Einstieg bei GE

Kann Warren Buffett die Märkte retten?

Von Ben Steverman

Alles im Griff, Warren Buffett?

Alles im Griff, Warren Buffett?

06. Oktober 2008 Bereits vor mehreren Jahren warnte Warren Buffett vor einer Finanzkrise wie jener, die derzeit die Wall Street beherrscht. Nun aber, da die Krise da ist, hat sich der Magier der Anlagekunst entschlossen, doch lieber von ihr zu profitieren.

Die Holdinggesellschaft des legendären Anlegers, Berkshire Hathaway, investiert 3 Milliarden Dollar in General Electric. Der Deal wurde am 1. Oktober bekannt gegeben, eine Woche nachdem Buffett 5 Milliarden auf die Investmentbank Goldman Sachs gesetzt hatte.

Trendwende zugunsten des Aufschwungs?

Wenn man bedenkt, dass der amerikanische Aktienmarkt in diesem Jahr mehr als ein Fünftel seines Wertes einbüßte, stellen die Deals einen außergewöhnlichen Vertrauensbeweis dar. Buffett warnte vor den Gefahren komplexer Finanzprodukte und einer zu hohen Verschuldung - zwei maßgeblichen Ursachen der aberwitzigen Situation an den Märkten. Trotz seiner lange gehegten Vorbehalte investiert Buffett nun guten Mutes in zwei Unternehmen, die sich ganz nahe am Auge des Finanzsturms befinden. „Wenn der erfolgreichste Anleger der Welt seinen Einsatz erhöht und wichtige Positionen [in Unternehmen wie GE und Goldman Sachs] einnimmt, werden nicht nur in diesen Unternehmen, sondern im gesamten System Vertrauenssignale ausgesandt“, meint Matt Kaufler, Portfolio-Manager des Touchstone Value Opportunities Fund.

Buffetts Rolle in der Krise ist mit jenen Rollen vergleichbar, die wohlhabende Banker und Industrielle in früheren Krisen gespielt haben, so Robert Bruner, Dekan der Darden Graduate School of Business Administration der Universität Virginia und Koautor eines Buches über die Panik von 1907. Damals stellte Finanzier J.P. Morgan mithilfe anderer Banken und Investoren wie John D. Rockefeller Geld bereit, um Banken zu retten und die ökonomische Panik zu lindern. In Krisenzeiten können Kennzahlen helfen, „eine Trendwende zugunsten des Aufschwungs herbeizuführen“, meint Bruner.

Dennoch glaubt niemand, dass Buffett der Krise so entgegentreten kann, wie es J.P. Morgan vor 100 Jahren gelang.
So könnte es kurzfristig der Fall sein, dass Buffets Deals mit Goldman und GE lediglich die gegenwärtigen Probleme unterstreichen. Wer hätte noch vor einem Jahr prognostiziert, dass Goldman Sachs oder General Electric, zwei führende amerikanische Unternehmen, so stark auf Buffetts Finanzhilfe angewiesen sein würden?
Neben Buffetts 3 Milliarden Dollar teurer Investition in Vorzugsaktien wird GE Stammaktien emittieren, um 12 Milliarden Dollar aufzubringen. Dieses Geld wird zur Unterstützung der Finanzeinheiten von GE benötigt. Buffetts Aktien werden eine attraktive Dividende in Höhe von 10 Prozent erbringen. Zudem wird Buffett Garantien zum Kauf weiterer 3 Milliarden Stammaktien zum Preis von 22,25 Dollar pro Aktie erhalten; vor einem Jahr wurden die Aktien von GE bei über 42 Dollar gehandelt.

