02. Juli 2009 Geht es nach den Analysten von Standard & Poor´s (S&P), dann können die Bullen unter den Börsianern an der Wall Street getrost in den Sommerurlaub fahren. Denn den Prognosen des amerikanischen Finanzdienstleisters nach zu urteilen, verpassen sie in den kommenden Wochen vermutlich keine Kursgewinne.
Zumindest geht der Chef-Investmentstratege, Sam Stovall, in seiner Vorhersage für das zweite Halbjahr zunächst von einem Rückfall nach der jüngsten Kursrally aus. Der aktuell bei 923 Punkten notierende S&P 500 Index könnte im Zuge dieser Bewegung in den Bereich von 800-850 Punkten korrigieren, bevor er sich dann wieder erholt. Hausintern lautet das Kursziel für den S&P 500 Index dabei derzeit für Ende 2010 auf einen Stand von 1.015 Punkten.
Prognose passt zur Historie
Gestützt wird diese Vorhersage durch historische Erfahrungen. Demnach folgte auch in früheren Perioden nach einem Bärenmarkt, der Verluste von mehr als 40 Prozent brachte, auf eine Kurserholung in dem zuletzt gesehenen Ausmaß eine Kurskorrektur. Im Median ging es dabei seit 1932 wieder um 14 Prozent nach unten mit den Notierungen (1993 betrug das Minus allerdings 41 Prozent).
Das eigentlich Gute an dieser historischen Rückschau ist aber das, was dann typischerweise nach dieser Korrektur passiert. Den Daten zufolge notierten die Kurse seit 1932 zwölf Monate nach Abschluss der neuerlichen Abwärtsbewegung im Schnitt wieder 36 Prozent höher. Stovall weist zwar darauf hin, dass es natürlich keine Garantie für eine Wiederholung dieser geschichtlichen Kursmuster gibt. Aber er geht von einem anschließend wieder steigenden S&P 500 Index aus.
Genährt wird diese Hoffnung dabei dadurch, dass sich derzeit Bullen und Bären einen heftigen Schlagabtausch liefern, was typisch ist für ein Ende von Bärenmärkten und dem Beginn von Bullenmärkten. Während die Bären auch jetzt wieder vor Gefahren wie der schwachen Weltwirtschaft, zu hohen Bewertungen, einem schwachen Immobilienmarkt, wieder steigenden Rohstoffpreisen, Inflationsrisiken und zu hohen Schulden bei den Verbrauchern sowie dem Staat warnen, werden am Aktienmarkt Zukunftshoffnungen stärker gewichtet als die aktuell vorherrschenden Fundamentaldaten.
Bei diesem Anlegerverhalten orientieren sich die Investoren laut Stovall offenbar daran, dass der S&P 500 Index in der Vergangenheit typischerweise fünf Monate vor Rezessionsende einen Boden gefunden hat, acht Monate vor dem Boden bei den Unternehmensgewinnen und neun Monate vor dem Hoch bei der Arbeitslosenquote. Das wiederum deckt sich mit der allgemein vorherrschenden Marktmeinung, dass die amerikanische Wirtschaft ab dem vierten Quartal wieder wachsen könnte.
Quartalszahlen könnten Korrektur einleiten
Obwohl auch die Analysten diese Hoffnung teilen, könnte auf den Markt im Zuge der Vorlage der Zahlen für das zweite Quartal trotzdem eine Bewährungsprobe zukommen. Denn da wird sich zeigen müssen, ob die Gewinnerwartungen tatsächlich realistisch sind, die aktuell für dieses und für nächstes Jahr von einem Anstieg der Ergebnisse bei den im S&P 500 vertretenen Unternehmen von 13 und 33 Prozent ausgehen. Jede Enttäuschung in dieser Hinsicht birgt auch deshalb Rückschlagspotenzial, weil die Bewertung selbst auf Basis der für 2010 erwarteten operativen Gewinne noch immer bei rund 17 liegt. Historisch gesehen ist das relativ anspruchsvoll.
Um sich den Bedenken, die sich aus den Bewertungen ergeben, etwas zu entziehen, weist Stovall auf die große Bedeutung von Dividenden beim Erzielen von Anlageerfolgen hin. Demnach kamen in den vergangenen 75 Jahren 40 Prozent der Rendite beim S&P 500 aus reinvestierten Dividenden. Und während der S&P 500 in der Periode vom 31. Mai 1999 bis 31. Mai 2009 einen Verlust von 29 Prozent hinnehmen musste, brachten es die so genannten S&P Dividenden Aristokraten, hinter denen Unternehmen stecken, die konstant ihre Gewinne und Dividenden erhöhen, auf ein Kursplus von durchschnittlich 38 Prozent.
Zu den Unternehmen, die diesen beiden genannten Kritierien entsprechen und zudem noch ein S&P-Kaufvotum inne haben, zählen gemäss Stovall die aus zehn verschiedenen Branchen stammenden Gesellschaften Centurytel, General Parts, Johnson & Johnson, Altria, Chevron, Hutchison Bank Corp, OneOK, PPG Industries, Linear Technologies, 3M, Hudson City Bancorp
Dieser Anlagephilosophie kann auch Alec Young, der bei S&P für die internationalen Börsen zuständige Aktienstratege, etwas abgewinnen. Da sich die weltweit zu beobachtende Aktienrally abschwächen dürfte, sollten sich Anleger auf Dividendentitel konzentrieren, so Youngs Rat. Diese Vorgehensweise sei auch deshalb attraktiv, weil einige Aktienmärkte derzeit mit Dividendenrenditen von im Schnitt vier bis sechs Prozent aufwarten könnten.
Emerging Markets weiter in der Favoritenrolle
Trotz dieser Renditestütze rechnet Young damit, dass der Schwung an den Weltbörsen bis zum Jahresende nachlässt. Zumindest sprechen für diese Annahme aus seiner Sicht die nach wie vor relativ anfälligen Volkswirtschaften in Europa, Großbritannien, Kanada und Japan. Deutlich besser stehen dagegen die Konjunkturaussichten für die Schwellenländer, wobei sich vor allem Asien gut aus der Affäre ziehen und 2010 die Lokomotive für die Weltwirtschaft spielen dürfte.
Diese besseren Wachstums- und damit auch Gewinnaussichten sprechen laut Young für ein besseres Abschneiden der Emerging Markets. Zumal diese per saldo von den wieder steigenden Rohstoffpreisen profitieren sowie der vergleichsweise robusten Inlandsnachfrage. Doch die Outperformance dürfte nicht zuletzt deshalb nur moderat ausfallen, weil die Bewertung mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 14,5 auf Basis der für 2009 erwarteten Gewinne anders als früher keinen Abschlag sondern eine Prämie verglichen mit den Börsen der entwickelten Ländern darstellt. Zur Erinnerung: Im Tief des jüngsten Bärenmarktes war das Kurs-Gewinn-Verhältnis dieser Märkte bis auf 7,9 abgesackt.
Zudem bleiben diese Länder anfällig im Falle einer anhaltend schwachen Weltwirtschaft, weil auch der Export oft eine wichtige Rolle spielt. Und weil dieser Faktor für Brasilien weniger eine Rolle spielt, zählt Young dieses Landes zu seinen Favoriten. Zusammengefasst lautet Youngs Fazit wie folgt: Die Fahrt wird künftig vermutlich wieder holpriger werden an den internationalen Börsen. Wenn der Markt zwei Schritte vorwärts gemacht hat, dürfte es dann anschließend auch wieder einen Schritt zurückgehen.
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Text: @JüB
Bildmaterial: F.A.Z.