Im Gespräch: Marc Faber

„Wir stehen am Beginn einer Weltrezession“

Marc Faber hat unter Pessimisten eine treue Fangemeinde

Marc Faber hat unter Pessimisten eine treue Fangemeinde

10. September 2008 Die Aktienmärkte profitieren kurzfristig von der Rettung der Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac. Viele zweifeln jedoch die Nachhaltigkeit der Entwicklung an, auch Marc Faber.

Der bekannte Vermögensverwalter ist bekannt für seine gute „Nase“. Er hat frühzeitig auf den Energie- und Rohstoffboom der vergangenen Jahre sowie auf die inzwischen offensichtlich gewordenen Risiken des kreditgetriebenen Wachstums hingewiesen. In den vergangenen Monaten tippte er rechtzeitig auf die Erholung des Dollars und riet zu Gewinnmitnahmen im Rohstoffbereich.

Die Börsen nehmen die Verstaatlichung von Fannie Mae und Freddie Mac positiv auf. Betrachten Sie sie auch so positiv?

Die Börsen waren in den vergangenen Tagen technisch überverkauft. Deswegen ist es eine normale Reaktion, dass sie etwas steigen. Die staatliche Übernahme der so genannten „government sponsored enterprises“ ist eher ein Zeichen, dass die Lage zu verfahren ist, als dass man sehr optimistisch sein könnte. Das Kreditwachstum wird dadurch kaum wieder belebt, denn nach den bisher bekannten Plänen werden die Bilanzsummen der beiden Unternehmen in den kommenden Jahren in der Tendenz reduziert.

Ich verstehe, dass die Aktien am Montag gestiegen sind und sich vielleicht noch etwas weiter erholen können. Allerdings ist die technische Lage nicht sonderlich positiv: Das Volumen der sich nach oben bewegenden Aktien lag verglichen mit dem Volumen der sich nach unten bewegenden Aktien nur bei 56 Prozent. Die Probleme der schwächer werdenden Weltwirtschaft und der angeschlagenen Anlagemärkte sind jedoch noch nicht behoben.

Der Dollar hat sich in den vergangenen Wochen rasch und deutlich von seinen Tiefs erholt. Was sind in Ihren Augen die Gründe dafür und wie geht es weiter?

Grundsätzlich verringert sich das Wachstum der globalen Überschussliquidität, da das Leistungsbilanzdefizit der Vereinigten Staaten nicht mehr zunimmt. Auf diese Weise kommt es zu einer relativen Verknappung der Liquidität. Das ist für die Anlagemärkte ungünstig, dagegen ist es günstig für den Dollar. Die amerikanische Währung war in der Zeit besonders schwach, in der das Leistungsbilanzdefizit von zwei auf sieben Prozent de amerikanischen Bruttoinlandsproduktes gestiegen ist, also in den Jahren 2001 bis 2007.

Zur gleichen Zeit ist ganz klar, dass die amerikanische Wirtschaft zwar schwach ist und wahrscheinlich schrumpft. Allerdings geht in anderen Ländern der Welt das Wachstum noch rascher zurück. Europa befindet sich grundsätzlich in einer Rezession und in den Schwellenländern kann es zu einer gewaltigen Verlangsamung des Wirtschaftswachstums kommen. Aus diesen Gründen werden die Zinsen in diesen Regionen auch zurückgenommen werden. Auch das wird relativ günstig sein für den Dollar.

Nach der Bewegung von 1,60 auf zuletzt 1,41 Dollar je Euro kann die amerikanische Währung nun etwas nachgeben auf etwa 1,50 Dollar. Danach müssen wir weitersehen. Den höchsten Punkt des Euro haben wir jedoch auf jeden Fall gesehen.

Ist die konjunkturelle Schwäche in Europa und den Schwellenländern auf die schwache amerikanische Konjunktur zurückzuführen?

Der amerikanische Konsum belebte in der Vergangenheit die Wirtschaft der exportorientierten Schwellenländer. Diese sorgten ihrerseits für zusätzliche Nachfrage nach Rohstoffen, die die Wirtschaft der Rohstoffstaaten belebte. Aus diesen Gründen stiegen die Exporte Europas und Japans in den Jahren 2002 bis 2007 sehr stark an.

Nun wächst in den Vereinigten Staaten der Konsum nicht mehr. Aus diesem Grund haben sich die Exportaktivitäten der Schwellenländer sehr stark verlangsamt, zum Teil fallen sie bereits. Deswegen ging auch die Nachfrage nach Rohstoffen zurück und führte in diesem Bereich zu fallenden Preisen. Nun investieren die Rohstoffstaaten weniger, so dass die Exporte Europas und Japans zurückgehen.

