30. April 2009 Sind Konjunktur- und Unternehmenszahlen stark genug gefallen und die Erwartungen der Anlegern gedämpft genug, so lässt sich plötzlich beinahe alles positiv interpretieren, wie sich derzeit an den internationalen Finanzmärkten beobachten lässt.
So hat der Chemiekonzern BASF zum Jahresauftakt im Sog der Wirtschaftskrise einen herben Gewinneinbruch verbucht. Der sei jedoch nicht so stark ausgefallen, wie von Analysten im Durchschnitt erwartet worden war, heißt es prompt (vgl. BASF: Aktienkurs profitiert trotz Krise).
Wetten auf Erholung von tiefer Basis
Ähnliches gilt für Wachstumszahlen, die am Donnerstag am Morgen in Japan veröffentlicht worden sind. Die Industrieproduktion im März ist im Vergleich zum Vormonat um 1,6 Prozent gestiegen - das sei das Doppelte dessen, was der Markt erwartet habe und daher positiv, heißt es. Es wird kein Wort darüber verloren, dass die Industrieproduktion im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 34 Prozent geschrumpft ist, die Fahrzeugproduktion um 50 Prozent gefallen und die Baubeginne knapp 21 Prozent unter dem Vorjahresniveau liegen, während die Bauaufträge sogar um knapp 38 Prozent zurückgegangen sind.
Im Gegenteil. Der Nikkei sprang am Donnerstag um knapp 4 Prozent nach oben auf 8828 Zähler. Seltsamerweise zählten Aktien wie die der Textil- und Faserhersteller Unitika und Toyoba sowie des Baumaterial- und Fiberherstellers Nitto Boseki mit Kursgewinnen von 31,3 Prozent, 14 und 12 Prozent zu den größten Kursgewinnern des Tages, obwohl die Unternehmen in den vergangenen Jahren operativ keineswegs überzeugen konnten und die Aktien teuer sind. Dagegen sehen die Papiere des Kosmetikunternehmens Shiseido und des Antiviren-Softwarehauses Trend Micro deutlich solider aus.
Dreifache Buchwerte in China
Die Papiere des Anlagebauers IHI sowie die der Automobilbauer Honda und Nissan profitieren zumindest kurzfristig von den populistischen staatlichen Subventionen auf Pump, die beinahe weltweit für den Kauf von Autos ausgelobt wurden und von der erhofften Wirkung der weltweit initiierten Infrastrukturinvestitionen. Auf Basis der Buchwerte sind die Aktien japanischer Unternehmen noch sehr vernünftig bewertet.
Noch extremer fallen die Wetten auf die wirtschaftliche Erholung in China, Taiwan und Korea aus. Der Shenzen Composite Index hat seit Jahresbeginn in lokaler Währung knapp 50 Prozent zugelegt, seit November des vergangenen Jahres sogar um mehr als 80 Prozent.
Dabei sind die im Index enthaltenen Papiere längst überbewertet. Das zeigt sich unter anderem an einem durchschnittlichen Kurs-Buchwert-Verhältnis von 3,3. Aktien des chinesischen Binnenmarktes lassen praktisch nur auf technischer Basis handeln. Denn die Bilanzen der Unternehmen sind vielfach zu intransparent und die Kurse werden primär von der aufgeblähten Liquidität getrieben.
Hohe KGVs in Taiwan
Die allgemeine Wirtschaftseuphorie, die sich kleinsten Anzeichen für eine Stabilisierung auf niedrigstem Niveau ableitet, zeigt sich auch in Taiwan in extremer Form. Der Aktienindex Taiex hat seit Jahresbeginn um mehr als 30 Prozent zugelegt. Alleine am Donnerstag ging es um 6,7 Prozent nach oben. Im Unterschied zu den chinesischen Aktien sind die taiwanesischen deutlich solider bewertet. Das durchschnittliche Kurs-Buchwert-Verhältnis liegt bei 1,45. Das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis auf Basis der Gewinnschätzung ist mit knapp 29 allerdings schon vergleichsweise hoch.
