Von Ben Steverman

Die Geschäfte laufen schlecht: Anleger müssen sich auf eine Wirtschaftskrise in den Vereinigten Staaten einstellen
25. November 2008 Die Inflation spielt momentan keine Rolle. Die Preise gehen fast überall zurück, auch bei Aktien. Investoren müssen sich auf eine neue Realität einstellen: Vor wenigen Monaten war die Inflation, insbesondere in Gestalt der enorm gestiegenen Kraftstoffpreise, noch das Sorgenkind Nummer eins.
Während die Verbraucher inzwischen über den Preisverfall an der Zapfsäule frohlocken, stellt er für Anleger eine beunruhigende Entwicklung dar. Anstelle der Inflation wird nun die Deflation zum Problem, ein anhaltender Rückgang des Preisniveaus, der die Unternehmensgewinne und die Erträge der Anleger bedenklich schmälern könnte.
Erzeugerpreisindex verzeichnet Rekordrückgang
Der am 18. November veröffentlichte Verbraucherpreisindex für Oktober zeigte gegenüber dem Vormonat einen unerwartet starken Rückgang von einem Prozent, wobei die Energiepreise ein Minus von 8,6 Prozent verzeichneten. Ohne Energie- und Lebensmittelpreise sank der Verbraucherpreisindex um 0,1 Prozent, der erste Rückgang der Kernrate seit 1982.
Am 17. November wies der Erzeugerpreisindex für Oktober im Vormonatsvergleich eine Verringerung von 2,8 Prozent auf, wobei die Energiepreise um 12,8 Prozent zurückgingen. Dies war der stärkste Rückgang in der 61-jährigen Geschichte dieses Index' der Preisänderungen auf Großhandelsebene.
Nach einem rasanten Preisanstieg in der ersten Jahreshälfte 2008 liegen die Verbraucherpreise im Oktober gegenüber dem entsprechenden Vorjahresmonat noch immer bei einem Plus von 3,7 Prozent, was jedoch einem Rückgang gegenüber dem im September im Vorjahresvergleich ermittelten Wert von 4,9 Prozent entspricht.
Die Wirtschaft steht unter extremem Stress
Nach Ansicht von Ökonomen käme der jüngste Preisverfall den Verbrauchern wirklich sehr gelegen, er sei allerdings auch ein Zeichen für den extremen Stress, unter dem die Wirtschaft derzeit stehe. Die Nachfrage ist weltweit spürbar gesunken, sagt Brian Levitt, Volkswirt bei Oppenheimer Funds.
Sinkende Preise - von Rohstoffen über Flugtickets bis hin zu Bekleidung - signalisieren das Ausmaß der konjunkturellen Abkühlung. So sind die Energiepreise als Komponente des Verbraucherpreisindex' in den vergangenen drei Monaten um 43,1 Prozent gesunken. Allein im Oktober gingen die Flugpreise um 4,8 Prozent und die Preise für Bekleidung um ein Prozent zurück.
Destruktive Wirkung der Deflation
Als Zeichen der Schwäche des produzierenden Gewerbes führt John Ryding von RDQ Economics die Preise für Altstahl an, die von ihrem Höchststand bei 523 Dollar je Tonne im August auf 144 Dollar je Tonne in der vergangenen Woche gefallen sind.
Rückläufige Preise sind nicht nur ein Symptom wirtschaftlicher Schwäche, sondern zugleich eine destruktive Kraft an sich. Eine Deflationsspirale ist wahrscheinlich das größte Konjunkturrisiko, sagt Levitt. Gehen Nachfrage und Preise zurück, fahren Unternehmen Beschäftigung und Investitionen herunter, wodurch sich das Wirtschaftswachstum noch weiter abschwächt.
Benzinpreise in drei Monaten um 55 Prozent gesunken
Um wettbewerbsfähig zu bleiben, müssten Unternehmen weitere Preissenkungen vornehmen, wodurch ein sehr schwieriges Umfeld für Unternehmensgewinne entstehe, sagt Keith Hembre, Chefvolkswirt von First American Funds. Infolge rückläufiger Preise und Gewinne werden Stellen abgebaut, wodurch sich eine Erholung auf dem Arbeitsmarkt verzögert. Die amerikanische Arbeitslosenrate kletterte von 6,1 Prozent im September auf 6,5 Prozent im Oktober, und viele Volkswirte gehen von einem weiteren Anstieg aus.
