06. November 2007 Jack Ma machte am Dienstag im Blitzlichtgewitter in Hongkong zwei Victory-Zeichen und erntete lebhaften Beifall. Dafür gab es auch allen Grund: Der ehemalige Lehrer Ma hatte sein vor gerade sieben Jahren gegründetes Unternehmen Alibaba.com gerade an die Börse gebracht, begleitet von weltweitem Interesse.
Die chinesischen Aktien-Handelsplätze sind seit Monaten auf Rekordjagd, aber das Börsendebüt von Alibaba übertrifft selbst die kühnsten Träume aus tausend und einer Anleger-Nacht. Am Tag der Erstnotierung konnten Börsianer, die Alibaba für 13,50 Hongkong-Dollar pro Stück gezeichnet hatten, ihren Einsatz fast verdreifachen. Die Aktie kostete zum Handelsende 39,50 Hongkong-Dollar. Solche Kurssprünge galten selbst zu Zeiten des Neuen Marktes in Frankfurt noch als spektakulär. Der Neue Markt war einst das Wachstumssegment des deutschen Aktienmarktes. Den riesigen Kursgewinnen folgten noch größere Verluste und die Schließung.
Der zweitgrößte Internet-Börsengang nach Google
Rekorde konnte Alibaba nach und vor dem ersten Handelstag aufweisen. Der Börsengang spülte dem Unternehmen umgerechnet rund eine Milliarde Euro in die Kasse. Damit legte Alibaba den weltweit zweitgrößten Börsengang einer Internet-Firma überhaupt hin, nach Google im Jahr 2004. Und sehr leicht hätte Jack Ma sogar den erfolgreichen Suchmaschinenbetreiber noch übertreffen können. Die Nachfrage nach der Aktie war 250-mal größer als das Angebot.
Der Alibaba-Boom ist umso überraschender, als die Dimensionen des Unternehmens bescheiden anmuten. Im ersten Halbjahr erwirtschafte die im ostchinesischen Hangzhou ansässige Firma einen Umsatz von 958 Millionen Yuan, das sind 88,5 Millionen Euro. Der Gewinn belief sich auf 295 Millionen Yuan (27,5 Millionen Euro).
Bewertung jenseits von Gut und Böse
Das Geschäftsmodell selbst ist zwar originell und lukrativ, aber per se keine Goldgrube. Als Internet-Portal bringt Alibaba Unternehmen mit potentiellen Kunden zusammen. Ein Marktplatz ähnlich wie Ebay, nur ohne Auktion und für Geschäftsprofis. Wer etwa am Dienstag auf die Seite surfte, den erwartete unter anderem ein Teheraner Unternehmen auf der Suche nach Vierkantstahl. Ein chinesischer Anbieter pries seine Fernbedienungen mit besonders großen Tasten an.
Die Anleger finden das offensichtlich so großartig, dass sich die Bewertungsdaten für das Unternehmen inzwischen jenseits von Gut und Böse befinden. Die Aktie wird nach Bloomberg-Berechnungen jetzt zum 155-fachen der für 2008 erwarteten Gewinne gehandelt. Üblicherweise halten Anleger ein zehnmal kleineres Kurs-Gewinn-Verhältnis für normal.
Was heißt schon normal?
Aber Normalität scheint gegenwärtig das falsche Wort zu sein, wenn es um chinesische Aktien geht. Seit dem vergangenen Montag kommt das teuerste Unternehmen der Welt nicht mehr aus den Vereinigten Staaten, sondern aus dem Reich der Mitte: Der staatliche chinesische Ölkonzern Petrochina hat den amerikanischen Ölkonzern Exxon Mobil mit Blick auf den Börsenwert klar abgehängt (siehe Grafik).
Indizes wie der Hang Seng haben seit Jahresbeginn mehr als 50 Prozent zugelegt. Selbst an Tagen, an denen die anderen Börsen der Welt schwach tendieren, glänzt die Börse in Hongkong mit kräftigen Zuwächsen.
Die Profis verabschieden sich aus China
Immer mehr Kritiker sind überzeugt, dass der Glanz vergänglich ist. Noch befeuern Abermillionen chinesischer Kleinanleger den Boom. Analysten der Deutschen Bank etwa erwarten, dass Investoren vom chinesischen Festland in den kommenden zwölf Monaten bis zu 70 Milliarden Dollar in Hongkong anlegen. Zugleich fragen sich die Finanzexperten bang, wie lange es wohl noch dauert, bis angesichts hoher Überbewertungen die Blase platzt.
Die richtigen Profis verabschieden sich jetzt. Großinvestor Warren Buffett warnte kürzlich vor chinesischen Dividendenpapieren: "Wir kaufen nie Aktien, wenn die Preise so rasch steigen." So hat er seine Beteiligung an Petrochina inzwischen verkauft. Und den Alibaba-Zauber hat er wohl erst gar nicht mitgemacht.
Am Tag nach der Erstnotiz des Internet-Portals kehrte dann auch wieder ein wenig Rationalität selbst bei der Alibaba-Aktie ein. Nach dem Hype am Dienstag hieß die Devise am Mittwoch: Verkaufen statt kaufen und üppige Gewinne mitnehmen. Der Kurs brach in einem ansonsten sehr freundlichen Marktumfeld zehn Prozent ein.
Text: F.A.Z., 07.11.2007, Nr. 259 / Seite 29
Bildmaterial: AP, F.A.Z., FAZ.NET
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