Von Gerald Braunberger
23. Januar 2008 Nach dem berühmten österreichischen Ökonomen Joseph Schumpeter (1883 bis 1950) sind für den Kapitalismus drei Erscheinungsformen wesentlich: das Privateigentum an Produktionsmitteln, die Produktion auf Kosten und Rechnung des Unternehmers, der damit einen anfallenden Gewinn einstreichen kann, und die Vergabe von Krediten.
Schumpeters Hochschätzung des Kredits mag auf den ersten Blick erstaunen, weil sie sich in dieser Form in den Arbeiten anderer bedeutender Kapitalismusforscher wie Karl Marx oder Werner Sombart nicht findet. Aber Schumpeter will daran erinnern, dass in einer von privaten Unternehmern geprägten Wirtschaftsform Ideen nicht genügen. Unternehmer müssen auch Geld haben, um ihre Projekte in die Tat umzusetzen.
Kredit als Wachstumsgrundlage
Für viele große und auch mittlere Unternehmen ist die Finanzierungsfrage zweitrangig, solange sie über ausreichende Mittel in ihren Kassen verfügen. Für Schumpeter aber waren die neuen und meist kleinen Pionierunternehmen die Treiber der wirtschaftlichen Dynamik. Jungunternehmer mögen zwar großartige Ideen haben - meist aber fehlt es ihnen am notwendigen Geld, um sie zu verwirklichen. Ein Kredit kann hier Abhilfe schaffen.
Dieser Grundgedanke Schumpeters ist sicherlich noch heute korrekt, man muss ihn allerdings aus seiner Zeit heraus verstehen. Schumpeter legte diese Ideen erstmals im Österreich des beginnenden 20. Jahrhunderts nieder. Damals wurde das österreichische Finanzsystem durch eine Gruppe in Wien ansässiger Banken dominiert. Eine Börse existierte zwar, spielte aber keine bedeutende Rolle. Mit anderen Worten: Wer damals als Unternehmer Geld brauchte, musste mit einer Bank über einen Kredit reden.
Das ist heute, im Zeitalter hoch entwickelter Kapitalmärkte, nicht mehr so. Ein Jungunternehmen kann auch versuchen, sich Geld durch die Ausgabe von Aktien zu verschaffen. Dieses Verfahren ist in Amerika verbreiteter als in Kontinentaleuropa, aber auch hier wurden im Zeitalter der Technologiehausse spezielle Börsensegmente für dynamische und innovative Unternehmen gegründet. In Deutschland war das seinerzeit der Neue Markt.
Die Börse als bessere Alternative
Und gerade für die Finanzierung von Pionierunternehmen eignet sich die Börse besser als der Bankkredit. Nach aller Erfahrung überlebt die Mehrzahl junger Unternehmen das zweite oder dritte Jahr nicht mehr. Wenige andere aber prosperieren und werden, wie Microsoft, Google oder Ebay, gar Giganten in ihren Branchen. Eine Bank, die Pionierunternehmen Kredit gibt, muss damit rechnen, einen Teil der Kredite niemals wieder zu sehen, und von den erfolgreichen Kreditnehmern erhält sie nicht mehr als den Kreditbetrag zuzüglich eines vorher vereinbarten Zinses.
Die Aktienfinanzierung ist für sie viel interessanter: Zwar geht auch das Geld verloren, das die Bank jenen Unternehmen gibt, die nach einiger Zeit pleite gehen. Aber die Aktien jener Unternehmen, die später reüssieren, bringen ihr vermutlich sehr viel mehr Geld ein als der mit einem festen Zinsertrag verbundene Kredit. Umgekehrt ist es für eine Bank zumindest sicherer, großen Unternehmen mit erprobtem Geschäftsmodell Kredit zu geben, denn die Wahrscheinlichkeit der Rückzahlung ist hier ungleich höher.
Die Finanzierung von Pionierunternehmen war aber nur ein immer wieder zitierter und, wie man sieht, durchaus hinterfragbarer Aspekt von Schumpeters Hochschätzung des Kredits. Der andere Aspekt ist eigentlich viel wichtiger: Durch die Vergabe von Krediten entsteht Geld, das anschließend durch die Wirtschaft fließt.