Buffetts Investition in Goldman Sachs erfolgte unter ähnlich attraktiven Bedingungen. Am 1. Oktober äußerte sich Buffett folgendermaßen im Wirtschaftssender CNBC: „Diese Märkte bieten uns Möglichkeiten, die wir vor sechs Monaten oder einem Jahr nicht hatten. Also lassen wir unser Geld arbeiten.“

Es handelt sich hier um „Ikonen der amerikanischen Unternehmenswelt“, meint Richard Sylla von der Stern School of Business der Universität New York. „[Buffett] hat die Chance, sie günstig zu erwerben.“
Buffett kann das gegenwärtige Umfeld in einer Art und Weise nutzen, die den meisten Anlegern verwehrt bleibt. „Er investiert nicht aus reiner Nächstenliebe“, sagt Bruner.

Während andere große Verluste erleiden oder hohe Schuldenberge anhäufen, kann Buffett Barmittel in Höhe von mehreren Milliarden Dollar einsetzen. „Wenn solche Krisen eintreten, ist er es, der das Geld hat, davon zu profitieren“, meint Robert Miles, Autor des Buches The Warren Buffett CEO. Nach Ansicht von Miles war Buffett immer dann am erfolgreichsten, wenn der breitere Markt in einer Krise steckte.

Dies ist nicht der erste Marktzusammenbruch, der von Buffett erfolgreich prognostiziert wurde. Buffett war Ende der Neunzigerjahre und zu Beginn der Jahrtausendwende misstrauisch gegenüber Internet- und anderen Technologieaktien. Daher litten die Aktien von Berkshire Hathaway während des Technologie-Booms, doch als die Technologie-Blase im Zeitraum 2000 bis 2002 platzte, stellte sich heraus, dass Buffett Recht hatte.
In den vergangenen Wochen, als die amerikanische Regierung einen Rettungsplan in Höhe von 700 Milliarden Dollar vorschlug, zitierten Analysten häufig Buffetts Warnung vom Jahre 2002, dass hochkomplexe Finanzprodukte wie Derivate „finanzielle Massenvernichtungswaffen“ seien.

Buffetts Strategien lassen sich nicht einfach kopieren

Es ist Buffetts Erfolgsbilanz, die ihm in einer Zeit, in der nahezu alle anderen großen Finanzakteure ins Straucheln geraten, eine solche Glaubwürdigkeit verleiht. Für die Unternehmen, in die er investiert, ist „seine Gravität von einem Heiligenschein umgeben“, sagt Bruner. „Es ist ein Vertrauensbeweis“ für General Electric und Goldman Sachs.
Standard & Poor's Rating Services ließ am 1. Oktober verlauten, dass die Investition von Berkshire Hathaway eine „positive Entwicklung“ für die Schuldenbewertung von General Electric sei.

Buffetts Ruf - und die Tatsache, dass er über Milliarden verfügt, die er gleichzeitig investieren kann -, sind der Grund, weshalb man ihm solche attraktiven Bedingungen für seine Investitionen bietet, sagen Analysten.
Dennoch lässt sich schwer voraussagen, inwiefern Buffetts Kaufrausch das Anlegervertrauen im breiteren Markt zu stärken vermag, und ob ihm diese Investitionen, wie Morgans Geschäfte vor hundert Jahren, bei der Entschärfung der Finanzkrise helfen können.

Schließlich kann Buffett von Angeboten profitieren, die dem durchschnittlichen Anleger, dem keine 10-prozentige Dividende auf seine GE-Aktien gezahlt wird, nicht zwangsläufig zur Verfügung stehen. Außerdem haben wenige andere Anleger so viel Geld für Investitionen, sagen Analysten. „Für manche Leute, glaube ich, ist es beruhigend, ihn Kapital verteilen zu sehen“, sagt Kaufler. Andere jedoch „hat der Kugelhagel der vergangenen 30 Tage so stark mitgenommen, dass sie sich weiterhin in ihrem Bunker verkriechen.“

Wer weiß? Vielleicht hat Buffett noch einige weitere überraschende - und hochprofitable - Schachzüge in petto, während die Finanzkrise langsam voranschreitet.

Ben Steverman ist Reporter für den Business Week Investing Channel.



Text: Business Week Online
Bildmaterial: AP

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