Von John Calverley, Chefvolkswirt der American Express Bank
11. Januar 2008 Die amerikanische Notenbank will ihre Zinsen weiter senken. Was bedeutet dies für Aktien, Anleihen und Währungen? Wo sollten Investoren in diesem Jahr investiert sein? Der Chefvolkswirt von American Express gibt einen Ausblick auf die Chancen und Risiken dieses Jahres.
Stützen weitere Zinssenkungen durch die Federal Reserve Bank die amerikanische Wirtschaft?
Ja, ich glaube, dass die amerikanische Zentralbank die Zinssätze abermals senken muss. Wenn Sie die amerikanischen Wirtschaft betrachten, sehen Sie, dass sie zum Ende 2007 einen recht starken Eindruck machte. Es gibt aber klare Signale dafür, dass sie in den nächsten Monaten langsamer werden wird. Der Wohnungsbausektor ist sehr schwach, die Preise für Häuser sind bereits gefallen und werden noch weiter sinken. Ich meine, dass die Verbraucherausgaben sinken werden, es gibt immer noch ungelöste Angelegenheiten im Finanz-Sektor im Zusammenhang mit der Kreditkrise. Das bedeutet meiner Meinung nach, dass die Banken bei der Kreditvergabe vorsichtiger sein werden. Dann haben wir da noch die Ölpreise, die Ende 2007 gestiegen sind, und das alles heißt meiner Meinung nach, dass der amerikanischen Verbraucher es langsamer angehen lassen wird, dass die Unternehmen vorsichtig sein werden, und das bedeutet, dass die Wirtschaft sich auf Verlangsamung eingestellt hat. Außerdem glaube ich, dass die Fed sich vorgenommen hat, mehr Sicherheitsmaßnahmen zu treffen, damit wir keine Rezession sehen.
Wie stark spielt der Rentenmarkt das Rezessionsrisiko?
Ich glaube, dass das Rezessionsrisiko in den Vereinigten Staaten gegenwärtig irgendwo im Bereich von 40 bis 50 Prozent liegt. Die Wirtschaftsdaten sind derart schwach, dass ich glaube, dass wir sehr wahrscheinlich eine Rezession sehen könnten. Jedoch können wir sie möglicherweise vermeiden, infolge von Zinssenkungen der Fed aber jeder Anleger muss den Rentenmarkt als einen relativ sicheren Hafen beachten. Wenn eine Rezession in den US sichtbar wird, werden zwar die Zinserträge von USStaatsanleihen möglicherweise auf 3 Prozent, vielleicht auch darunter, sinken, aber das ist für jeden Anleger eine sehr wichtige Absicherung.
Wie sind die Perspektiven der Rentenmärkte in Europa und Japan?
Wenn sich der Handel im amerikanischen Anleihenbereich in einem Rezessions-Szenario abschwächen würde, wären auch andere Anleihenmärkte davon betroffen. Die übrige Welt wird sich abschwächen - vielleicht erleben wir keine Rezession aber es wird eine Verlangsamung geben. Also werden sich auch andere Anleihenmärkte sich abschwächen. In Japan sind sie schon gesunken, aber ich glaube, dass Anleger dort mit Anleihen aus einem festeren japanischen Yen Vorteile ziehen könnten, denn genau in einem solchen Szenario wird der Yen steigen. Soweit es nicht um Staatsanleihen geht, müssen wir in einem Rezessionsszenario allerdings mit ansteigenden Spreads rechnen. Nun ist aber eine Rezession nicht unser zentrales Szenario. Wenn wir eine Rezession vermeiden, wird der Anleihenhandel in 2008 wahrscheinlich steigen. Und weil wir die Rezession vermeiden, werden wir die 2 Finanzkrise überwinden und wahrscheinlich schon Ende 2008 wieder anfangen, uns über die Inflation Sorgen zu machen.
Wie entwickeln sich die internationalen Aktienmärkte - vor dem Hintergrund der anhaltenden Subprime-Krise und eines historisch hohen Ölpreises?
