Schwellenländer

Chinas Wirtschaft steht auf tönernen Füßen

Von Christoph Hein, Singapur

28. Februar 2007 Auf keinen anderen Wachstumsmarkt haben die Anleger mit so großer Hoffnung und wachsender Gier geschaut wie auf den chinesischen. Sollte das Wachstumswunder China aber ins Wanken geraten, hätte dies enorme Auswirkungen auf die Weltwirtschaft - ein kleiner Vorgeschmack ist das Börsengewitter, das seit Dienstag um die Welt zieht.

Der Zeitpunkt des Einbruchs an den Börsen in Schanghai und Shenzhen kam überraschend. Der Einbruch selbst war es nicht. 130 Prozent Zuwachs 2006, weitere 14 Prozent in den ersten sieben Wochen dieses Jahres - in China ließ sich in wenigen Monaten ein Vermögen verdienen. Eine Korrektur war überfällig.

Weite Teile der chinesischen Wirtschaft stehen auf tönernen Füßen

Zwar ist China durch eine Dekade der wirtschaftlichen Reformen gegangen. Doch steht die Börse, stehen die Finanzmärkte, stehen weite Teile der chinesischen Wirtschaft weiter auf tönernen Füßen. Die Chinesen wissen das. Und kaufen trotzdem Aktien und treiben die Kurse. Sie müssen kaufen, fehlen ihnen doch verlässliche Systeme für die Altersversorgung. Wer aber keine Rente bekommt und keine Anleihen kaufen kann, der spekuliert. Auch wenn die Aktien im Schnitt doppelt so hoch bewertet sind wie diejenigen amerikanischer Unternehmen. Dabei kann niemand behaupten, die Qualität der chinesischen Unternehmen beurteilen zu können, deren Anteilsscheine er erwirbt. Denn immer noch ist in China jeder Wirtschaftsbetrug - von zweifacher Buchführung bis zu Korruption - eher die Regel als die Ausnahme. Zugleich regiert die Politik immer wieder in den Markt hinein.

Melange aus Hoffnung der Anleger und ihrer Abhängigkeit von Außeneinflüssen

Es ist diese Melange aus Hoffnung der Anleger und ihrer Abhängigkeit von Außeneinflüssen, die den chinesischen Aktienmarkt so unberechenbar macht. Seit Wochen warnen chinesische Politiker vor einer "Blase". Auslöser des Einbruchs in dieser Woche aber waren weder die Warnungen noch schlechtere Wachstumsaussichten oder schwache Unternehmensergebnisse. Die Angst vor Pekings Politik hat die Aktionäre aus den Aktien getrieben. Denn wenn von kommendem Montag an der Nationale Volkskongress zusammentreten wird, könnte er, so befürchten sie, mit neuen Verordnungen das Wachstum bremsen oder direkt in den Markt eingreifen. Wer dann aber in einem längst heiß gelaufenen Markt noch Papiere abstoßen wollte, der käme zu spät.



Text: F.A.Z., 01.03.2007, Nr. 51 / Seite 1

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