Der Multi-Bertelsmann

Für Gunter Thielen werden die Weichen nach seinem Ausscheiden als Vorstandschef gestellt

08. November 2006 In der Medienbranche überrascht dies nicht: Vor dem letzten Jahr der Amtszeit von Gunter Thielen wird mit zunehmender Lust an der Spekulation darüber sinniert, wer Nachfolger des Chefs von Bertelsmann werden könnte. Doch was plant der nur äußerlich zurückhaltende Thielen selbst? Daß er noch eine bedeutende Unternehmerlaufbahn einschlagen könnte, ist wohl nicht mehr als ein Gedankenspiel am Kamin. Immerhin, hier und dort will er sich engagieren und auch seinem Sohn in der familieneigenen Fleischwarenfabrik Höll beistehen, die im heimatlichen Saarland steht. Aber die wahre Heimat des Vorstandsvorsitzenden in der letzten Runde bleibt Bertelsmann. Der Vermutung, er trete 2007 an die Spitze des Aufsichtsrats, hat er gestern nicht widersprochen. Seine Bemerkung, Mitte Januar tage hierzu der Aufsichtsrat, hat er allerdings auch nicht mit einem Augenzwinkern versehen. Das ist typisch Thielen: zielgerichtet, nüchtern, ohne Pathos; manche sagen auch, ohne Begeisterungsfähigkeit.

Mit diesen Eigenschaften empfahl sich Thielen im Juli 2002 für die Nachfolge von Thomas Middelhoff als Vorstandsvorsitzender von Bertelsmann. Eigens für ihn, den Mann des Jahrgangs 1942, wurde nach dem Rauswurf Middelhoffs durch die Eigentümerfamilie Mohn die Altersgrenze von 60 Jahren für das Spitzenamt in dem Medienkonzern außer Kraft gesetzt. Dem lauten Visionär, der den Konzern der Familie entwinden und an die Börse bringen wollte, folgte der stille Arbeiter, dem New-Economy-Fan der promovierte Ingenieur, der bei der BASF in Ludwigshafen seine Karriere begonnen hatte und bei Bertelsmann in der Druck-Sparte zu Hause war.

Thielen mag man viele Qualitäten zuerkennen - sein Fachwissen, die Fähigkeit zum nüchternen Abwägen, das unternehmerische Denken, das er im Gegensatz zu Middelhoff wieder stärker förderte. Aber das Geheimnis seines Erfolges an der Spitze von Bertelsmann wurzelt wohl nicht zuletzt in der Verbindung zur Unternehmenspatriarchin Liz Mohn, deren besonderer Wertschätzung er sich erfreut. Daran änderte auch die Tatsache nichts, daß Thielen eher einer Börsenplazierung als einem Rückkauf durch die Mohns zuneigte, als es Anfang des Jahres darum ging, was mit den 25,1 Prozent an Bertelsmann geschehen sollte, die der belgische Investor Albert Frère losschlagen wollte. Seit Juli gehört der Medienkonzern wieder ganz den Mohns. Dafür waren sie bereit, nicht weniger als 4,5 Milliarden Euro auf den Tisch zu legen.

Gunter Thielen ist kein Mann der großen Schritte. In der Abwägung neuer Unternehmungen blickt er zunächst auf die Risiken und erst danach auf die Chancen. Vielleicht war ihm deshalb der Rückkauf des Frère-Pakets nicht ganz geheuer, da das hierfür aufgewendete Geld nicht mehr zur Unternehmensfinanzierung zur Verfügung stand. Die von seinem Vorgänger gehätschelten Internet-Aktivitäten fuhr Thielen stark zurück. Die defizitäre Bertelsmann Music Group (BMG) schloß er mit dem Konkurrenten Sony zusammen. Für den Tiefdruck schmiedete er ein Bündnis mit dem Springer-Verlag. Große Akquisitionen hat der scheidende Bertelsmann-Chef offenbar nicht mehr im Sinn. Eher Abrundungen waren der Heyne-Verlag mit rund 100 Millionen Euro Umsatz sowie die F.A.Z.-Buchverlage. Andererseits verkaufte Thielen zur Portfoliobereinigung 2003 die Fachverlagsgruppe Bertelsmann Springer an britische Finanzinvestoren. Zuletzt ging im September der Bertelsmann-Musikverlag, immerhin der drittgrößte der Welt, für gut 1,6 Milliarden Euro an Vivendi in Frankreich.

Ämter außerhalb des Bertelsmann-Konzerns nimmt Thielen nur sehr selten an. Er hat sich auf den Medienkonzern einschwören lassen. Da verwundert es nicht, wenn sich im kommenden Jahr ein Kreis schließt. Thielen ist schon Mitglied in der Bertelsmann-Verwaltungsgesellschaft, die die Stimmrechte an dem Unternehmen hält. Zusätzlich wird er das Spitzenamt der Bertelsmann-Stiftung übernehmen. Dort war er - ebenso wie im Aufsichtsrat - schon 2001 gewesen. JÜRGEN DUNSCH

Text: F.A.Z., 09.11.2006, Nr. 261 / Seite 18

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