Von Bettina Schulz
13. Mai 2008 Als die Finanzkrise im Sommer vergangenen Jahres ausbrach, wussten einige kluge Marktbeobachter schon, dass die Turbulenzen erst dann vorbei sind, wenn alle großen Notenbanken mit außerordentlicher Liquiditätshilfe und Zinssenkungen reagiert haben. Bis die Krise zu Ende ist, müssten zudem einige große Finanzinstitute kollabiert, die Aktienmärkte eingebrochen und die Abwertung des Dollar gestoppt sein sowie der Ölpreis scharf korrigiert haben.
Ein Dreivierteljahr später sind zwar viele dieser Punkte erfüllt, aber längst noch nicht alle. Die Notenbanken der Welt haben massiv Geld in die Märkte gepumpt und damit die Liquiditätskrise der Banken abgefedert. Mit der deutschen IKB, der britischen Northern Rock, der amerikanischen Bear Stearns und im gewissen Sinne auch der Schweizer UBS sind mehrere Banken in ernsthafte Schwierigkeiten geraten.
Geht der Bärenmarkt-Rally die Luft aus?
Die Bankenwelt wurde gezwungen, die Karten offen auf den Tisch zu legen, schmerzvolle Abschreibungen vorzunehmen, Risiken auf die Bilanzen zurückzunehmen und mit Kapitalerhöhungen an den Markt zu gehen. Sie helfen damit, Vertrauen in die Märkte zurückzubringen - wenn auch zögerlich. Das ist eine Voraussetzung, damit andere Marktteilnehmer sich wieder trauen, neue Risiken am Markt einzugehen.
Die Aktienmärkte haben mit einem vorläufigen Tief im März zunächst kräftig nach unten korrigiert. Der Deutsche Aktienindex Dax hat sich seither zwar wieder von knapp 6200 Punkten auf mehr als 7000 Punkte erholt. Mit zunehmend schwächeren Konjunkturdaten dürfte dieser Bärenmarkt-Rally aber möglicherweise schon bald wieder die Luft ausgehen.
Die Abwertung des Dollar scheint inzwischen ebenfalls gestoppt. Am Montag wurde der Dollar gegenüber dem Euro um die Marke von 1,54 Dollar gehandelt. Der Wechselkurs hat damit seit dem Höchststand von knapp 1,60 Dollar je Euro am 22. April deutlich nachgegeben. Dies ist eine nachvollziehbare Entwicklung. Nach den massiven Zinssenkungen in den Vereinigten Staaten dürfte die amerikanische Notenbank (Fed) zunächst einmal eine Pause in ihrer Serie von Zinssenkungen einlegen. Die Konjunkturflaute in den Vereinigten Staaten und die Auswirkungen der restriktiven Kreditpolitik der Banken greifen allerdings auch nach Europa über - wie immer mit einer Zeitverzögerung von einem bis zwei Quartalen.
Warten auf den Ölpreis
Dies dämpft trotz des exorbitanten Ölpreisanstiegs die Inflationsgefahren, lässt Marktteilnehmer also schon über künftige Zinssenkungen der Europäischen Zentralbank (EZB) spekulieren. Damit wäre nach den Zinsschritten der amerikanischen Fed und der Bank von England eine weitere Bedingung erfüllt, dass sich die Finanzmarktkrise ihrem Ende nähert.
Damit bleibt als letzte Hürde die Korrektur des Ölpreises. Davon war bisher nichts zu spüren: Vergangene Woche schnellte der Ölpreis für die Lieferung im Juni im Wochenverlauf um 8,3 Prozent auf einen Rekord von 126,27 Dollar je Barrel (159 Liter) in die Höhe. Die Investmentbank Goldman Sachs sieht mit ihrer Prognose eines Ölpreises von möglicherweise 200 Dollar je Barrel sogar noch viel Luft nach oben. Anfang vergangenen Jahres hatte Goldman Sachs bereits einen Ölpreis von 110 Dollar je Barrel vorausgesagt. Die meisten Marktteilnehmer hielten die Analysten damals für verrückt. Jetzt nehmen sie die Prognose der Bank vorsichtiger zur Kenntnis: Vielleicht stimmt sie ja wieder.
Ein weiterer kräftiger Sprung des Ölpreises ist jedoch unwahrscheinlich, denn in der prognostizierten Höhe würde er die Weltwirtschaft in eine Rezession treiben, die Nachfrage nach Öl drastisch reduzieren und damit dem hohen Ölpreis den Boden der fundamentalen Rechtfertigung entziehen. Die Frage ist jetzt schon, ob der hohe Ölpreis fundamental zu erklären ist. Das lässt sich in der Regel an den Grenzkosten der teuersten Förderprojekte ablesen, die je nach Berechnung zwischen 75 und 85 Dollar je Barrel liegen. Ein Ölpreis von 90 Dollar ist also durchaus gerechtfertigt, sollen angesichts hoher künftiger Nachfrage auch teuerste Förderprojekte ökonomisch profitabel umgesetzt werden können. Ein Preis von 125, 150 oder gar 200 Dollar ist jedoch nicht notwendig, selbst wenn sich die aufwendigsten Explorationsvorhaben der Ölproduzenten mit einer guten Gewinnmarge rechnen sollen.
Die letzte Überreaktion
Das Argument, langfristig seien die Ölvorräte endlich und angesichts der rasanten Nachfrage aus großen Schwellenländern wie China und Indien sowie Förderengpässen der Produktionsländer sei der hohe Preis gerechtfertigt, zieht nicht. Erstens wird damit seit Anfang vergangenen Jahres, als der Ölpreis bei etwa 60 Dollar lag, mittlerweile eine Verdoppelung des Ölpreises erklärt. Und: Langfristig sind wir alle tot, wie John Maynard Keynes einst so schön erklärte.
Den Ölpreisanstieg und die Preisexplosion anderer Rohstoffe nur mit der Abwertung des Dollar zu erklären, zieht ebenfalls nicht. Manche Rohstoffe und Grundnahrungsmittel wiesen dieses Jahr trotz Dollarschwäche deutliche Preisabschläge aus - allen voran Weizen mit einem Preisverfall von fast 40 Prozent.
Der Zusammenhang zwischen dem Wechselkurs des Dollar und dem Goldpreis ist wesentlich enger als zwischen Dollar und Öl. So ist der Goldpreis von seinem Hoch im März von 1000 Dollar je Feinunze mittlerweile wieder auf derzeit 882 Dollar gefallen. Das ist allerdings auch eine Konsequenz der sich abflauenden Gefahr einer systemischen Bankenkrise. Der Ölpreis indessen zog weiter an, selbst als der Wechselkurs des Dollar bereits drehte. Aller guten Argumente zum Trotz scheint der Ölpreis die letzte Überreaktion des Kapitalmarktes in der laufenden Finanzkrise zu sein. Es ist die letzte Bastion, die fallen muss, damit die Märkte die Krise der vergangenen zwölf Monate wirklich hinter sich lassen können.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.
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