemäßen geistigen Buchführung

Die Antwort auf diese Frage liegt in der Art, wie Menschen mit ihren Finanzen umgehen, wie sie finanzielle Transaktionen verbuchen: Bei Entscheidungen über Konsum, Sparen und sonstige finanzielle Dinge bilden wir einzelne mentale Konten, auf denen wir die verschiedenen Beträge - Kosten, Ausgaben oder Einnahmen - verbuchen. In der Literatur nennt man das „mental accounting“, also geistige Kontenführung. Das kann man sich so vorstellen wie die Buchhaltung eines Unternehmens: Dort werden auch finanzielle Transaktionen auf unterschiedlichen Konten verbucht, damit das Unternehmen den Überblick behält.

Aus diesem Grund bilden auch wir mentale Konten: Wir wollen unsere Ausgaben und Einnahmen überblicken, ohne dabei den Verstand zu verlieren. Oder können Sie sich etwa vorstellen, jeden Einkauf, jede Ausgabe und jede Einnahme daraufhin zu überprüfen, wie sie sich auf Ihre gesamten Finanzen, auf Ihre Rente, auf Ihren zukünftigen Lebensstandard auswirkt? Mentale Konten schaffen Übersichtlichkeit im Durcheinander unserer Lebensfinanzen - doch eine schlechte mentale Buchhaltung kann rasch teuer werden.

Kleines Glück wird verjubelt

Das ist eine wichtige Erkenntnis: Wenn wir unsere Finanzen in unterschiedlichen Konten ablegen, diese Konten aber mit unterschiedlicher Aufmerksamkeit versehen, dann bedeutet das, dass ein Euro nicht gleich ein Euro ist - wie viel er uns wert ist, hängt davon ab, auf welchem Konto er landet. Gewinnen wir beispielsweise 100 Euro im Lotto, so machen wir uns nicht lange Gedanken darüber, welche Folgen die 100 Euro für unsere Altersvorsorge oder unsere Hypothek haben könnten, sondern wir verbuchen dieses Geld auf dem Konto „Glücksfälle des Lebens“ - und hauen es stante pede auf den Kopf.

Hätten wir stattdessen 25000 Euro gewonnen, so wäre das ernsthaftes Geld, das auf einem Konto landet, das wir sorgfältig beachten - jetzt geht ein Teil in die Altersvorsorge, ein Teil in die Hypothek, nur einen kleinen Teil verprassen wir. Diese Form der Kontenbildung kann auch erklären, warum wir immer so wenig Geld haben, obwohl wir uns für sparsam halten: weil wir den Konten für die kleinen Ausgaben zu wenig Beachtung schenken.

Kleinvieh macht nicht nur Mist, sondern auch arm

Während wir bei großen Ausgaben genau nachrechnen, Preise vergleichen, scheren wir uns bei den täglichen Kleinausgaben oft zu wenig darum, ob es woanders einen Cent billiger ist oder nicht - solche Ausgaben scheinen uns zu klein, als dass es der Mühe wert wäre, sie genau zu beachten, deswegen sind sie durchlaufende Posten auf dem mentalen Konto „Sonstiges“.

Die Kosten für solche Kleinigkeiten gehen verloren unter der Fülle verschiedener anderer, größerer Ausgaben - aber genau diese Kosten sind es, die unter Umständen einen großen Batzen ausmachen, da sie regelmäßig sind und immer wieder kommen. Mehr Ausgabendisziplin fängt also bei den ganz kleinen Ausgaben an. Im Volksmund spricht man dann von dem Heller, den man ehren soll, damit man des Talers wert ist.

Gespielt wird leichter mit fremdem Geld

Die mentalen Konten erklären auch das Verhalten der Quiz-Show-Kandidaten: Das Geld, das sie auf der Straße riskieren, ist ihr eigenes, das beispielsweise auf dem Konto „Rücklagen“ oder „Altersvorsorge“ schlummert - dieses Geld verdient unsere Beachtung, damit gehen wir nicht leichtfertig um.

Das Geld, das man in der Quizshow gewonnen hat, hat man geistig noch nicht nach Hause verbucht, es ist noch nicht das eigene Geld, sondern eine abstrakte Größe - und das kann man dann leichteren Herzens riskieren. „Gambling with the house money“ - spielen mit dem Geld des Hauses - nennt man das dann in angelsächsischen Ländern.

Vor lauter Konten wird die GuV übersehen

Der Haken an der Theorie der mentalen Kontenbildung besteht darin, dass es keine festen Regeln gibt, nach denen Menschen Konten bilden - wir wissen, dass Menschen es tun, aber nicht, wie sie es tun. Zumindest kann man vermuten, dass Menschen drei Arten von Konten bilden: Konten für laufende Ausgaben (laufender Konsum, Miete), für Ersparnisse (Altersvorsorge, Rücklagen für Notfälle) und das laufende Einkommen (reguläres Einkommen, unverhofftes Einkommen).

Experimente zeigen, dass Menschen sehr stark zwischen diesen Konten unterscheiden und ihr Ausgabenverhalten davon abhängig machen, auf welchem Konto sich das jeweilige Geld befindet. Das kann dann dazu führen, dass man auf dem Girokonto in den Miesen ist und hohe Überziehungszinsen zahlt, während auf dem Sparkonto niedrig verzinstes Geld fürs Alter schlummert. Das Altersvorsorgekonto ist die heilige Kuh, von der man weiß, dass man sie nicht schlachten darf - lieber ist man gewillt, den teuren Dispo-Kredit zu zahlen.

Vor lauter Aktien wird das Portfolio übersehen

Mentale Konten führen auch dazu, dass wir schlechtem Geld gutes hinterherwerfen. Kaufen wir beispielsweise eine Aktie, so eröffnen wir ein Konto für diese Aktie, auf dem wir kontrollieren, ob wir im Plus oder im Minus sind. Aufgrund unserer - experimentell gut bestätigten - Aversion vor Verlusten haben wir einen Widerwillen, dieses Konto mit einem Verlust zu schließen, weswegen wir im Zweifelsfall bereit sind, Geld nachzuschießen, in der Hoffnung, dieses Konto noch ins Plus zu drehen.

Über unserem Bestreben, das einzelne Konto im Plus zu halten, verlieren wir den Überblick über die Gesamtheit unserer Anlagen - statt den Gesamtertrag, das Gesamtrisiko unseres Portfolios zu steuern, verlieren wir uns zu sehr in der Beschäftigung mit einzelnen Werten unseres Portfolios.

Einfallstor für Abzocker

Finanzbetrüger wissen um unsere Aversion gegen Verluste und die Versuchung, bereits aufgelaufene Verluste durch weitere Investitionen wettzumachen - und nutzen sie weidlich aus: Zuerst wird der Anleger mit hohen Gewinnen geködert, was ihn dazu verleitet, Geld zu investieren.

Nach einer Weile heißt es dann auf einmal, dass da Verluste entstanden seien, aber eigentlich solle man den Kursverfall, der diese Verluste verursacht habe, eher als Chance betrachten und billig nachkaufen. Und aus Angst vor den Verlusten ist man bereit, in ein Geschäft, mit dem man schon viel Geld verloren hat, weiteres Geld zu investieren - sehr zur Freude des Verkäufers, der den Anleger von Anfang an nur ausnehmen wollte. So teuer kann eine schlechte Kontenführung werden.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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