Wirtschaftswachstum und Kreditwachstum sind Brüder
Diese Erfahrung machen nicht nur Unternehmen, sondern auch Privatleute, zum Beispiel bei der Aufnahme eines Kredits für den Kauf eines Autos. Mit der Einigung über den Kredit schreibt die Bank dem Konto des Kreditnehmers den vereinbarten Betrag gut. Es handelt sich um Geld, das bisher nicht existierte und von der Bank neu geschaffen wurde. Kauft der Kreditnehmer nun sein Auto, überweist er den Betrag dem Autohaus, das dieses Geld nun für seine eigenen Zwecke verwendet.
Ein erheblicher Teil der Summe wird an den Autohersteller fließen, der sie unter anderem für die Zahlung von Löhnen und den Einkauf von Rohprodukten verwendet. Ein kleinerer Teil des Geldes steht dem Autohaus zur Verfügung. Fast die gesamte umlaufende Geldmenge, zu der man üblicherweise neben dem Bargeld die meisten Kundeneinlagen bei Banken und Sparkassen rechnet, ist durch Kredit entstanden.
Mit der Rückzahlung eines Kredits geht die Vernichtung von Geld einher, aber weil in einer wachsenden Wirtschaft insgesamt mehr Kredit vergeben als zurückgezahlt wird, hat sich das gesamtwirtschaftliche Kreditvolumen im Laufe der Jahrzehnte ebenso erhöht wie die Geldmenge.
Teures Eigenkapital
Die Bedeutung des Kredits für eine Wirtschaft erklärt auch, warum die Zahl der selbständigen Banken im Laufe der Jahrzehnte deutlich zurückgegangen ist. Die Industrialisierung und die Globalisierung haben riesige Industrie- und Handelskonzerne hervorgebracht, die von ihren Banken nicht nur eine internationale Präsenz erwarten, sondern auch die Fähigkeit, gegebenenfalls innerhalb kurzer Zeit zweistellige Milliardenbeträge zu mobilisieren.
Das kräftige Wachstum der Unternehmen erforderte ein ebensolches Wachstum der Banken. Folgerichtig reduzierte sich die ehemals dominierende Rolle des Privatbankiers, der den rasch wachsenden Kredithunger der Unternehmen nicht mehr stillen konnte. An seine Stelle traten große, meist als Aktiengesellschaften organisierte Banken.
Die im Sommer 2007 ausgebrochene und noch nicht beendete Finanzmarktkrise gestattet, einen Blick auf den neuen Umgang der Banken mit ihren Krediten zu werfen. Früher war es üblich, dass Banken einen Kredit über die gesamte Laufzeit bis zur Rückzahlung in ihren Büchern behielten.
Das ist im Laufe der Zeit seltener geworden. Denn zum einen müssen die Banken umso mehr Eigenkapital halten, je mehr Kredit sie vergeben. Diese Vorschriften sollen Bankzusammenbrüche verhindern, weil erfahrungsgemäß ein kleiner Teil der Kredite nicht zurückgezahlt wird und das Eigenkapital dann als Risikopuffer dient. Eigenkapital aber ist aus Sicht der Banken teuer, weil viele Aktionäre heutzutage sehr hohe Renditen für die Bereitstellung von Eigenkapital erwarten.
Kredithandel als Problem
Daher sind viele Banken in den vergangenen Jahren dazu übergegangen, Kredite zu bündeln, in Wertpapiere umzuwandeln und an Kapitalanleger wie Pensions- oder Hedge-Fonds zu verkaufen. Aus der Sicht der Bank ist dies häufig kein schlechtes Geschäft. Zwar gehen die Zinszahlungen für die Kredite nun nicht mehr an sie, sondern an die Eigentümer der Wertpapiere, in die die Kredite eingebracht wurden.
Dafür erhält die Bank vom Abnehmer der Wertpapiere eine Gebühr - und vor allem muss die Bank kein teures Eigenkapital mehr für die Kredite vorhalten. Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht hält man diese Tendenz für vorteilhaft, weil die mit den Krediten verbundenen Risiken durch die Wertpapierverkäufe auf vielerlei Schultern verteilt werden. Aus theoretischer Sicht ist dieser Schluss naheliegend.
Die Finanzmarktkrise zeigt aber ein praktisches Problem: Zumindest einige Erwerber solcher Wertpapiere wie die IKB Industriebank oder die Sachsen LB wussten gar nicht um die Bonität der an amerikanische Hauskäufer vergebenen Immobilienkredite, die sie in Form von Wertpapieren erworben hatten. Wie die Branche mit Krediten umgehen sollte, wird auch nach dem Ende der Finanzmarktkrise eine spannende Frage bleiben.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 20.01.2008, Nr. 3 / Seite 48
Bildmaterial: F.A.Z.
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