Finanzmärkte

Globale Aktien: Sollte man aussteigen?

Von Ben Steverman

Gebannter Blick auf die Kursentwicklung

Gebannter Blick auf die Kursentwicklung

08. Oktober 2008 Es scheint unfair: Obgleich die aktuelle Finanzkrise in den Vereinigten Staaten ihren Ausgang nahm, sind die Aktienmärkte in der übrigen Welt stärker von ihr betroffen.

Das soll nicht heißen, dass amerikanische Anleger die Auswirkungen des weltweiten Ausverkaufs, der sich in den vergangenen Tagen beschleunigte, bislang nicht zu spüren bekamen. Amerikanische Anleger lassen ihr Geld seit Jahren in florierende Überseemärkte fließen, doch nun geht diese Strategie nach hinten los, da die Übersee-Aktien in den Keller stürzen.

Der MSCI-EAFE-Index - eine Abkürzung für Morgan Stanley Capital International Europe, Australasia & Far East - ist in diesem Jahr um 36 Prozent eingebrochen, während der S&P 500, der breite Index der Vereinigten Staaten, 28 Prozent verlor. Aktien in Schwellenmärkten wie China, Indien und Russland haben noch schlechter abgeschnitten. Ihre Kennzahl, der Vanguard-Emerging-Markets-Index, büßte 45 Prozent ein.

Zusätzlich werden die globalen Leiden der amerikanischen Anleger durch einen steigenden Dollar verstärkt. Kaufen amerikanische Anleger Aktien, die in einer ausländischen Währung wie dem Euro notieren, so profitieren sie, wenn der Dollar schwächelt - was er in den vergangen Jahren stets getan hat. Wenn der Dollar an Boden gewinnt, leiden die Anleger. Der Euro verzeichnete einen Einbruch um nahezu 16 Prozent von einem Höchststand von 1,60 Dollar in diesem Sommer.

Kein koordinierter Einsatz

Die Verluste außerhalb der Vereinigten Staaten mehrten sich am 6.Okober aufgrund neuer Hinweise, dass sich die Finanzkrise weltweit ausweitet, insbesondere auf Banken in Europa.

Während die Vereinigten Staaten einen Rettungsplan in Höhe von 700 Milliarden Dollar für ihre Finanzbranche verabschiedeten, „ist es ziemlich offensichtlich, dass Europa einen koordinierten Einsatz leisten muss, um seinen Finanzmärkten ebenfalls unter die Arme greifen zu können“, glaubt Madelynn Matlock, Portfolio-Managerin des Huntington International Equity Fund.

Die Ökonomen sorgen sich seit einem Jahr wegen eines Konjunkturrückgangs in den Vereinigten Staaten, doch viele professionelle Anleger erwarten nun zudem eine globale Abschwächung. Dies zeigt sich in der relativen Wertentwicklung der Aktienmärkte. „Man könnte behaupten, dass die Vereinigten Staaten schon einen Teil dieser wirtschaftlichen Abschwächung hinter sich gelassen haben“, meint Wasif Latif, der bei USAA mit Kapitalbeteiligungen handelt. Eine Theorie besagt, dass wir, „wenn wir schneller in die Abschwächung hineingehen, auch wieder schneller aus ihr herausfinden“, sagt er.

Die Verwalter internationaler Aktienfonds in den Vereinigten Staaten haben in den vergangenen Monaten gewaltige Verluste eingefahren, worauf die Anleger mit einem Rückzug ihres Geldes reagierten. Nach Aussage von TrimTabs Investment Research haben Anleger in diesem Jahr bislang 48 Milliarden Dollar aus internationalen Aktienfonds abgezogen. Seit Anfang September wurden Fondsabflüsse in Höhe von 31,7 Milliarden Dollar verzeichnet.

Durchhalten!

In den vergangenen Tagen mehrten sich die Verluste, als es in Europa und nun auch in Japan zu einem abrupten Ausverkauf kam. Jahrelang rieten professionelle Anlageberaten in den Vereinigten Staaten ihren Kunden, ihre Aktienbestände durch Beimischung internationaler Werte zu diversifizieren. Ist es nun an der Zeit, diesen Rat zu überdenken? Experten für internationale Anlagen meinen, dass ein Verkauf ausländischer Bestände zu diesem Zeitpunkt wohl ein Fehler wäre.

„Dafür ist es nun etwas zu spät. Das Kind ist bereits in den Brunnen gefallen“, meint Rob Lutts, Gründer von Cabot Money Management. „Wer nicht zu einem früheren Zeitpunkt dieses Jahres reagiert hat, muss jetzt durchhalten. Es werden uns einige harte Monate bevorstehen.“

Zeit für Schnäppchen

Dennoch glauben Portfolio-Manager, dass viele ausländische Aktien derzeit zu Schnäppchenpreisen gehandelt werden. „Da draußen bieten sich enorme Möglichkeiten“, sagt Aaron Visse, Portfolio-Manager des Kensington Global Infrastructure Fund. „Aktien werden nicht auf Grundlage von Fundamentaldaten gehandelt. In vielen Fällen wirft man Fundamentaldaten derzeit regelrecht aus dem Fenster.“

Madelynn Matlock von Huntington teilt diese Ansicht: „Fundamentaldaten spielen derzeit keine Rolle an diesen Märkten.“ Sie kann jedoch nicht mit Sicherheit voraussagen, wann die Anleger sich beruhigen und ihr Augenmerk auf fundamentale Kennzahlen wie Gewinnpotenzial oder Wirtschaftswachstum richten.

„Das Finanzsystem steckt in einer Vertrauenskrise“, sagt sie. „Es ist reichlich Geld vorhanden, nur wird es zurzeit nicht eingesetzt.“ Zudem sind sich die Anleger unsicher darüber, wie gut fundamentale Kennzahlen einem weltweiten Konjunkturrückgang standhalten werden.

Arme Märkte trifft es schwer

Nach Ansicht mehrerer Marktexperten bieten rohstoffabhängige Schwellenmärkte wie Brasilien und Russland besonderen Anlass zur Sorge. „Nicht alle Schwellenmärkte sind gleich“, meint Visse.

Dennoch haben alle Schwellenmärkte ein gemeinsames Problem. In Krisenzeiten „ziehen Anleger ihr Geld aus risikobehafteten Regionen ab“, erläutert Lutts. Und die ärmeren Schwellenmärkte werden im Vergleich zu den reichen Industrienationen als wesentlich risikobehafteter eingestuft.

Die Vereinigten Staaten leiden derzeit an einer Immobilienschwemme, einem Anstieg der Arbeitslosigkeit, katastrophalen Verlusten in ihrem Finanzsektor, hohen Kraftstoffpreisen und einem schwachen Verbrauchervertrauen. Das Seltsame ist, dass viele Anleger angesichts der sich in der ganzen Welt ausweitenden Finanzkrise die Vereinigten Staaten als relativ sicheren Hafen betrachten.

Ben Steverman ist Reporter für den Business Week Investing Channel.



Text: Business Week Online
Bildmaterial: ddp

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