Im Gespräch

„Amerika ist längst in der Rezession“

28. März 2008 Viele wüssten es gern: Ist der Höhepunkt der Kreditkrise schon vorbei. Das kann auch Joachim Fels, Chef-Volkswirt von Morgan Stanley in London, nicht beantworten. Indes ist er sicher, dass Amerika längst in der Rezession steckt und die Inflation eine große Gefahr darstellt.

Herr Fels, befinden wir uns auf dem Höhepunkt der Finanzmarktkrise?

Das ist schwer zu beurteilen. Vielleicht werden wir einmal im Rückblick sagen, dass die Rettung von Bear Stearns der Höhepunkt der Krise war. Aber auch nach dieser Rettung trauen sich die Banken untereinander nicht über den Weg. Das sehen wir an den hohen Geldmarktzinsen.

Es mangelt den Banken nach wie vor an Liquidität?

Das Problem ist, dass Sie bei Banken nicht scharf zwischen einer Liquiditätskrise und einer Solvenzkrise unterscheiden können. Mangelnder Liquidität folgt gerade bei Banken schnell ein Solvenzproblem. Insofern ist nicht klar, ob wir den Höhepunkt der Krise gesehen haben.

Die Kommentare aus den Notenbanken klingen auch nicht gerade beruhigend.

Das stimmt. Die Notenbanken besitzen mehr Informationen über den Zustand der Banken als die Öffentlichkeit. Sie müssen für den schlimmsten Fall planen - und das zu Recht.

Die Bank of England und auch die Fed erwägen, von den Banken auch Wertpapiere mit höheren Risiken als Sicherheit für Geldmarktgeschäfte zu akzeptieren. Werden nun auch die Notenbanken in der Krise unseriös?

Nein, ich halte das für eine gute Idee und warne vor einer Dramatisierung. Die Geldmarktinstrumente der Bank of England und der Fed stammen aus einer früheren Zeit, als es die großen Märkte für risikobehaftete Wertpapiere überhaupt noch nicht gab. Wenn die Banken aber heute solche Wertpapiere handeln und halten, gibt es keinen Grund für eine Notenbank, sie nicht als Sicherheit zu akzeptieren - natürlich mit Preisabschlägen, die das höhere Risiko berücksichtigen.

Eine Sorge ist, dass die Finanzmarktkrise das Wirtschaftswachstum beeinträchtigt. Droht den Vereinigten Staaten eine Rezession?

Wenn ich mir die Arbeitsmarktzahlen und die Stimmungsindizes anschaue, würde ich sagen: Die Vereinigten Staaten befinden sich längst in einer Rezession. Wir denken, dass die amerikanische Wirtschaft im ersten Quartal schrumpft und sich diese Tendenz im zweiten Quartal verstärken wird.

Und wann werden die Zinssenkungen und die Steuererleichterungen wirken?

Wir erwarten eine Belebung der Konjunktur im zweiten Halbjahr 2008. Aber das wird nur ein Strohfeuer sein. Die amerikanische Wirtschaft dürfte im Jahr 2009 auf einen sehr niedrigen Wachstumspfad zurückfallen.

Können sich Europa und Asien von der Entwicklung in Amerika abkoppeln?

Viele Schwellenländer, vor allem in Asien, werden sich abkoppeln können, auch wenn wir in China und in anderen Schwellenländern eine leichte Verlangsamung des Wachstums gegenüber dem vergangenen Jahr sehen.

Und Europa?

Für Japan und die europäischen Industrienationen bin ich weniger optimistisch. Wir sagen für die kommenden Quartale einen deutlichen Rückgang des Wirtschaftswachstums auf 1 bis 1,5 Prozent voraus. Daran wird auch der unerwartet hohe Ifo-Index nichts ändern.

Sind die Inflationsängste begründet?

Die Inflation wird ein großes Thema. Es kann zwar sein, dass die schwächere Konjunktur den Preisauftrieb etwas dämpft, aber das ändert nichts am langfristigen Inflationspotential.

Woher kommt das?

Das starke Wirtschaftswachstum und die lockere Geldpolitik in den Schwellenländern treiben die Rohstoffpreise. Die Fed hat alle Inflationsbefürchtungen über Bord geworfen und konzentriert sich nur noch auf die Rettung des Finanzsystems. Wir werden in eine Phase eines langsamen Wirtschaftswachstums und höherer Inflation eintreten.

Was werden die Fed und die EZB tun?

Wir erwarten für die nächste Sitzung der Fed Ende April eine weitere Senkung der Leitzinsen um voraussichtlich 50 Basispunkte auf 1,75 Prozent. Eventuell erreichen wir zum Jahresende sogar einen Leitzins von 1 Prozent. Die EZB wird sich dagegen weiter zieren. Wir erwarten erst für das vierte Quartal 2008 eine Senkung der Leitzinsen.

Morgan Stanley sagt schon lange eine Erholung des Dollar voraus. Er wird aber immer schwächer.

Stimmt, nach unseren Prognosen müsste der Dollar eigentlich steigen. Sollte sich die amerikanische Konjunktur im zweiten Halbjahr erholen, könnte dies den Dollar stützen. Aber allzu viel Vertrauen in unsere Prognose haben wir nicht.

Was halten Sie von Aktien?

Auch wenn sich die Kurse derzeit erholen, befinden wir uns noch in einem Bärenmarkt. Das ist aus unserer Sicht nicht der richtige Zeitpunkt zum Kauf.

Und Anleihen?

Längerfristig geben wir Aktien deutlich bessere Chancen als Anleihen. Aktien sind der bessere Inflationsschutz; außerdem dürften die Staatsfonds einen Teil ihrer Anlagen in Zinspapiere in Aktien umschichten.

Empfehlen Sie Gold?

Bei den heutigen Preisen fällt es mir schwer zu sagen: Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um Gold zu kaufen. Ich denke, dass es bessere Möglichkeiten gibt, sich gegen die Inflation zu schützen.

Woran denken Sie?

Unter anderem an Schwellenländer-Aktien und an inflationsgeschützte Anleihen.

Das Gespräch führte Gerald Braunberger.



Text: F.A.Z., 28.03.2008, Nr. 73 / Seite 25
Bildmaterial: F.A.Z., Wolfgang Elmes

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