Die Aktienmärkte haben sich in der zweiten Hälfte in 2007 sehr gut gehalten, trotz aller Probleme mit den Ölpreisen, der Finanzkrise, dem Wohnungsmarkt. Ich glaube der Grund hierfür war, dass die Leute erwarteten, dass die Federal Reserve die Zinsen senken würde, und gleichzeitig glaubten, dass die Welt nicht in eine Rezession fallen würde. Die Märkte dachten: Vielleicht sind die Vereinigten Staaten schwach, aber die übrige Welt wird weitermachen. Und in diesem Umfeld sind die Gewinne OK und die Zinsen sind niedrig und deswegen war die Lage für Aktien gut und sie machte es möglich, dass Aktien sich im vergangenen Halbjahr 2007 wirklich behauptet haben. Nun, wenn wir in 2008 eine Rezession bekommen, werden die Aktienkurse sinken, das ist keine Frage. Aktienkurse fallen in einer Rezession immer und ein Kurseinbruch von 10, 20 Prozent oder mehr ist möglich. Wenn wir die Rezession vermeiden, werden die Aktienkurse ansteigen, denn die Börse hat jetzt schon eine Menge schlechter Nachrichten verdaut. Wenn man sich die Märkte anschaut, müsste man in Aktien investiert bleiben. Man muss nicht zu sehr in Aktien übergewichtet sein, aber man sollte Aktien halten. Schlechte Nachrichten sind bereits eingepreist und das Kursanstiegspotential ist, wenn wir diese Periode durchstehen, sehr, sehr gut.
Amerikanische Aktien sind derzeit im Verhältnis zu den guten Unternehmensdaten moderat bewertet. Wird sich dies ändern?
Die Aktienbewertung wird derzeit hinterfragt, da haben Sie ganz Recht. Das Kurs/ Gewinn Verhältnis sieht zur Zeit nicht schlecht aus. Die Frage ist aber: Sind die Gewinne derzeit überhöht? Wir wissen, dass sie zyklisch gesehen recht hoch sind und gleichzeitig besteht natürlich die Möglichkeit einer Rezession. Wenn wir aber die Rezession vermeiden, werden sich die Gewinne gut entwickeln. In einer wirtschaftlichen Situation, in der die Rezession vermieden wird und Zinsen sinken - dürften wir hier eine vielfältige Expansion zu erwarten haben, denn Kurs/Gewinnverhältnisse sind dann nicht zu hoch. Dies sollte ein positiver Ausblick sein.
Welche Länder und Sektoren bieten Ihrer Ansicht nach Aktieninvestoren aktuell die größten Chancen?
Zu den Ländern, auf die ich mich am meisten fokussieren würde, gehört Japan. Und das, obwohl Japan in den letzten beiden Jahren für sehr viele Anleger sehr enttäuschend war und obwohl Japan 2007 einer der am schlechtesten sich entwickelnden größeren Märkte war. Aber erinnern Sie sich daran, dass Japan sich in 2007 verlangsamte. Aktienmärkte sahen das in gewisser Weise voraus und reagierten entsprechend. Die Wahrscheinlichkeit besteht, dass es Japan im Laufe des Jahres 2008 besser gehen wird. Darüber hinaus glaube ich, dass der japanische 3 Markt einer der besten der Welt ist; es gibt dort eine Menge Möglichkeiten. In Europa gibt es auch viele Gelegenheiten; Deutschland hatte 2007 besonders viel Erfolg, aber auch andere Märkte werden aufholen. Hinsichtlich der Sektoren stellt sich natürlich die Frage: Können wir die Finanzkrise überwinden? Wenn ja, hat die Finanzbranche, die 2007 ja nun wirklich zum Ausverkauf stand, gutes Potential. Und sie wird noch stärker im Laufe des Jahres werden.
Was ist von von den weltweiten Währungsmärkten im Jahr 2008 zu erwarten?