Allgemein betrachtet ist die amerikanische Wirtschaft nicht besonders zyklisch, da sie - grob gesagt - kaum etwas produziert. Dagegen sind die europäischen und insbesondere die Schwellenländerstaaten aufgrund ihrer Produktionssektoren besonders zyklisch.

Heißt das, dass die Zyklen in Europa und in den Schwellenländern noch weiter nach unten führen werden?

Ja, das glaube ich!

So werden auch die Rohstoffpreise noch weiter korrigieren?

Ja, das ist mein Eindruck. Die Preise gewisser Rohstoffe haben zwar schon deutlich nachgegeben. Trotzdem würde ich gegenwärtig weiter abwarten, bevor ich wieder in Rohstoffe investieren würde.

Welche Dimension kann denn der Rückgang noch annehmen? Der Ölpreis ist inzwischen auf etwas weniger als 105 Dollar je Barrel gefallen - wird er noch weiter nach unten gehen können?

Ja, das ist denkbar. Die Preise von Nickel, Blei und Zink sind bereits um mehr als 50 Prozent von ihren Hochs gefallen. So ist es denkbar, dass der Preis für Öl der Sorte WTI auf 70 bis 80 Dollar zurückgehen kann.

So ist es kaum ratsam, nun in Schwellenländer zu investieren?

Manche Märkte sind zwar aus technischer Sicht überverkauft und könnten sich temporär etwas erholen. Grundsätzlich gehe ich jedoch davon aus, dass wir am Beginn einer Weltrezession stehen. Es wird künftig günstigere Kaufgelegenheiten für Anleger geben als im Moment.

Leben wir in einem inflationären oder in einem deflationären Umfeld?

Es ist vielen nicht klar, was Inflation ist. Wenn man denkt, dass Inflation eine Erhöhung der Geldmengen und die Ausdehnung des Kreditwesens ist, so leben wir immer noch in einer inflationären Zeit - ganz klar. Aber sie können auch Inflation in einem Bereich der Wirtschaft und Deflation in einem anderen Bereich haben. Ich glaube im Moment, dass die Preise für Konsumgüter weiter steigen, dagegen die Vermögensgüterpreise weiter fallen werden.

Führt die von Ihnen prognostizierte Weltrezession nicht zu Produktionsüberkapazitäten, die wiederum die Preise unter Druck setzen?

Das sehe ich auch so. Wenn die Zentralbanken jedoch viel Geld drucken, so können wir eine wirtschaftliche Depression in Verbindung mit einer Hyperinflation haben - wie wir es im Moment in Simbabwe beobachten können.

Besteht das Risiko nicht gerade in Asien? Immerhin wird vermutet, selbst China könnte die Wirtschaft ankurbeln wollen?

Die Chinesen haben ihre Wirtschaft schon immer stimuliert. Die Darlehensraten liegen bei rund sieben Prozent und das nominale Wachstum des Bruttosozialproduktes liegt bei rund 20 Prozent. Das heißt, sie haben negative Zinsen im Verhältnis zu den Wachstumsraten und auch zur Inflationsrate. Das heißt, ein Stimulationsdruck bestand schon immer.

Ob entsprechende Versuche erfolgreich sein würden, weiß ich nicht. Ich könnte mir vorstellen, dass die chinesische Wirtschaft künftig schwächer sein wird, als man bisher gemeinhin annimmt.

Sind die Rentenmärkte - amerikanische Schatzanweisungen und deutsche Staatsanleihen beispielsweise - im Moment eine Alternative zu Aktien?

Mittelfristig schon, langfristig wohl kaum. Denn ich bin nicht sehr optimistisch für die Vereinigten Staaten, da das Land pleite ist. Da die amerikanische Zentralbank beliebig viel Geld drucken kann, erhält man zwar als Rentenmarktanleger am Ende immer sein Geld zurück. Es fragt sich allerdings immer, wie sich der Kurs der Papiere entwickelt und welchen Wert der Dollar noch hat.

Wie würden Sie sich im Moment als Anleger positionieren?

Das kommt auf den Risikoappetit, den Anlagehorizont, das Einkommen und andere Faktoren an. Ich persönlich halte im Moment nur wenige Aktien, hauptsächlich von asiatischen Unternehmen, die hohe Dividenden zahlen. Meine größte Position ist Gold, auch wenn der Preis kurzfristig wahrscheinlich weiter fallen wird. Gold ist jedoch eine „Versicherungsanlage“. Daneben halte ich neben einigen Immobilien auch kurz laufende Obligationen vor allem im Euro und im Dollar.

Das Gespräch führte Christof Leisinger



Text: @cri
Bildmaterial: Bloomberg

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