Hauptversammlungen

„Die Eigentümer werden entmündigt“

Wenger: „Mit der Kursgewinnsteuer wird alles noch schlimmer”

Wenger: „Mit der Kursgewinnsteuer wird alles noch schlimmer”

02. April 2007 Ekkehard Wenger, Professor für Bank- und Betriebswirtschaft in Würzburg, tritt seit Jahren vehement und klämpferisch für Kleinanleger ein. Kleinaktionäre gehören auf die Hauptversammlung, meint er im Interview (siehe auch: Hauptversammlungen: Fremd gesteuerte Aktionäre).

Herr Wenger, es ist Zeit für die Hauptversammlungen, aber die Hälfte der Eigentümer geht nicht hin?

Na und? Darin sehe ich kein Problem. Hinter vielen Abstimmungen stehen sowieso nur eigene Interessen der Funktionäre - ob Manager oder Geldverwalter. Früher konnte ein Vorstand so viel Unfug machen, wie er wollte. Er wurde dennoch unterstützt: von Abstimmungsrobotern, die von Interessenkonflikten belastet waren und Verrat an den Anlegern begingen. Wenn solche Stimmen heute zum Teil ausfallen, kann man sich nur freuen. Kritisch wird es erst bei Präsenzquoten unter fünf Prozent.

Und wenn Ausländer die Macht auf der Hauptversammlung übernehmen?

Das ist mir egal. Für mich ist entscheidend, ob ausländische Aktionäre weniger Interessenkonflikte haben als inländische. Davon ist im Durchschnitt auszugehen. Wer von weit weg kommt, ist im Allgemeinen weniger verstrickt.

Der größte Stimmenbündler für Ausländer, ISS, ist aber ein Monopolist.

Das ist in der Tat schlecht, ändert sich aber. Wettbewerb ist hier wichtig, weil dann die Bestechung einzelner Berater durch das Management an Wirksamkeit verliert.

Wie wird denn bestochen? Mit einem Koffer Geld?

Nein, das wäre ungewöhnlich primitiv. Das wichtigste Bestechungsmittel ist, diese Leute bevorzugt mit Informationen zu versorgen. Diese kann der Empfänger dann in geldwerte Vorteile ummünzen, etwa indem er selbst oder seine Geschäftspartner ihre Anlageentscheidungen anpassen.

Was kann man dagegen tun?

Diejenigen auf Hauptversammlungen entscheiden lassen, denen das Geld letztlich wirklich gehört.

Das ist doch unrealistisch. Die meisten Anleger stecken ihr Geld in Fonds.

Genau hier liegt das Problem. Leute, die fremdes Geld verwalten, sind meistens in der Mehrheit. Die wirklichen Eigentümer werden entmündigt, und der Gesetzgeber fördert das seit Jahrzehnten - ob durch steuerfreie Lebensversicherungen und Befreiung der Investmentfonds von der Spekulationssteuer, ob durch Riester- und Rürup-Rente. All dies und die Förderung der betrieblichen Altersversorgung läuft auf eine gigantische Diskriminierung der eigenverantwortlichen Kapitalanlage hinaus. Mit der geplanten Kursgewinnsteuer wird das alles noch viel schlimmer.

Das Gespräch führte Thomas Schmitt.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 01.04.2007, Nr. 13 / Seite 49
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb

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