28. Februar 2003 Die Baisse scheint kein Ende zu nehmen. Noch vor einem Jahr hatten die wenigsten geglaubt, dass die Börsen so tief fallen könnten. Manche hatten immer wieder zum Einstieg geblasen und sich entsprechend blutige Nasen geholt.
Aber es gibt Ausnahmen. Beispielsweise Jeremy Grantham, den Investment-Strategen von Grantham, Mayo, Van Otterloo, die in Boston für institutionelle Investoren mehr als 25 Milliarden Dollar verwalten. Im August des Jahres 2001 prognostizierte er einen deutlichen Rückgang der Kurse. Im aktuellen FAZ.NET-Interview hält er den Zyklus für noch nicht abgeschlossen.
Die Märkte sind in den vergangenen Jahren massiv gefallen. Kann man nun langsam Aktien kaufen?
Ich denke, der faire Wert des S&P 500 Index liegt bei etwa 680 Punkten. Der Index wird also noch mindestens um etwa 20 Prozent nachgeben. Und zwar in einem geordneten Prozess. Das Problem ist, dass große Kursblasen in der Regel überschießen. Es ist allerdings schwer zu sagen, wie viel tiefer er fallen wird und wie viele Jahre er unterhalb des Trends verharren wird. Sicher ist langfristig nur, dass ein Index die halbe Zeit unterhalb des Trends liegt und dass er nach einer geplatzten Kursblase unheimlich tief fallen kann.
Gilt das auch für die übrigen Märkte?
Nein, die Börsen in den übrigen industrialisierten Ländern stiegen weniger stark und fielen deutlicher. Auf Sicht von mehreren Jahren liegen sie leicht unter dem fairen Wert.
Können sie sich von der Wall Street abkoppeln?
Nein. Sie laufen mit den US-Börsen mit. Wenn also die Wall Street fällt - und sie wird 20, 30 Prozent fallen- , dann werden sie mit nach unten gehen. Sehr wahrscheinlich aber weniger stark. Wenn sie einen Zeithorizont von sieben Jahren haben, können sie mit einem Einstieg an diesen Märkten nun sicher gutes Geld verdienen.
Ein Anleger könnte also heute beispielsweise deutsche Aktien kaufen oder zumindest damit beginnen?
Auf Sicht von sieben Jahren ja. Sie können auf dem Weg weiter nach unten durch zusätzliche Käufe ihren durchschnittlichen Einstandspreis verbessern. Oder sie warten einfach, bis die US-Börsen günstiger bewertet sind.
Wie sieht es aus mit den Emerging Markets?
Das ist eine völlig andere Geschichte. Die Börsen in diesen Ländern hatten ihre Kursblasen längst hinter sich, als die Wall Street ihr Hoch sah. Die Länder konnten sich wirtschaftlich erholen, die Gewinnmargen der Unternehmen stiegen und die Kurs-Gewinn-Verhältnisse legten von sehr tiefem Niveau etwas zu. Wenn der S&P 500 in den kommenden zwei bis vier Jahren sein Tief knapp unter 680 Punkten finden wird, könnten diese Märkte in der Zwischenzeit zugelegt haben.
Ist die Anlage in Ländern wie Russland, China, Indien, Brasilien oder gar Argentinien nicht riskant?
Es gibt natürlich mehr Krisen, man muss sich die politische Entwicklung vor Ort anschauen, die Entwicklung der Finanzen et cetera. Die Kursschwankungen sind hoch, aber relativ unabhängig von der Entwicklung in den USA. Wenn nun ein Markt teuer ist und der andere günstig, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der eine steigt und der andere fällt.
Auf welche Länder und Unternehmen setzen Sie aktuell?
Zu Unternehmen sagen wir grundsätzlich nichts, da wir ständig im Markt sind. Bei Ländern mögen wir Mexiko nicht, dagegen Russland und Thailand. Wir finden langsam auch Interesse an Argentinien.
Das heißt, sie kaufen dort Aktien und Anleihen?
Wir kaufen Aktien. Denn jedes Land erholt sich irgendwann. Die Industrieproduktion liegt in diesem Monat 15 Prozent über der desselben Monats im vergangenen Jahr. Selbst Deutschland wird sich erholen, wenn jemand wirtschaftspolitisch aus Versehen das Richtige macht. Wir mögen grundsätzlich deutsche Aktien, sie sind günstig. Der Pessimismus ist groß - und dann sollte man eigentlich kaufen. Bevor allerdings der S&P 500 nicht unter der Marke von 680 Punkten liegt, ist die Chance auf eine nachhaltige Kurserholung in Deutschland, Frankreich oder Großbritannien nicht sehr groß. Kurze teuflische Bärenmarktrallys sind natürlich möglich, aber sie sind nicht von Dauer. Der Markt muss erst unglaublich günstig werden.
