Strategie

Short-Seller müssen masochistisch veranlagt sein

Von Ricky McRoskey

02. Juli 2008 Jim Chanos meint, dass das Tätigen von Leerverkäufen große Ähnlichkeit mit Verhörsituationen aufweist.

Laut Chanos, dem milliardenschweren Hedgefonds-Manager, der durch seine Wetten auf Mega-Zusammenbrüche von Unternehmen wie Enron und Conseco bekannt wurde, bedarf es hierfür eine besondere Art von Investor; einen, der der Meinung der Unternehmenslenker und Analysten standhält, dass Short-Seller - jene Marktteilnehmer, die durch Wetten auf fallende Kurse einer Aktie oder einer anderen Anlageklasse Gewinn erzielen - eine Art wirtschaftliches Gift oder fehlgeleitete Taugenichtse wären. Und genau wie jene, die unter dem Druck ununterbrochenen Verhörens durch die Behörden zusammenbrechen, können viele Möchtegern-Short-Seller der Ablehnung an der Wall Street nicht standhalten. „Letztendlich ist bei den meisten Leuten irgendwann Schluss mit rationalen Entscheidungsprozessen“, sagt er. „Man ist solange schuldig, bis die Unschuld bewiesen ist.“

Shortseller neigen zum Masochismus

Eine einzigartige - wenn nicht sogar leicht masochistische - Investment-Psychologie ist daher vonnöten, um sich mit der Kunst der Baissespekulation zu befassen, was aber eine steigende Anzahl von Investoren nicht davon abgehalten hat, sie auszuprobieren. Am 13. Juni betrug die Anzahl der an der New Yorker Börse leer verkauften Aktien rekordhohe 17,6 Milliarden, ein Anstieg von 37 Prozent seit Januar. Das ist aber nicht leicht durchzuziehen. Während sich immer mehr Investoren eine Rettung ihres Portfolios durch den Aktienindex S&P-500 erhoffen, der mehr als 18 Prozent unter seinem Hoch vom Oktober 2007 liegt, indem sie den Weg der Leerverkäufer einschlagen, können sie vom psychologischen Ansatz und den analytischen Gewohnheiten der erfolgreichen Short-Seller eine Menge lernen.

Zum Börsenkurs

Da die Marktindizes während eines Aufwärtstrends üblicherweise langsamer und stetiger steigen, als sie während einer Rezession fallen, benötigen Short-Seller ungewöhnlich viel Geduld und Kapital, um während der Entstehung von Marktblasen durchzuhalten. Wenn Leerverkäufer Schwachstellen in den Bilanzierungsmethoden eines Unternehmens sehen oder eine Überbewertung von Aktien feststellen, folgt oftmals „eine Zeit voller Blut und Schmerzen“ während sie darauf warten, dass der Rest des Marktes auch darauf aufmerksam wird, sagt Todd Salamone von Schaeffer's Investment Research.

Chanos Erfahrung ist dafür ein gutes Beispiel. Als Analyst für eine Investment-Boutique in Chicago empfahl Chanos 1982, die Aktien des Klavierbauers Baldwin-United leer zu verkaufen, als der Aktienkurs um die 24 Dollar lag, da er glaubte, das Unternehmen habe sein Geschäft massiv überbewertet und seinen Gewinn zu hoch angegeben. Die Aktie steig fast auf die 50 Dollar, bevor schließlich eine behördlich Untersuchung die Investoren erschütterte und die Gesellschaft Bankrott ging. Chanos profitierte. „Tage- und wochenlang verliert man nur“, sagt er. „Doch dann macht man alles auf einmal wett.“

Theoretisch sind unbegrenzte Verluste möglich

Deshalb ist es ein risikoreiches Geschäft. Während der Maximalbetrag, den ein Long-Investor verlieren kann, bei 100 Prozent seines Kapitaleinsatzes liegt, gibt es bei Short-Positionen keine Grenze für den Verlust. Ein Baissespekulant beispielsweise, der eine Aktie bei 5 Dollar verkauft und sie dann auf 25 Dollar steigen sieht, muss 20 Dollar - das vierfache seines Kapitaleinsatzes - zahlen, um die Position glattzustellen. Short-Seller als solche müssen eine höhere Risikoschwelle haben, sagt Dr. Frank Murtha von Market Psych, einer Beratungsfirma, die Psychologie und Finanzwesen verbindet.