Das schließt jedoch nicht aus, dass der Markt trotzdem noch weiter nach oben laufen kann. Denn auch er wird stark von der Liquidität getrieben. Das zeigt sich alleine schon daran, dass die Wertpapierkäufe ausländischer Anleger in den vergangenen Wochen deutlich zugenommen haben. Die Phantasie wird durch die Übernahme von zwölf Prozent an Taiwans Far Eastone durch China Mobile angeregt. Diese Transaktion könne der Vorläufer für weitere sein, heißt es. Denn ab dem 1. Mai können sich chinesische Unternehmen offiziell an jenen Taiwans beteiligen.
Es stellt sich die Frage, ob dieser Effekt nicht schon weitgehend vorweggenommen wurde. Immerhin konnten in den vergangenen Wochen die Aktien vieler Unternehmen massive Kursgewinne verbuchen, obwohl ihre operative Entwicklung in den vergangenen Jahren nicht überzeugte. Zu den wenigen Ausnahmen gehören Unternehmen wie Novatek Microeletronics oder Young Optics.
Hongkong sieht vernünftiger aus
Auch in Hongkong machte sich der allgemeine Optimismus in den vergangenen Wochen bemerkbar. Der Hang-Seng-Index hat seit Jahresbeginn immerhin knapp 8 Prozent zugelegt. Mit einem durchschnittlichen Kurs-Buchwert-Verhältnis von 1,5 und einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von knapp 14 auf Basis der Gewinnschätzungen sind die Papiere sogar vergleichsweise vernünftig bewertet.
Die stärksten Kursgewinne verzeichnete mit einem Plus von 88 Prozent die Aktie des Auftragsfertigers Foxconn an, gefolgt vom Exporthandelshaus Li & Fung, dessen Aktienkurs seit Jahresbeginn knapp 65 Prozent zugelegt hat. Die Anleger gehen also davon aus, dass Asien weiterhin Produkte günstig herstellen und vornehmlich in die Industriestaaten exportieren wird. Er hofft darauf, dass die Konsumnachfrage in diesen Regionen robust bleiben oder gar wieder aufleben wird.
Auf Schulden gebaut
In Südkorea legte der Kospi-Index seit Jahresbeginn knapp 22 Prozent zu. Die stärksten Kursgewinne fielen beim unprofitablen Biotechunternehmen RNL Bio an, gefolgt von den Papieren des operativ wenig überzeugenden Aluminiumproduktherstellers Daihan Eunpakgy und den Anteilsscheinen von Daewoo Electronic Components. Die Aktien südkoreanischer Unternehmen sehen vergleichsweise günstig aus. Allerdings sind die makroökonomischen Kennzahlen des Landes vergleichsweise problematisch, unter anderem aufgrund der starken Exportabhängigkeit.
Grundsätzlich scheint sich niemand mehr über die starke Verschuldung von Unternehmen, Staaten und Verbrauchern, ihre angeschlagene Bonität, die bestehenden Ungleichgewichte und manipulierte Währungen - sie zeigen sich unter anderem in stetigen Abwärtstrends der realen effektiven Wechselkurse Taiwans und Japans - zu sorgen. Das heißt, im Kern werden die Börsen durch die Hoffnung bewegt, durch die lockeren Geldpolitiken und die Fiskalprogramme der verschiedenen Staaten werde das Weltwirtschaftssystem der vergangenen Jahre wiederbelebt werden. Allerdings auf Basis einer höheren Gesamtverschuldung.
Es dürfte jedoch nur eine Frage der Zeit sein, bis sich die Probleme wieder bemerkbar machen werden. Anleger werden deswegen entsprechende Indikatoren kritisch verfolgen und pragmatisch auf entsprechende Änderungen reagieren. Kritisch ist alleine schon die Tatsache, dass Energie- und Rohstoffpreise wieder nach oben laufen. Alleine schon teureres Öl jedoch könnte die Preisindizes in Bewegung nach oben bringen und die Wirtschaft wieder abwürgen.
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Text: @cri
Bildmaterial: FAZ.NET