Woran liegt das?
Das ist Psychologie. In einer Bubble gibt es eine zu hohe Verschuldung, zu starke Investitionen und zu viele Überkapazitäten. Es ist für Unternehmen schwierig, Gewinne zu erzielen. Und ohne Gewinne können die Kurse nicht nachhaltig steigen. Sehr wahrscheinlich wird der Markt im Herbst dieses Jahres den fairen Wert erreichen. Bis allerdings der Boden wirklich gefunden ist, kann es noch mehrere Jahre dauern.
Was würden sie als Anleger aktuell tun?
Ich bewirtschafte selbst ein Portfolio. Ich liebe Aktien von Unternehmen der Schwellenländer. Relativ gesehen mag ich auch die Börsen der Industriestaaten. Allerdings gehe ich den S&P 500 short dagegen, ich setze dort also auf fallende Kurse. Ich bin sicher, damit in den kommenden Jahren erfolgreicher zu sein, als damit, auf steigende Kurse setzen.
Ich mag amerikanische Immobilienaktien. Sie dürften demnächst auch in Schwierigkeiten geraten. Längerfristig lässt sich damit aber anständig Geld verdienen. Als Depotfüller würde ich inflationsgeschützte Anleihen (TIPs) verwenden, denn sie sind sicher. International bevorzuge ich Aktien klein kapitalisierter Unternehmen. Es dürfte ratsam sein, mit dem Kauf noch etwas zu warten. Sehr interessant sind Anleihen von Schwellenländern. Sie sind zwar riskant - aber die Rendite ist entsprechend, 14 Prozent in den vergangenen fünf Jahren. Im Unterschied zu Junk Bonds. 40 Prozent meines eigenen Geldes habe ich in Hedgefonds investiert, in Long-Short-Fonds.
Wieso TIPs - haben sie Angst vor einer Inflation?
Die Inflation kehrt immer zu einem Mittelwert zurück und wird irgendwann steigen. Bei den aktuellen Kursen der Anleihen ist dieser Effekt überhaupt nicht berücksichtigt. Sie werden dann deutlich fallen.
Ein Wort noch zum Dollar ...
Wir setzen immer noch massiv gegen den Dollar. Wir bevorzugen den Euro und den australischen Dollar. Der hat einen Bezug zu der Entwicklung im Rohstoffbereich und er ist billig. Eine gute Kombination. Der Euro wird mindestens bis auf 1,19 Dollar laufen. Sehr wahrscheinlich wird er überschießen, aber bis auf 1,19 Dollar werden wir auf ihn setzen.
... und zum Golfkrieg ...
Ich glaube nicht, dass die Auswirkungen auf die Wirtschaft langfristig dramatisch sein werden. Und was letztendlich zählt, das ist nur das Kurs-Gewinn-Verhältnis.
Das Gespräch führte Christof Leisinger
Text: @cri
Bildmaterial: J. Grantham
| Name | Punkte | in % |
| Deutschland | ||
| DAX | 5.668,35 | +21,48% |
| TecDAX | 760,46 | +52,84% |
| MDAX | 7.282,47 | +34,45% |
| Europa | ||
| Eurostoxx 50 | 2.881,01 | +18,98% |
| CAC40 | 3.814,39 | +17,06% |
| FTSE 100 | 5.266,75 | +25,07% |
| USA & Amerika | ||
| Dow Jones | 10.291,30 | +23,72% |
| Nasdaq 100 | 1.782,95 | +52,15% |
| S&P500 | 1.098,51 | +28,24% |
| Asien & Welt | ||
| Nikkei225 | 9.804,49 | +13,53% |
| Shenzhen B | 512,70 | +112,98% |
| Tops Indizes | Punkte | in % |
| Swiss Current Rate ON | 0,04 | +100,00% |
| Swiss Current Rate 2W | 0,05 | +66,67% |
| Swiss Average Rate ON | 0,03 | +52,78% |
| OMX Copenhagen Metals & Mining_GI | 74,50 | +52,04% |
| OMX Copenhagen Metals & Mining_PI | 74,50 | +52,04% |
| Gesamt- Index |
Durchschnitt 90 Tage |
Durchschnitt 200 Tage |
|
|---|---|---|---|
Aktien-Index11.11.2009 13:00 |
1361,31 | 1326,77 | 1262,56 |
Performance-Index11.11.2009 17:35 |
299,29 | 293,27 | 274,66 |
Euro-Aktien-Index11.11.2009 17:35 |
143,13 | 137,00 | 125,21 |