„Viele der Menschen, die beim Short-Selling versagen, können die emotionale Belastung nicht ertragen“, sagt er. „Und der Markt kann länger irrational sein, als sie zahlungsfähig bleiben können.“ Die letzte Rally auf der Spitze der Dotcom-Blase Ende der Neunziger/Anfang 2000 beispielsweise wurde vermutlich von ängstlichen Investoren verursacht, die Aktien zurückkauften, um ihre anfänglichen Leerverkaufspositionen zu decken, sagt Salamone.

Um Marktblasen aufspüren zu können, benötigen Short-Seller eine natürliche Skepsis gegenüber der heißen Luft, welche die Aktienkurse überhaupt erst hochtreibt. Sie sind nur schwer zu überzeugen. „Da braucht es jemanden, der die gängige Meinung wirklich in Frage stellt“, sagt David Tice, Manager des Prudent Bear Fund, der von den Turbulenzen bei Tyco International bis zu den Auswirkungen der Subprime-Krise im August alles zutreffend vorhergesagt hat. Das bedeutet oft, sich als Investor von der Wall Street abzuheben, wenn diese „jubelt und Freudentänze aufführt“, meint er.

Wie bei der Hypothekenblase. Als die Banken an der Wall Street noch risikoreiche Hypotheken verbrieften und sie auf der Höhe des Immobilienbooms 2005 gewinnbringend verkauften, legte Hedgefonds-Manager John Paulson von Paulson & Co. zwei Fonds auf, die gegen die überbewerteten Subprime-Hypotheken wetteten, die seit August die Bilanzen der Banken verunstalten. Und der Gewinn? 2007 lagen Paulsons Fonds 15 Milliarden Dollar über dem Vorjahr.

Viele der Probleme, die bei einer Abwärtsentwicklung aufgedeckt werden, sind schon durch Frühwarnsignale sichtbar, die aber nur von hartnäckigen Skeptikern entdeckt werden. „Viele Menschen tragen weiter bereitwillig ihre Scheuklappen“, sagt Chanos.

Ein einsamer Job

Und - genauso ist es - Short-Seller müssen Recht haben. Von der gängigen Meinung abzuweichen ist nur lukrativ, wenn die gängige Meinung irgendwann erkennt, dass man Recht hat. Das hat für Jon Hankins, Investmentmanager bei Tennessee, der 2005 Google-Aktien leer verkaufte, nicht ganz so gut funktioniert: In demselben Jahr stieg der Aktienkurs auf mehr als das Doppelte an. Letzten Monat wurde Hankins nun zu einer Haftstrafe von 36 Monaten verurteilt, weil er seine hohen Verluste bei Google vor den Fondsklienten verheimlichte.

Um überzeugte Short-Seller zu werden, sollten Investoren alle von der amerikanischen Börsenaufsichtsbehörde SEC von den Unternehmen geforderten Berichte sorgfältig durchgehen und die Investorenkonferenzen jedes Unternehmens anhören, an dem sie Anteile besitzen, sagt Chanos. „Sie wären überrascht, wie oft die Leute an der Wall Street bei einem großen Kurssturz ihre Arbeit nicht getan, die Fußnoten nicht gelesen oder sich einfach darauf verlassen hatten, was das Management sagte“, meint er.

Investoren dürfen auch nicht vergessen, dass ein gutes Unternehmen nicht gleich eine gute Aktie bedeutet und umgekehrt, sagt Tice. Wenn ein Unternehmen ordentliche Gewinne abwirft, kann dies die Erwartungen erhöhen und den Kurs auf unhaltbare Höhen treiben. Achten Sie mehr auf Punkte wie unklare Bilanzierungsposten oder Führungskräfte, die bei fallenden Aktienkursen Short-Seller als Prügelknaben betrachten.

Vor allem: Fühlen Sie sich wohl dabei, immer gegenteiliger Meinung zu sein. Tice meint: „Ich habe erfahren, dass es ein einsamer Job sein kann.“

Ricky McRoske ist Autor bei BusinessWeek.com.



Text: BusinessWeek
Bildmaterial: AP, FAZ.NET

 

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