Die Kernfrage für die Währungsmärkte lautet: Wie schwach wird die USWirtschaft sich entwickeln und wie weit fallen die Zinsen? Ich glaube, dass es ein Potential für einen Anstieg gibt, wenn es - anstelle von drastischen Zinssenkungen - weitere kleine Zinssenkungsschritte gibt und die Fed sie später im Jahr wieder anhebt. Dadurch kann es zu einer erheblichen Erholung des Dollars kommen. Sollte sich jedoch das Rezessionsszenario durchsetzen, wird der Dollar noch mehr fallen. Ich glaube, dass ist unvermeidlich.
Welche Länder bieten die größten Chancen für Investoren in der Anlageklasse Währungen?
Das hängt wieder vom Szenario ab, aber ich würde sagen, dass in einem Rezessionsszenario der japanische Yen das Potential hat zu steigen. Verhindern wir das, ist man wahrscheinlich im amerikanischen Dollar am Besten aufgehoben. Wir erinnern uns, das gerade der amerikanischen Dollar sehr stark unterbewertet und für europäische Investoren natürlich der Euro stark überbewertet ist. Dort liegt die Chance für europäische Anleger, ihr Portfolio zu diversifizieren. Während der nächsten Monate kann der Euro sogar noch steigen. Längerfristig gesehen, müssen wir jedoch bedenken, dass der Euro sich auf einem sehr, sehr hohen Niveau bewegt, und dass dies der richtige Moment ist, in Übersee zu investieren.
Wie entwickelt sich die amerikanische Wirtschaft im Jahr 2008?
Meine Vermutung ist, dass die Wirtschaft der Vereinigten Staaten in der ersten Jahreshälfte sehr langsam laufen wird, vielleicht gibt es sogar eine Rezession, aber das wird wahrscheinlich mit Hilfe der Zinssenkungen durch die Fed vermieden und vielleicht auch dadurch, dass die Ölpreise sinken. Die Menschen vergessen häufig, dass ein Ölpreis um die 90 Dollar Marke ein Schock für die amerikanischen Wirtschaft ist. Aber ich glaube, dass wenn der Winter erst mal vorbei ist, die Preise etwas nachgeben und das wird uns helfen. Schwächeres Wachstum also im 1. Halbjahr und stärkeres Wachstum anschließend, wenn wir die Rezession vermeiden.
Wie wird sich der amerikanischen Dollar im Verhältnis zum Euro und zu anderen Währungen der Welt im Jahr 2008 entwickeln?
Der amerikanische Dollar wird im nächsten Jahr stärker, sobald die Rezession vermieden wird. Und es sieht danach aus, dass die amerikanischen Wirtschaft wieder in Schwung kommt. Sollten wir eine Rezession bekommen, wird der amerikanische Dollar zunächst schwächer werden.
Welche Auswirkungen wird ein weiterhin schwacher Dollar auf die amerikanische Wirtschaft und den amerikanischen Aktienmarkt haben?
Ein schwächerer amerikanischer Dollar wird natürlich einer der Hauptstützen der amerikanischen Wirtschaft sein, wie schon in 2007. Der Wohnungsbau ist sehr schwach; der Konsum verlangsamt sich; der Handel ist verhalten; aber die Stärke des Exports aufgrund des schwachen Dollars war eine sehr starke Stütze.
Wie wirkt sich der Ausgang der Wahlen in den Vereinigten Staaten auf die amerikanische Wirtschaft, die Aktienmärkte oder die Rentenmärkte aus?
Die amerikanischen Wahlen haben keine sehr große Auswirkung, spielen aber am Rande doch eine Rolle. Und ich glaube, dass gerade diese Wahl aus ganz offensichtlichen Gründen noch völlig offen ist, denn weder der Präsident noch der Vize-Präsident stellen sich zur Wahl. Man nimmt allgemein an, dass die Demokraten gewinnen, obwohl es ja für eine sichere Vorhersage noch sehr früh ist. Was heißt das für die Wirtschaft? Im Großen und Ganzen sind normalerweise die Republikaner besser fürs Geschäft und deswegen natürlich auch für die Aktienkurse. Es wird während des ganzen Jahres Unsicherheit geben. Wir müssen daran denken, dass das amerikanische System auf einer Gewaltenteilung basiert und die Veränderungen und Unterschiede zwischen Republikanern und Demokraten letztendlich nicht so groß sind.
