Von Peter Coy
26. Januar 2007 Der Ölmarkt gebärdet sich selbst für die Verhältnisse dieser launenhaften Branche erstaunlich chaotisch. Im vergangenen Sommer noch auf einem Allzeithoch von 77 Dollar pro Barrel, sackte der Ölpreis auf fast 52 Dollar ab und fiel am 18. Januar an der Rohstoffbörse New York Mercantile Exchange gar unter 50 Dollar, bevor er bei 50,50 Dollar schloss.
In diesem neuen volatilen Umfeld profitieren vor allem jene Unternehmen, die das Geschäft mit dem Risiko am besten beherrschen - jene an der Wall Street. Investmentbanken wie Goldman Sachs machen ein Bombengeschäft mit dem Verkauf maßgeschneiderter Hedging-Instrumente an Ölverbraucher, die sich gegen die Achterbahnfahrt des Ölmarktes absichern wollen. Mit den gegenwärtig auf dem Markt befindlichen 530 Energie-Hedge-Fonds gegenüber lediglich 180 im Oktober 2004 ist das Engagement des Finanzsektors im Ölhandel - und seine Fähigkeit, aus Preisbewegungen in beide Richtungen zu profitieren - so groß wie nie zuvor.
Preisbewegungen von zwei Dollar pro Tag - das gab es noch nie
Ist die Wall Street nun aber für die Volatilität verantwortlich, aus der sie Kapital schlägt? Manche sind dieser Ansicht. Wir erleben nun größere Preisbewegungen von mittlerweile zwei Dollar pro Tag. Das gab es noch nie, sagt Peter Fusaro, Mitgründer des Energy Hedge Fund Center, einer Energiehandels-Informationswebsite zur Beobachtung von Hedge-Fonds im Energiesektor.
Für die langfristigen starken Preisausschläge sind Finanzinvestoren indes zum größten Teil nicht verantwortlich; sie machen die in der realen Welt vorhandene Volatilität lediglich sichtbar. Die blitzschnellen Käufe und Verkäufe dieser neuen Generation von Ölmarktinvestoren lassen die Ölpreise rascher auf tatsächliche Entwicklungen reagieren. Dies ist positiv zu werten, da Ölproduzenten und -verbraucher hierdurch schneller an entscheidungsrelevante Informationen gelangen, etwa wenn es um die Erschließung einer neuen Ölquelle geht. Die Finanzmärkte sind die eigentlichen Nachrichtenboten. Sie haben die schon immer vorhandene Volatilität transparenter gemacht, sagt Peter Hancock, Mitgründer des amerikanischen Strategieberaters Integrated Finance Ltd.
Es ist eine unumstößliche Tatsache, dass die Ölvorräte begrenzt sind, weshalb jede Störung auf der Angebots- oder Nachfrageseite die Preise nach oben oder nach unten treiben kann. Und Störungen gibt es zuhauf. Zu den Preistreibern zählen unter anderem die politische Instabilität in Nahost, die starke Ölnachfrage Chinas, das häufigere Auftreten von Stürmen infolge der globalen Erwärmung sowie eine lauernde Angst, dass die Ölproduktion ihren Zenit überschritten hat. Preissenkend wirken dagegen zusätzliche Förderkapazitäten durch Inbetriebnahme neuer Ölfelder, milde Winter und die Möglichkeit eines Preiskriegs innerhalb der Opec.
Der Futures-Markt spekuliert in den kommenden zwei Jahren mit einem Preisanstieg von rund sieben Dollar pro Barrel auf dann 59 Dollar. Diese Prognosen werden allerdings von niemandem richtig ernst genommen. Davis Wyss, Chefvolkswirt von Standard & Poor's, rechnet damit, dass sich der Ölpreis langfristig zwischen 60 und 65 Dollar einpendeln wird, fügt seiner Prognose allerdings selbstironisch die Einschränkung plus/minus 30 Dollar hinzu.
Schwankungen der Energiepreise - reale Kosten
Im Augenblick kommt der Weltwirtschaft günstiges Öl zweifellos gelegen. David Rosenberg, Volkswirt bei Merrill Lynch, gab in einer Research Note am 16. Januar die Schätzung ab, dass der rückläufige Ölpreis dem amerikanischen Wirtschaftswachstum ein Plus von 0,75 Prozentpunkten im ersten Quartal bescheren würde. Nach seiner Ansicht hätte billiges Öl den gleichen Effekt wie drei Zinssenkungen der Notenbank. Doch auf lange Sicht entstehen durch die Schwankungen der Energiepreise reale Kosten, da sie den Prozess der Entscheidungsfindung nachhaltig stören. Ölunternehmen, Automobilhersteller, Fluggesellschaften und das produzierende Gewerbe müssen zumindest ungefähr wissen, wie sich der Ölpreis in Zukunft entwickelt, um ihre Unternehmen effizient leiten zu können. Insbesondere Investitionen in den Alternativenergiesektor hängen entscheidend von den langfristigen Ölpreisprognosen ab.
