Anlagestrategie

Mit den Anlegern geht langsam die Phantasie durch

22. Juli 2005 Mit Börsenbooms ist das so eine Sache. Erst fangen sie harmlos an. Aus unterbewerteten Aktien solider Unternehmen werden realistisch bewertete Aktien. Weil alles so schön läuft, werden die Anleger optimistischer. Sie beginnen die Wachstumswerte hochzukaufen und die Bewertungen werden schon etwas optimistischer.


Weil alles so gut läuft, beginnen die Börsianer verstärkt nach Werten zu suchen, bei denen noch etwa drin ist. Und Stück für Stück werden Bewertungen durch Wachstumserwartungen und Wachstumserwartungen durch Hoffnungen, schließlich Hoffnungen durch Phantasien ersetzt und am Schluß steht die bloße Phantasterei.

IVU: Rettungspaket als Kursrakete

Sind wir schon wieder so weit gekommen? Das mag man sich fragen, wenn man die Kurssteigerungen der letzten Wochen bei einigen Werten verfolgt. Im vergangenen Monat hat die Aktie die IVU Traffic Technologies 54 Prozent zugelegt, in den vergangenen zwei Monaten sogar 105 Prozent. Das Unternehmen, das rund 80 Prozent des Umsatzes mit Lösungen für öffentliche Verkehrssysteme generiert, kam im Juli 2000 zu 20,50 Euro an die Börse und lief rasch auf 30,30 Euro hoch. Damals schrieb man auch noch leicht schwarze Zahlen.

Bis zum Jahr 2001 stürzte das Papier auf 56 Cent ab. Das Unternehmen macht auch nicht direkt Freude. 2001 übertrafen die Verluste den Umsatz um 50 Prozent und von da an blieb es bei roten Zahlen. Nach einer einmaligen Verbesserung im Jahr 2002 wuchsen diese sogar wieder. 2004 mußten Firmenwerte abgeschrieben werden. Auch die Umsätze sind in den vergangenen Jahren geschrumpft, was sich im ersten Quartal des laufenden Jahres fortgesetzt hat. Nur dank Kosteneinsparungen hat sich der Quartalsverlust verringert.

War der ursprüngliche Auslöser für den Kursanstieg ein Großauftrag, sind die Gründe für den jüngsten Kursschub weniger nachvollziehbar. Erstauslöser war vor allem die Kaufempfehlung der auf spekulative Werte spezialisierten CdC Capital. Allerdings räumt selbst der Börsenbrief ein, daß die Liquiditätssituation „bei den Mitbewerbern deutlich besser“ sei. Was das hieß, war einer Unternehmensmeldung in der vergangenen Woche zu entnehmen.

Mit einer Kapitalerhöhung und durch Umschuldung wurde die finanzielle Situation verbessert. Die DZ Bank verzichtet dabei auf Forderungen in Höhe von 1,9 Millionen Euro. Gleichzeitig gewährten Deutsche Bank und die Deutsche Kreditbank neue Darlehen. Damit sei „das Risiko des vollständigen Eigenkapitalverzehrs im dritten Quartal 2005 abgewendet“. Die zusätzliche Liquidität beträgt etwa 200.000 Euro pro Jahr.

Unter diesen Umständen muß man schon eine gewisse Risikofreude mitbringen, um auf IVU zu setzen. Zumal ausreichend Liquidität zum Überleben nicht gleich bedeutet, daß das Unternehmen wird wieder wachsen und Gewinne machen können. Und wie weit muß ein Unternehmen schon im Schlamassel stecken, wenn eine Bank freiwillig auf Forderungen verzichtet?

F.A.M.E.: Börsenmantel erhält Mode-Story

Auf 52 Prozent Kurssteigerung brachte es im vergangenen Monat F.A.M.E. Seit Februar ist das Papier sogar um 148 Prozent geklettert. Die Unternehmensgeschichte von F.A.M.E. ist indes wenig ruhmreich. Die Aktie war bislang ein einziger Kurssturz. Zu 72,40 Euro Ende August 2000 auf den Markt gekommen, hatte sie nach einem Jahr 95 Prozent ihres Wertes verloren und lag vor zwei Jahren noch bei 80 Cent. Kein Wunder: die Umsätze des Film- und Musikproduzenten schnurrten zwischen 2000 und 2002 zur Bedeutungslosigkeit zusammen, so daß im Oktober 2002 die Liquidation der Gesellschaft beschlossen wurde.

Auf „Antrag eines Hauptaktionärs“ wurde ein Jahr später die Fortführung beschlossen, später stieg dann die Falkenstein Nebenwerte AG ein. Neuer Vorstandschef ist der Rechtsanwalt Lukas Lenz, früherer Vorstand und weiterhin Aufsichtsrat der Sparta Beteiligungen. Letztere galt im Jahr 2001 noch als Geheimtip, generierte Umsätze von 31 und einen Verlust von 3,6 Millionen Euro. Heute setzt die Gesellschaft erheblich weniger um (im ersten Halbjahr 2004 103.000 Euro) und beendete das Geschäftsjahr 2004 mit einem Fehlbetrag von 837.675 Euro - vor allem aufgrund von Wertberichtigungen. Sparta ist übrigens mit rund 46 Prozent Hauptaktionär der Falkenstein.

F.A.M.E. soll sich in Zukunft auf das Beteiligungsgeschäft in der Solarindustrie und in weiteren Bereichen der erneuerbaren Energien konzentrieren. Das ist an der Börse derzeit ausgesprochen in Mode, verzeichneten die Aktien doch in den vergangenen Monaten Kursgewinne im dreistelligen Prozentbereich. Doch just das gibt zu denken - ist es für Solar-Investments aufgrund des Kursanstiegs und im Hinblick auf eine wahrscheinlich zukünftig schwarz-gelbe Regierung nicht vielleicht schon ein wenig spät?

weiterlesen: Nanostart: Umstrittene Kulmbacher Verbindungen

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @mho

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