Wie entwickelt sich die europäische Wirtschaft?
Ich glaube Europa wird sich nach den Vereinigten Staaten richten. Ich glaube nicht an die Idee einer Abkopplung, dass nämlich sogar bei einer Rezession in Amerika Europa sich ordentlich entwickeln könnte. Wenn es in den Vereinigten Staaten eine Rezession gibt, gibt es auch in Europa mindestens ein sehr schwaches Wachstum und vielleicht eine Rezession. Wenn die Vereinigten Staaten die Rezession abwenden, und das ist im Ganzen immer noch das wahrscheinlichste Szenario, geht es in Europa etwas langsamer zu, aber Europa bleibt ok. Schon 2007 verlangsamte sich die europäische Wirtschaft etwas, und wir sehen Probleme in einigen Ländern, zum Beispiel Spanien mit seinem Wohnungssektor, vielleicht etwas auch in Frankreich. Solche Probleme, könnten die europäische Wirtschaft etwas herunterziehen. Nachdem aber die asiatische Wirtschaft immer noch gut läuft, erwarte ich, dass der Export weiter gut sein wird, trotz der Wechselkurse. Und das hält die europäische Wirtschaft in Gang.
Was könnte ein weiterhin starker Euro für die europäische Wirtschaft und die europäischen Aktienmärkte bedeuten?
Ich glaube, dass das einen Einfluss auf die europäischen Exporteure haben wird und auf einige Unternehmen, die unmittelbar mit Importen, besonders aus Vereinigten Staaten aber natürlich auch aus Japan, im Wettbewerb stehen. Und gerade diese Unternehmen - man denkt natürlich an Airbus als typisches Beispiel - sehen sich mit Problemen konfrontiert. Man muss aber daran denken, dass eine starke Währung in Wirklichkeit gut für Verbraucher ist, weil die Sachen billiger werden. Eines der Probleme in Europa war, dass Konsumausgaben auch während des Aufschwungs relativ gering waren. Dieser wurde mehr durch Export und Investitionen angeführt. Aber ein starker Euro bringt mehr Geld in die Taschen der Verbraucher und bedeutet, dass sie das Geld leichter ausgeben können. Also sind das keine schlechten Nachrichten, vielleicht nur für einige Exporteure.
In welchen europäischen Ländern und Sektoren sehen Sie das größte Potential für Investoren?
Was die Länder betrifft, mag ich immer noch Deutschland, das meiner Meinung nach in den letzten Jahren wichtige Anpassungen in der Wirtschaftsstruktur vorgenommen hat. Und Deutschland ist in der Weltwirtschaft sehr konkurrenzfähig, trotz des starken Euro. Deutschland produziert die Art von Gütern, die in Asien gefragt sind, besonders Investitionsgüter, Maschinen, Luxusautos usw. Deswegen glaube ich, dass Deutschland hier beträchtliches Aufwärtspotential hat. Mit Blick auf Spanien habe ich einige Sorgen, denn ich glaube, dass der Boom am Wohnungsmarkt dort zu Ende geht und der Bauboom nachlässt. Ich glaube, dass das auf viele Unternehmen in Spanien und auch die Finanzwirtschaft Auswirkungen haben wird. Frankreich liegt irgendwie dazwischen; ich glaube, dass Frankreich ebenfalls recht gut zurechtkommt; Es gibt auch dort starke Unternehmen für Luxusgüter. Deswegen bin ich auch bezüglich Frankreichs recht optimistisch.
Welche Entwicklung erwarten Sie von der japanischen Wirtschaft?
Die japanische Wirtschaft verlangsamte sich in 2007. Ich glaube, dass dies aufgrund der Unsicherheit in der Weltwirtschaft geschah. Der Aufschwung in Japan beruht größten Teils auf dem Export und den damit verbundenen Investitionen. Weil die Unsicherheiten gegen Ende 2007 zunahmen, wurden die Unternehmen in Japan vorsichtig, sie bremsten die Investitionen, die Exporte gingen etwas zurück. In 2008 wird sich dies wenden. Der Yen bietet natürlich immer noch einen Wettbewerbsvorteil. Ich glaube, dass die japanische Wirtschaft zuversichtlicher wird, wenn sie merkt, dass wir die amerikanische Rezession abgewendet haben oder dass sie nur kurz andauern wird. Ich glaube, dass Optimismus und Zuversicht zurückkehren werden, und es Japan dann besser gehen wird.