Es gibt jedoch es auch Mittel und Wege, mit der Volatilität ganz gut zu leben. Das enorm gestiegene Handelsvolumen der Spekulationen in Öl-Futures führte zu einer Erhöhung der Marktliquidität. Nach Angaben der amerikanischen Aufsichtsbehörde für den Terminmarkt (Commodity Futures Trading Commission) erreichte die als Maß für das Handelsvolumen geltende Zahl der noch nicht glattgestellten oder ausgeübten Öl-Kontrakte (offene Positionen) an der New Yorker Rohstoffbörse mit 1,28 Millionen Barrel Anfang Januar ein Rekordhoch. Früher war der Handel auf jene beschränkt, die große Ölmengen physisch lagern konnten, sagte der frühere amerikanische Notenbankpräsident Alan Greenspan im vergangenen Jahr in einer Anhörung vor dem Finanzausschuss des Repräsentantenhauses. Heute jedoch, fügte er hinzu, beschleunigen die neuen Marktteilnehmer, Investoren und Spekulanten die Anpassung des Marktes an ein knapper werdenden Angebot.
Unternehmen wir Goldman Sachs sind Experten, wenn es darum geht, das Risiko anderer zu übernehmen, es in handliche Stücke zu zerlegen und anschließend zu verkaufen. In den 1990er Jahren ermutigte die Wall Street Energieunternehmen wie Enron, Mirant und Dynegy, eine hauseigene Trading-Kompetenz aufzubauen. Als Enron dann 2001 zusammenbrach, vollzogen die Investmentbanken jedoch eine Kehrtwende um 180 Grad gegenüber der Branche und fragten 'Warum lastet ihr euch diese unverhältnismäßig hohen Risiken auf?', sagt Stephen Schork, Redakteur von The Schork Report, einem amerikanischen Börsenbrief mit Schwerpunkt auf Energiemärkte. Der Energiehandel verlagerte sich binnen kurzer Zeit von Houston zu den Finanzzentren Manhattan und Greenwich (Connecticut).
Für Unternehmen aus dem Nicht-Finanzbereich bedeutet das Leben mit den Ölpreisschwankungen inzwischen entweder, die vom Finanzsektor angebotenen Absicherungsprodukte zu kaufen, oder mit den Risiken selbst zurechtzukommen. Der Automobilhersteller General Motors beispielsweise sichert sich ohne Rückgriff auf die Wall Street ab, indem er an beiden Fronten gleichzeitig aktiv ist. So produziert GM auf der einen Seite spritdurstige Geländewagen (SUVs) am laufenden Band (in der Hoffnung auf billiges Öl), arbeitet andererseits aber auch an der Entwicklung des genügsamen Hybridfahrzeugs Chevrolet Volt, das man über Nacht zum Aufladen an die Steckdose hängt. Paul Ballew, leitender Marktstratege bei GM, kommentiert dies mit den Worten: Wir müssen vorbereitet sein, egal, ob der Preis pro Barrel bei 20 Dollar oder bei 60 Dollar liegt.
Hedging - mit Vorsicht zu genießen
Das ist leichter gesagt als getan. Wiederholte Preisausschläge treffen Ölproduzenten und -verbraucher oftmals völlig unerwartet. Ein tragischer Fall ist etwa jener der Fluggesellschaft Northwest Airlines, die es für klug hielt, die Kosten für Kerosin festzuschreiben, um sich gegen weitere Preisanstiege abzusichern. Das Unternehmen, das unter Gläubigerschutz nach Chapter 11 des amerikanischen Insolvenzrechts steht, sicherte die Hälfte seines Kerosinbedarfs für das vierte Quartal zu 65 Dollar gegenüber 79 Dollar pro Barrel Rohöl ab. Dies lag weit über dem Preis, der beim Kauf des gesamten Kerosins auf dem Kassamarkt hätte bezahlt werden müssen. Die Fluggesellschaften UAL, AMR und Delta schlossen ebenfalls Hedging-Geschäfte ab, bei denen sie draufzahlen mussten. Nach Aussagen von AMR-Finanzchef Thomas W. Horton war das Treibstoff-Hedging im Jahr 2006 in etwa ein Nullsummenspiel mit Gewinnen in der ersten Jahreshälfte und Verlusten in der zweiten. Hedging ist eines der Dinge, mit man mit Vorsicht genießen sollte, so Horton.
Doch auch den Ölunternehmen bereiten diese Schwankungen starke Bauchschmerzen. John Felmy, Chefvolkswirt des American Petroleum Institute, sagt: Es ist wirklich zum Haare raufen. Man wettet auf Investitionen mit einer Laufzeit von 30 oder 40 Jahren. Stefano Cao, Geschäftsführer für Exploration und Produktion des italienischen Ölriesen ENI, lacht, wenn er gefragt wird, warum sein Unternehmen keinen Experten für Ölprognosen anstellt: Er würde jeden Monat gefeuert. Wenn in unserer Branche eines sicher ist, dann, dass derjenige, der Projekte auf Grundlage eines bestimmten zukünftigen Ölpreises bewertet und entscheidet, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit falsch liegt.
