Altersvorsorge

Die Inflation halbiert die Rente

Von Dyrk Scherff

01. April 2008 „Wenn Sie weiter so viel Geld verdienen wie in den vergangenen fünf Jahren, bekommen Sie später von uns eine monatliche Rente von 1500 Euro.“ So lautet sinngemäß der wichtigste Satz der Renteninformation, die jeder Bürger vom Staat zugeschickt bekommt. Dieser Brief gibt jährlich Auskunft über die im Ruhestand zu erwartende Höhe der gesetzlichen Rente. 1500 Euro, bei manchen sogar mehr - das klingt erst mal gar nicht so schlecht. Wenn dann noch private Einkünfte dazukommen, lässt sich die Zeit nach dem Berufsleben ganz gut verbringen. Denken viele.

Doch die hohen Zahlen sind tückisch. Sie gaukeln den Wohlstand nur vor. Die Menschen haben im Kopf, was sie heute von 1500 oder 2000 Euro Einnahmen kaufen könnten. Und das ist ja gar nicht so wenig. Doch sie vergessen zum einen, dass sie darauf noch Steuern und Krankenkassenbeiträge bezahlen müssen, wenn sie gesetzlich versichert sind.

Trugschlüsse

Und zum anderen ignorieren sie, dass die versprochene Rente erst in 20 oder 30 Jahren bezahlt wird. In dieser langen Zeit werden die Preise kräftig steigen, und mit der Rente lässt sich deutlich weniger einkaufen als heute. In den kommenden Jahren könnte sich das Problem noch verstärken, denn Experten rechnen mit höheren Inflationsraten. Am Freitag erst hat das Statistische Bundesamt mitgeteilt, dass die Inflationsrate im März auf hohe 3,1 Prozent steigen dürfte.

Wer heute 30 Jahre alt ist und glaubt, bei Alterseinkünften in Höhe von 1500 Euro locker für 800 Euro in den Urlaub fliegen zu können, dürfte also überrascht werden. Denn der Preis für die gleiche Reise hat sich bis zum Ruhestand auf fast 1700 Euro verdoppelt (siehe Infografik) - wenn man davon ausgeht, dass sich der Tourismus jährlich um zwei Prozent verteuert und damit ungefähr so stark wie das bisherige allgemeine Preisniveau auf lange Sicht.

Illustrative Barwerte

Ein Oberklassewagen würde sich im gleichen Zeitraum bei zwei Prozent Inflation von 50.000 auf 124.000 Euro verteuern. Ein Opernbesuch würde dann 124 statt heute 60 Euro kosten, ein gutes Sofa mehr als 4000 Euro. Und die Miete steigt von heute 1200 auf fast 2500 Euro. Die Mieter können wenigstens darauf hoffen, dass die Kaltmiete wie auch in den vergangenen Jahren langsamer steigt als andere Preise. Das könnte auch für den Kauf einer Wohnung oder eines Computers gelten. Dafür dürfte die Gesundheit sehr schnell teuer werden - und zwar schneller als um zwei Prozent im Jahr.

In der Summe bleibt eine kräftige Entwertung der heute versprochenen Rente. Um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie üppig man im Ruhestand einkaufen könnte, können die Renten in der Renteninformation auch auf heutiges Preisniveau heruntergerechnet werden.

Für einen 30jährigen bedeutet das zum Beispiel, dass die für seinen 67. Geburtstag prognostizierte Zahlung von 1500 Euro heute eine Kaufkraft von nur 720 Euro hätte - wenn man wieder eine Inflationsrate von zwei Prozent annimmt. Die Reise im Wert von 800 Euro wäre also aus den monatlichen Einnahmen nicht zu bezahlen. Bei drei Prozent Preissteigerung hätte die Rente gar nur einen mickrigen Wert von 504 Euro (siehe Infografik).

Eher mit dem geringsten rechnen

Die Renteninformation weist auf diese Entwertung durch die Inflation hin, errechnet aber keine davon bereinigte Rente. Aber sie bietet auf Umwegen einen Anhaltspunkt. Der Brief nennt eine erwartete Rente unter Ignorierung der Rentenerhöhungen, die in den nächsten Jahrzehnten anfallen. Sie könnten zwischen einem und zwei Prozent im Jahr liegen und würden damit fast die Entwertung durch eine moderate Inflation ausgleichen.

Diese Zahl in der Renteninformation kommt also der inflationsbedingten realen Rente nahe, liegt aber etwas darüber. „Vorsichtige Bürger sollten von dieser Größe 10 bis 20 Prozent abziehen, um eine aussagefähige Summe zu bekommen“, sagt Stephan Hollenders, Geschäftsführer der Meridio Privates Vorsorge-Management, eines Vermögensverwalters, der in der Altersvorsorge berät. Steuern und Abgaben müssen davon noch abgezogen werden, um den Betrag zu errechnen, der tatsächlich zur Verfügung stehen könnte.

Einen solchen Anhaltspunkt bieten private Renten- und Lebensversicherungen in der Regel nicht. Auch sie versprechen in ihren jährlichen Briefen eine einmalige Ablaufleistung oder eine monatliche Rente - und auch hier müssen Sparer die Geldentwertung berücksichtigen. Beeindruckend große Beträge werden dann schnell relativiert.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.03.2008, Nr. 13 / Seite 47
Bildmaterial: AP, dpa, F.A.Z.

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