In welche Richtung wird sich die japanische Währung im Jahr 2008 entwickeln?
Der Yen hängt sehr von den Zinssätzen ab. So lange die Zinsen in Japan niedrig bleiben, und ich glaube, dass sie das bleiben werden, weil die Inflation nicht so bald zurückkommen wird. Mit niedrigen Zinsen werden die Japaner ihr Geld weiterhin im Ausland investieren, auf der Suche nach einer höheren Rendite. Dies wird den Yen niedrig halten. Das könnte sich nur bei einer Rezession in Amerika ändern, wenn die amerikanischen Zinsen selbst in die Nähe der japanischen Sätze absinken würden. Ich glaube, dass dann das ganze Carry Trade Geschäft beginnen würde auszutrocknen. Investoren oder Japaner würden ihr Geld wahrscheinlich nicht außerhalb Japans anlegen, und das Bild würde sich ändern. Das ist das Szenario, in dem der Yen auf vielleicht 100 steigen würde. Auf diesem Niveau würde natürlich interveniert werden, wahrscheinlich seitens der Bank von Japan, deshalb ist es schwierig, die Grenze von 100 zu durchbrechen. Wahrscheinlicher ist es, dass wir die amerikanischen Rezession abwenden und die amerikanischen Zinsen gegen Ende 2008 sogar ansteigen könnten. Und das bedeutet, dass der Yen eine schwache Währung bleiben wird, im Bereich von eins zu zehn bis eins zu zwanzig.
Werden Carry Trades weiter Einfluß auf die japanische Währung haben?
Wenn man dies zwischen amerikanischen Dollar und Yen betrachtet, könnte dies sein. Es ist aber weniger attraktiv als früher, obwohl es immer noch einen erheblichen Zinsunterschied gibt. Natürlich gibt es eine Menge Carry Trade Geschäft von vielen Investoren in anderen Währungen, wie dem australischen Dollar oder brasilianischem Real, bei denen die Zinssätze viel höher sind. Man muss aber auch darauf achten, was die durchschnittliche japanische Hausfrau tut. Die möchte wissen, wie viel sie in japanischen Yen bekommen kann, ein oder zwei Prozent, und sie sagt sich: Das ist nicht genug, ich lege mein Geld anderswo an. Wenn die amerikanischen Zinsen und die Zinssätze auf der ganzen Welt alle gemeinsam auf ein oder zwei Prozent heruntergehen, ja dann wäre das Thema Carry Trade völlig erledigt. Aber wenn das nicht geschieht, glaube ich, dass die Menschen weiterhin ihr Geld im Ausland anlegen werden.
Welche Schwellenländer bleiben 2008 interessant?
Unter den Aktienmärkten haben die Schwellenländer eine großartige Entwicklung genommen. 2007 war hervorragend, auch die vorhergehenden Jahre. Und das führt nun auch an jungen Aktienmärkten zu ziemlich hohen Bewertungen. An einigen Märkten sind sie höher. Ich denke an China, das ich als Blase ansehe; Indien, das ich nahe an einer Blase erachte. Es gibt jetzt natürlich in beiden Ländern gute Nachrichten und das wird auch so bleiben, wirtschaftliches Wachstum, Gewinne, sowohl in China wie Indien, aber auch in vielen anderen Ländern; man denke an Brasilien, ein weiterer guter Kandidat. Die Frage ist aber, ob die Aktienmärkte der Schwellenländer schon all die guten Nachrichten berücksichtigt haben. Wenn die Weltwirtschaft weiter wächst, sind diese Länder weiterhin ok, und ich vermute, dass deren Kurs-/Gewinn-Verhältnis sich tatsächlich noch weiter ausweiten wird, mindestens im ersten Halbjahr 2008, da Investoren weiterhin in diese Länder gehen werden. Irgendwann werden sie aber zum Stillstand kommen. Diese Märkte werden zu teuer, deswegen glaube ich, dass es wahrscheinlich ein Jahr mit zwei verschiedenen Hälften wird. Die erste Hälfte könnte gut werden, die zweite vielleicht nicht ganz so gut.
