Interview

"Rohstoffe sind derzeit das, was man als Investor haben muß"

31. März 2004 Echte Investmentlegenden, deren Meinung über Jahrzehnte gefragt bleibt, gibt es an den Börsen nur relativ wenige. Zu ihnen zählt aber zweifellos Jim Rogers. Berühmt wurde Rogers in den siebziger Jahren, als er zusammen mit George Soros ausgesprochen erfolgreich den Quantum Fonds verwaltete. Schon damals bewies er, daß er in der Lage ist, neue Trends an den Finanzmärkten frühzeitig zu erkennen.

Auch im Alter von 62 Jahren hat Rogers seinen Spürsinn noch lange nicht verloren. Das zeigt sich an der momentan laufenden Rohstoff-Hausse. Diese hat er frühzeitig vorhergesagt und aus diesem Grund im Jahr 1998 einen Rohstoff-Fonds gegründet. Der Rogers International Commodity Index Fund hat es seitdem auf ein Plus von rund 150 Prozent gebracht und weist damit eine der besten Wertentwicklungen überhaupt auf. Im nachfolgenden Interview erklärt der Börsen-Experte, wieso trotz dieser stolzen Zuwächse das Ende der Rohstoff-Hausse noch lange nicht erreicht sein dürfte.

Schlagzeilen macht Rogers im übrigen nicht nur mit seinen Anlageempfehlungen, sondern auch mit seiner zweiten Leidenschaft, dem Reisen. Das erste Mal reiste er dabei mit dem Motorrad um die Welt und das zweite Mal mit einem zum Geländewagen umgebauten Mercedes. Obwohl ihm diese Aktivität bereits einen Eintrag ins Guiness-Buch-der Rekorde einbrachte, denkt er bereits über weitere Reisen in Länder wie Indien, China und Brasilien nach.

Herr Rogers, wie können Sie es sich leisten, bei Ihren Reisen so lange Urlaub von den Märkten zu nehmen?

Ich bin ein passiver Langfrist-Investor. Mein Ziel ist es, dann zu kaufen, wenn eine Anlage billig zu haben ist. Dabei geht es mir darum, Trends zu identifizieren, die dann über Jahre hinweg gut laufen. Habe ich so eine Story gefunden und bin investiert, denke ich nicht ständig darüber nach, sondern vergesse es einfach. Kurz- und mittelfristige Kursschwankungen interessieren mich dann nicht. Das erlaubt es mir, auf meinen Reisen abzuschalten und die Kursbewegungen nicht jeden Tag verfolgen zu müssen. Das verwirrt ohnehin nur. Ich reagiere eigentlich nur, wenn wirklich etwas größeres passiert.

Wie und wann sind Sie darauf gekommen, daß die Rohstoffe vor einer Hausse stehen?

Um das Jahr 1998 herum ist mir bewußt geworden, daß im Rohstoffsektor seit langem nicht mehr richtig investiert wurde. So gab es beispielweise über 30 Jahre lang keine Meldungen über neue große Ölfunde. Allgemein deutete viel darauf hin, daß das Angebot an Rohstoffen fallen würde, während sich eine steigende Nachfrage abzeichnete. Gleichzeitig habe ich mich daran erinnert, daß die Rohstoffmärkte schon immer von starken Zyklen geprägt waren. In der Regel lief es dabei so ab, daß fehlende Investitionsbereitschaft in der Flaute zu einer Angebotsknappheit führte, die dann in stark steigenden Preisen resultierte. Das lief schon immer nach diesem Strickmuster ab.

Auch jetzt wünscht sich rückblickend jeder, er hätte früher investiert. Aber die meisten Leute agieren eben nicht weitblickend genug. Basierend auf diesem Wissen habe ich dann am 1. August 1998 den Rogers International Commodity Index Fund eingeführt, der auf den ebenfalls von mir erfundenen gleichnamigen Rogers International Commodity Index basiert.

Somit wurde die Hausse aus Ihrer Sicht von Fundamentaldaten und nicht von den Spekulanten ausgelöst?

Immer, wenn es irgendwo einen Bullenmarkt gibt, wird darin investiert. Spekulanten alleine können aber keine Hausse auslösen. Dazu müssen die Fundamentaldaten passen, sonst geht die Rechnung der Spekulanten nicht auf. Die Rohstoff-Hausse basiert ganz einfach auf einem Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage.

Wie können Anleger am besten von der Rohstoff-Hausse profitieren?

Sie sollten zunächst versuchen, so viel wie möglich über Rohstoffe zu erfahren und zu lernen. Dann können sie entweder in Futures oder in Rohstoff-Fonds investieren. Eine Alternative sind auch Investments in rohstoffreiche Länder. So ist davon auszugehen, daß etwa Kanada, Australien oder Neuseeland in den nächsten Jahren wegen ihres Reichtums an Rohstoffen besser abschneiden werden als beispielsweise Deutschland.