Nach den Daten des Verbraucherpreisindex' für Oktober sanken die Benzinpreise in den zurückliegenden drei Monaten um 55,4 Prozent. Die hierdurch erzielten Einsparungen würden Levitt zufolge die Gesamtsumme des durch Arbeitsplatzabbau verlorenen Einkommens bei weitem übersteigen - zumindest zum gegenwärtigen Zeitpunkt.
Die Kauflaune der Verbraucher kehrt indes trotzdem nicht zurück. Die Leute knausern, sagt Josh Feinman, Chefvolkswirt bei Deutsche Bank Advisors. Gleichgültig, ob Unternehmen oder private Haushalte, alle schieben Anschaffungen auf die lange Bank.
Spediteure senken ihre Preise
Die von Konjunktursorgen geplagten Verbraucher, Unternehmen und Banken scheinen ihr Geld lieber zu horten, als damit auf die Jagd nach neuen Schnäppchen zu gehen. Für amerikanische Unternehmen wird diese deflationäre Entwicklung und das Horten von Bargeld vermutlich in schwachen Umsatzzahlen und schrumpfenden Gewinnen resultieren.
Dies gilt selbst für jene Unternehmen, die von sinkenden Rohstoffpreisen profitieren. Lee Klaskow, Analyst mit Schwerpunkt Speditionsbranche bei Longbow Research, schrieb am 18. November, dass die Dieselpreise seit Juli um rund 41 Prozent gefallen seien. Für Spediteure sei dies zwar erfreulich, das übrige Umfeld gebe allerdings wenig Anlass zum Jubeln. In einer von Longbow durchgeführten Umfrage beklagten 70 Prozent der Speditionen eine Abschwächung der Nachfrage gegenüber dem Vorjahreszeitraum, wobei zuletzt eine gewisse Beschleunigung eingetreten ist, schrieb Klaskow. Spediteure würden daher aggressive und bisweilen irrationale Preissenkungen vornehmen.
Vor dem Hintergrund der durch sinkende Gewinne, schwache Konjunktur und das Horten von Bargeld belasteten Unternehmen sind weniger Investoren zum Aktienkauf in deflationären Zeiten bereit. Dies sei ein hartes Umfeld für Aktien, sagt Hembre, jedoch positiv für Staatsanleihen. Bei rückläufigen Preisen böten Anleihen eine sichere Rendite, die die Inflation problemlos übersteige.
Die Inflation wird zurückkehren
Die Lösung liege nach Überzeugung vieler Volkswirte in umfassenden Maßnahmen der Fed und der Regierung, um das Finanzsystem mit Liquidität zu versorgen und die Nachfrage wieder anzukurbeln. Fed-Vizepräsident Donald Kohn ging am 19. November in einer Rede auf dieses Thema ein. Kohn stuft das Risiko einer Deflation als gering ein, doch angesichts der äußerst schwachen wirtschaftlichen Verfassung ist es wichtig, diesem Risiko aggressiv zu begegnen, schrieb Action Economics in einer Analyse der Rede. Die Regierung stellt sich dem Problem mit dem größten Konjunkturprogramm der amerikanischen Geschichte entgegen, sagt Levitt. Mit Blick auf den Umfang des Programms gehen wir davon aus, dass diese Politik letztlich von Erfolg gekrönt sein wird.
Einige äußern die Befürchtung, dass all diese Staatsgelder später inflationsfördernd wirken würden. Sollte dies eintreten, könnten die Zentralbanken die überschüssige Liquidität wieder abschöpfen, sagt Feinman. Doch das sei im Moment keine vordringliche Sorge. Angesichts der schwachen Wirtschaft ist Inflation derzeit nicht unser Problem, sagt er.
In Anbetracht der Bedrohungen, denen die Wirtschaft und das globale Finanzsystem ausgesetzt sind, dürfte ein wenig Inflation ein erträgliches Problem sein.
Ben Steverman ist Reporter für den Business Week Investing Channel.
Text: Business Week Online
Bildmaterial: AFP
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