Welchen Einfluss wird ein weiterhin schwacher Dollar auf die Entwicklung der Emerging Markets haben?
Einige Entwicklungsländer haben heute wirklich überbewertete Währungen. Diese Länder kamen aber aus einer Position mit großen Zahlungsbilanzüberschüssen; vielfach waren sie exportstark entweder mit Rohstoffen oder Öl. Und das bedeutet, dass sie hohe Wechselkurse aushalten können, ohne kurzfristig damit Probleme zu haben. Tatsächlich sieht es so aus, als ob dadurch die Inflation niedrig gehalten wird - das sind gute Neuigkeiten, Zinsen scheinen niedrig zu bleiben, was gut für die Wirtschaft ist. Es sieht so aus, als ob es Einkommenssteigerungen für die Verbraucher in diesen Ländern hervorruft und das stützt das Wirtschaftswachstum. Und dann sehen wir in mehreren Ländern recht kräftige Investitionen. In Asien zum Beispiel gab es einen großen Investitionseinbruch nach der Asienkrise Ende der Neunziger. Und wir fangen gerade erst an, eine deutliche Erholung zu sehen. Insofern sind die Währungsbewegungen, die wir beobachtet haben, für 1998 recht positiv. Letzten Endes müssen sich einige dieser Währungen gegenüber dem amerikanischen Dollar wieder abschwächen aber nicht in 2008; ich glaube, dass das ein längerfristiger Zyklus ist.
Wo liegen die größten Chancen und Risiken für Investoren in den Emerging Markets?
Wir mögen Asien immer noch gern. Das war 2007 so und wir bevorzugen die asiatischen Aktienmärkte auch in 2008. Asien hängt sehr viel stärker vom Export an Fertigwaren ab, ein langfristiges Geschäft. Dagegen verlassen sich viele andere Länder auf Rohstoffe. Nun, die Rohstoffpreise sind gestiegen. Mir fällt es schwer zu glauben, dass sie 2008 angesichts schwächerer Weltkonjunktur weiter steigen werden. Deswegen glaube ich, dass viele asiatische Länder attraktiver sind. Wie bereits erwähnt, haben einige dieser Länder relativ hohe Kurs/Gewinn-Verhältnisse. Ich denke an China, vielleicht auch Indien. Insofern gibt es wohl Grenzen für deren Wachstum. Einige der südostasiatischen Länder haben dennoch recht attraktive Bewertungen und auf diese würde ich zunächst schauen.
Was macht John Calverley?
Im Jahre 1980 begann John Calverley seine Tätigkeit bei American Express als Wirtschaftswissenschaftler. Seit 1995 ist er leitender Wirtschaftsexperte und Strategiespezialist. Im Namen der American Express Bank bereist John Calverley die ganze Welt und beschäftigt sich mit Investmentthemen und der Analyse von länderspezifischen Risiken.
Seit den 80iger Jahren hat Calverley regelmäßig Fachberichte geschrieben und mehrere Bücher veröffentlicht, darunter auch Investors Guide to Economic Fundamentals, Wiley, 2000 und Bubbles and how to survive them, Nicolas Brealey, 2004.
John Calverley berät auch das CFA Institut, ist Mitglied und ehemaliger Vorsitzender von der UK Society of Business Economists und Ratsmitglied von SUERF, dem europäischen Geld- und Finanzforum.
Er leitet die American Express Bank Global Unit. Dieses ist für die Veröffentlichung der American Express Bank Economist for Investment verantwortlich und liefert Zukunftsaussagen und Analysen hinsichtlich aller wesentlichen Länder und von 21 Schwellenländern.
Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht der FAZ-Redaktion wider.
Text: @stt
Bildmaterial: Archiv
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