Finanzmärkte

„Privater“ Derivatemarkt 110 Milliarden Euro wert

06. Februar 2007 Der Markt für derivative Wertpapiere in Deutschland ist - gemessen an dem investierten Volumen von Privatanlegern - von Januar bis Dezember des Jahres 2006 im Vergleich mit dem Vorjahr um gut 30 Prozent gewachsen. Nach Schätzungen des Derivate Forums war dieser Teil des Finanzmarktes zum Ende des vergangenen Jahres rund 110 Milliarden wert, hieß es am Dienstag.

Im Jahr 2006 habe sich gezeigt, dass die Privatanleger mit dem Anstieg des Dax auch in ihrer Kapitalanlage wieder mutiger geworden seien. Denn sie verzichteten zunehmend auf die vollständige Kapitalsicherung in Form von Garantiezertifikaten zugunsten eines höheren Renditepotentials in Bonus- und Express-Zertifikaten.

Zertifikate-Anbieter rechnen mit weiterem Wachstum

Das Derivate Forum, eine Interessengemeinschaft der neun Banken ABN Amro, BNP Paribas, Deutsche Bank, Dresdner Bank, DZ Bank, Goldman Sachs, HypoVereinsbank, Sal. Oppenheim und WestLB - wurde im September 2004 gegründet mit dem Ziel, „im Interesse der Privatanleger“ für mehr Transparenz und Verständnis bei derivativen Wertpapieren zu sorgen. Damit sollen breitere Anlegerkreise erschlossen werden, heißt es.

Immerhin sei das Potential des Derivatemarktes noch nicht ausgeschöpft. Das Forum rechnet im laufenden Jahr mit einer weiteren Steigerung des Anlagevolumens auf über 130 Milliarden Euro. Mit Beraterschulungen und einer Qualitätsoffensive soll das Vertrauen der Anleger in derivative Wertpapiere gestärkt werden, so dass sich das in Zertifikaten investierte Vermögen in den kommenden drei Jahren auf gut 200 Milliarden Euro verdoppeln werde, so lautet die selbst gesetzte Zielvorgabe.

Solche Maßnahmen scheinen auch dringend notwendig zu sein. Denn Anlageschützer üben regelmäßig herbe Kritik an diesem Segment (siehe auch: FAZ.NET-Spezial: Schwarzbuch Börse). Sie macht sich fest an der Intransparenz vieler Produkte, an hohen und vor allem auch versteckten Kosten, Interessenkonflikten bei den Anbietern, der fehlenden staatlichen Regulierung und Aufsicht und anderen Punkten. Die Kritik kulminiert in der Vermutung, der Markt wachse nicht deswegen so rasant, weil die strukturierten Produkte so vorteilhaft für die Anleger seien, sondern weil die Ertragsmargen für die Anbieter so hoch seien.

In diesem Sinne dürfte es Anlegern zu raten sein, nicht allzu viel auf Versprechen von Anbietern und Interessengruppen zu geben, sondern sich an den Fakten zu orientieren. Das heißt: Was man nicht versteht, legt man sich am besten auch nicht ins Depot - und umgekehrt.

Anleger scheinen leicht positive Markterwartungen zu haben

Zugunsten einer höheren Renditechance in Bonus- und Express-Zertifikaten verzichteten Anleger im vergangenen Jahr immer öfter auf einen vollständigen Kapitalschutz in Garantieprodukten. Bonus- und Teilschutz-Produkte seien erstmalig sowohl nominal als auch prozentual mit einem Plus von 83,1 Prozent stärker gewachsen als Garantiezertifikate. Gut lief das Geschäft auch mit so genannten Express-Zertifikaten, die einen Zuwachs von 81,2 Prozent verbuchen konnten. Garantie- und Discount-Zertifkate dagegen konnten „nur“ noch um 18,5 und 16,8 Prozent zulegen. Das Geschäft mit so genannten Outperformance- und Sprint-Zertifikaten dagegen ging um satte 28,5 Prozent zurück.

Damit scheinen die Anleger auf stagnierende bis weiter steigende Märkte zu setzen. Denn eine Teilabsicherung scheint wichtiger geworden zu sein eine überproportionale Partizipation an steigenden Kursen. Der Wunsch nach einem gewissen Risiko im Namen der Rendite spiegelt sich bei der Wahl der Basiswerte wider: So ist der Anteil der Aktien weiter gestiegen, während die am Markt angebotenen Hedgefonds-Zertifikate offensichtlich nicht überzeugen konnten. Auf Jahressicht haben sie, ausgehend von einem schon geringen Anteil, weitere 12,3 Prozent an Volumen verloren.

Grundsätzlich sollte man zwischen Marktvolumens- und Börsenumsatzstatistiken unterscheiden. So ist im Dezember nach Angaben des Derivate Forums der Börsenumsatz deutlich angestiegen, während die Anlagevolumina fielen. Das sei „traditionell“ durch das Auslaufen vieler Produkte im Dezember begründet. Emittenten brächten viele Ersatzprodukte auf den Markt. Das lässt nicht nur die Handelsvolumina anschwellen, sondern indirekt auch die Gebühreneinnahmen der Anbieter. Auf diese Weise wird einmal mehr klar, wieso dieses Marktsegment auch aufgrund der „Endlichkeit“ vieler Produkte so interessant ist: Es ist ein „Perpetuum Mobile zur Einkommensgenerierung“. Nicht für die Anleger, sondern für die Emittenten.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @cri
Bildmaterial: Derivate Forum

 

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