21. Februar 2008 Ethanol erlebt als nachwachsender Energieträger einen Boom, doch der hat Nebenwirkungen. Weltweit ziehen die Lebensmittelpreise an, weil immer mehr Getreide und Anbauflächen dafür verwendet werden, den sauberen Kraftstoff zu produzieren. Die Ethanol-Grundstoffe können zudem oft nur mit Kunstdünger, einer nicht nachwachsenden und ökologisch zweischneidigen Ressource, wirtschaftlich angebaut werden.
Mais hat sich angesichts des Booms seit 2005 um 170 Prozent verteuert. Der populäre Ausgangsstoff für die Ethanolgewinnung ist so teuer wie noch nie. Einen frischen Schub für die Preisrally brachte die Entscheidung der Vereinigten Staaten, den Anteil erneuerbarer Energieträger am Kraftstoffmix bis 2022 zu verfünffachen.
Wir propagieren und subventionieren etwas, was den Markt verzerrt
Seit Präsident George W. Bush am 19. Dezember ein entsprechendes Gesetz unterzeichnete, hat der Maispreis 20 Prozent zugelegt. Bei den weltweiten Lagerbeständen der Getreidesorte ist nach Einschätzung von Experten der niedrigste Stand seit 24 Jahren abzusehen.
Wir propagieren und subventionieren etwas, was den Markt verzerrt, sagt Cal Dooley von der Grocery Manufacturers Association, einem Verband der amerikanische Lebensmittelindustrie. Die steigende Nachfrage der Biosprit-Produzenten nach Mais, Zucker und anderen Produktionsgrundstoffen führt dazu, dass die Lebensmittelindustrie für Agrarrohstoffe immer höhere Preise zahlen muss. Die Konkurrenz um Anbauflächen verteuert auch Futtergetreide, sodass die Preise für Milchprodukte und Rindfleisch ebenso steigen wie die Kosten von Mais für Polenta und Cornflakes.
Ethanol hat einen Domino-Effekt, sagte Richard L. Bond, Vorstandschef des größten amerikanischen Fleischproduzenten Tyson Foods Ende Januar. In absehbarer Zukunft werden die Verbraucher immer mehr für Lebensmittel bezahlen müssen.
Vergangenes Jahr legte ein Nahrungsmittel-Preisindex der amerikanische Regierung 4,9 Prozent zu und verzeichnete damit den stärksten Anstieg seit 1990. Für tausende Jahre haben die Menschen Nahrungsmittel angebaut, um sie zu essen. Nun verbrennen wir sie als Kraftstoff, konstatiert Andrew Redleaf von Whitebox Advisors. Der amerikanische Hedgefonds hat vergangenes Jahr drei Getreidedepots erworben, um von der Preisrally am Agrar-Weltmarkt zu profitieren.
Ethanolboom: Größerer ökologischer Schaden als die Verbrennung fossiler Energieträger
Befürworter betonen, dass Ethanol ein wesentlich sauberer Rohstoff ist als Kraftstoffe wie Benzin und Diesel. Wenn Ethanol verbrennt, entstehen ausschließlich Wasser und Kohlendioxid. Letzteres habe eine ökologisch reine Weste, die Ausgangspflanzen zur Ethanolproduktion haben es zuvor ja aus der Luft geholt und in den Zellen gebunden.
Eine aktuelle Studie der Universität Princeton kam allerdings zu dem Schluss, der Ethanolboom verursache einen größeren ökologischen Schaden als die Verbrennung fossiler Energieträger. Forscher um Timothy Searchinger verweisen darauf, dass zur Produktion landwirtschaftlicher Energieträger zusätzliche Anbauflächen geschaffen werden müssen, wenn die Lebensmittelproduktion konstant gehalten werden soll.
In Europa bauen Landwirte zunehmend Getreide zur Ethanolproduktion und Ölsaaten zur Gewinnung von Biodiesel an, sodass weniger Fläche bleibt, um Feldfrüchte für die Nahrungsmittelwirtschaft zu produzieren. In den Vereinigten Staaten dürfte im nächsten Jahrzehnt ein Drittel der Maisernte zu Ethanol verarbeitet werden, schätzt das Landwirtschaftsministerium. 2002 lag der Anteil erst bei elf Prozent.
Auch in den Entwicklungs- und Schwellenländern, in denen Ackerland wegen der klimatischen Verhältnisse oft knapp ist, hat der Kampf um die Anbauflächen begonnen. Angesichts attraktiver Verdienstmöglichkeiten werden Regenwälder brandgerodet, um Plantagen zur Palmölgewinnung oder zum Anbau von Zuckerrohr anzulegen. Nach Einschätzung der Princeton-Forscher wird die veränderte Landnutzung bewirken, dass sich der Ausstoß von Kohlendioxid in den nächsten Jahren fast verdoppelt.
Zunehmender Einsatz von Düngemitteln wird zum Bumerang
Zudem sind viele Flächen nur durch den Einsatz von chemischen Düngemitteln ertragreich nutzbar. Sie sind zum einen ein fossiler, endlicher Rohstoff. Außerdem setzen sie starke Klima-Killer wie das Treibhausgas Lachgas frei. Die Preise mancher Düngersorten haben sich angesichts der steigenden landwirtschaftlichen Nutzung verdoppelt. So kostete eine Tonne Diammonium-Phosphat Mitte Februar über 790 Dollar, ein Jahr zuvor waren es knapp 300 Dollar.
Insgesamt dürfte es ratsam sein, die eingeschlagenen wirtschaftspolitischen Wege sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in Europa kritisch zu hinterfragen. Denn sie sind weder aus ökologischen noch aus ökonomischen Aspekten richtig durchdacht, auch wenn Lobbyisten, in ihrer Gier nach Subventionen, das anders darstellen mögen. Sollte sich die Politik ändern, müßten auch Anleger darauf reagieren. Denn dann würden viele der in den vergangenen Monaten und Jahren entstandenen Trends brechen.
Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.
Text: Bloomberg, @cri
Bildmaterial: AP, FAZ.NET
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