Die Angst, von plötzlichen Preiseinbrüchen kalt erwischt zu werden, führt zu einer geringen Risikotoleranz der Ölproduzenten. Bei Ausschreibungen für Bohrlizenzen oder beim Erwerb kleiner Unternehmen legen viele Großakteure eine Rentabilitätsuntergrenze (Hurdle Rate) von 25 oder 30 Dollar pro Barrel fest. Demnach sind ihre Investitionen selbst bei derart niedrigen Preisen rentabel, sagt Nariman Behravesh, Chefvolkswirt des amerikanischen Marktprognose-Instituts Global Insight. Bei Ölpreisen von über 40 Dollar denken Unternehmen wie Exxon Mobil gar nicht erst an die Übernahme von Unternehmen, weil potenzielle Kandidaten ermutigt würden, zu viele Fragen zu stellen.
Doch selbst für konservative Ölriesen ist die Existenz eines tiefen und aktiven Finanzmarktes ein Plus. Die kollektive Weisheit des Weltmarktes entwirft ein Bild der Zukunft, dem die eigenen Planungsteams nichts entgegenzusetzen haben.
Es sind indes nicht nur Top-Analysten und hochbezahlte Händler, die Einfluss auf die Weltölmärkte ausüben. Es sind die kleinen Leute, die damit beginnen, einen bestimmten Prozentsatz ihrer für den Ruhestand zurückgelegten Gelder in einen Rohstoff-Fonds zu stecken. Mehr als 100 Milliarden Dollar sind mittlerweile in Rohstoff-Fonds investiert, die den Goldman Sachs Commodity Index oder den Dow Jones-AIG Commodity Index nachbilden.
Einigen Finanzinstituten reichen Handelsaktivitäten alleine noch nicht
Einigen Finanzinstituten reichen Handelsaktivitäten auf dem Futures-Markt allerdings nicht mehr aus, und so machen sie sich auch noch die Hände schmutzig, indem sie - wie seinerzeit Enron - physische Vermögenswerte wie Pipelines und Endstationen von Pipelines kaufen. Damit erhalten sie einen völlig legalen Blick hinter die Kulissen des Energiemarktes. Die amerikanische Notenbank förderte den Trend im Jahr 2003, indem sie Geschäftsbanken den Erwerb physischer Vermögenswerte gestattete. So besitzt Goldman Sachs unter anderem Anteile an einer Ölraffinerie in Kansas und an einer durch die Bundesstaaten New York und Connecticut verlaufenden Erdgaspipeline. Im August verkündete der amerikanische Pipeline-Betreiber Kinder Morgan, dass er von einer Investorengruppe unter Leitung von Goldman Sachs, AIG, Carlyle Group und Riverstone Holdings übernommen wurde, wobei die Transaktion auf 22 Milliarden Dollar beziffert wurde. Ein direktes und tiefgehendes Engagement in einen Vermögenswert verbessert unseren Zugang zu Informationen beispielsweise im Hinblick auf Engpässe, sagt Paul Addis, Mitgeschäftsführer eines neuen Jointventures des New Yorker Hedge-Fonds Highbridge Capital Management und der unter anderem im Rohstoff- und Energiesektor tätigen Louis Dreyfus Group.
Diese besondere Zugangsmöglichkeit gerät jedoch zusehends in die Kritik. So kam der ständige Untersuchungsausschuss des amerikanischen Senats in einem Bericht vom Juni 2006 zu dem Schluss, dass durch Hedge-Fonds und Private-Equity-Gruppen betriebene exzessive Spekulation in Öl zur Verzerrung der Marktsignale geführt hätten. In welchem Ausmaß gehen die Schwankungen auf Angebot und Nachfrage zurück, und inwieweit sind hier wettbewerbswidrige Handelspraktiken im Spiel?, fragt Tyson Slocum, Leiter des Energieprogramms der in Washington ansässigen Verbraucherschutzgruppe Public Citizen. Wir freuen uns, dass die Preise nach unten gehen. Das Problem liegt in den Schwankungen, die für niemanden gut sind.
Zumindest sind sie gut für die Händler. Man sollte den schwarzen Peter aber nicht der Wall Street zuschieben. Die Preisausschläge sind real und werden weiterhin anhalten.
Unter Mitwirkung von Lorraine Woellert (Washington), David Welch (Detroit), Moira Herbst (New York), Michael Arndt (Chicago) und Gail Edmondson (Paris)
Text: Businessweek Online
Bildmaterial: AFP, BNP Paribas/Reuters EcoWin, FAZ.NET
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