Denkbar ist natürlich auch der Kauf von Rohstoff-Aktien. Allerdings ist dabei zu beachten, daß in den siebziger Jahren trotz eines stark steigenden Ölpreises noch lange nicht alle Ölaktien gestiegen sind. Der Vorteil einer Direktanlage in Rohstoffe ist eben, daß man nicht von Bilanzen, den Fähigkeiten eines Managements oder den Gewerkschaften abhängig ist. Hier muß man nur die Entwicklung von Angebot und Nachfrage beobachten.

Bei welchen Rohstoffen sehen Sie derzeit die größten Chancen auf Preissteigerungen?

Rohstoff-Haussen erstrecken sich traditionell über Zeiträume von fünfzehn bis zwanzig Jahren. Da die jetzige erst seit fünf Jahren läuft, haben wir also noch eine schöne Zeit vor uns. Verglichen mit dem heutigen Stand werden dabei alle Rohstoffe langfristig im Preis steigen. Bevor der Trend ausläuft, werden die meisten von ihnen neue Rekordhochs markiert haben. Davon sind wir derzeit noch weit entfernt.

Aktuell würde ich mich auf die Rohstoffe konzentrieren, die bisher noch nicht gestiegen sind. Dazu zählen Zucker, Kaffee oder Orangensaft. Man muß es sich einfach angewöhnen, dann zu kaufen, wenn es billig ist. Am wenigsten optimistisch bin ich übrigens für das Gold. Dazu bringen mich nachteilige Faktoren wie die Verkäufe der Zentralbanken. Auch bei Silber bin ich nicht zuletzt wegen der schwächer werdenden Nachfrage aus der Photoindustrie nicht so zuversichtlich. Der Ölpreis wird zwar hoch bleiben, aber nachdem er zuletzt stark gestiegen ist, sollte man nicht unbedingt jetzt kaufen.

Droht denn der Rohstoff-Hausse demnächst nicht allgemein eine größere Korrektur?

Es kann gut sein, daß sich eine Korrektur im weiteren Jahresverlauf einstellen wird. Theoretisch bietet sich dafür das zweite Halbjahr an. Denn dann dürften die Chinesen versuchen, ihre überhitzende Wirtschaft zu bremsen, und in Amerika stehen die Präsidentschaftswahlen an, was die Regierung den Versuch unternehmen lassen dürfte, den Ölpreis zu drücken. Beim Markttiming war ich aber noch nie sehr gut. Davon abgesehen würde eine Korrektur für mich eine willkommene Kaufgelegenheit darstellen. Kaufen würde ich insbesondere dann, wenn die Nachrichten in den Zeitungen von Meldungen über Unruhen in China bestimmt wären.

In welchen Anlagesegmenten fühlen sie sich derzeit weniger wohl als mit Rohstoffen?

Rohstoffe sind derzeit das, was man als Investor haben muß. Auch China hat langfristig eine sehr gute Zukunft vor sich. Wie erwähnt würde ich mich auf rohstoffreiche Länder konzentrieren. Allerdings spricht das gegen Länder wie Deutschland. Daran ändert auch die Tatsache nichts, daß ich dort während meiner Reisen schöne Landschaften, gutes Bier und viele hübsche Frauen vorgefunden habe.

Skeptisch bin ich vor allem bezüglich des Dollars. Hier kommt es jetzt zwar möglicherweise erst einmal zu einer Rally. Langfristig sehe ich den Kurs des Dollar aber deutlich sinken. Überhaupt nicht gefallen mir zudem die amerikanischen Finanztitel, da diese über Derivate zu hohe Risiken fahren. Werte wie der Immobilienfinanzierer Fannie Mae werden langfristig ernste Schwierigkeiten bekommen. Dafür spricht auch die Blase an den Immobilienmärkten, die neben Amerika auch in Australien und Großbritannien zu beobachten ist. Hinzu kommt die Gefahr von langfristig steigenden Renditen an den Rentenmärkten, zumindest wird man hier nicht mehr viel Geld verdienen können.

Wie schaffen Sie es eigentlich immer wieder, früher als andere Marktteilnehmer neue Trends aufzuspüren?

Man muß sich seine eigenen Gedanken machen und nicht auf das hören, was andere sagen, ganz besonders nicht auf das, was von den Analysten an der Wall Street kommt. Außerdem heißt es lesen, lesen, lesen und so viele Dinge über weltweite Entwicklungen aufzusaugen wie möglich.

Und unabhängig vom Geld verdienen: Zu welchen Ländern würden Sie als Reiseziele raten?

Indien und China sollte man unbedingt gesehen haben.

Das Gespräch führte Jürgen Büttner



Text: @JüB
Bildmaterial: Jim Rogers

 
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