Psychologie an der Börse

Die unerträgliche Leichtigkeit der fünf Milliarden

01. Februar 2008 An der Börse folgt der Mensch nicht seinem Verstand, sondern dem Bauchgefühl. Für den Analysten Joachim Goldberg ist das selbstverständlich. Ein Gespräch über Börsenkräche, Panik und die Verluste bei der französischen Bank Société Générale.

Jérôme Kerviel hat das System der Société Générale umgangen, sich dabei aber nicht bereichert. Welche Motivation steckt hinter einem solchen Verhalten?

Die Ökonomen gehen davon aus, dass die Menschen Gewinne und Verluste gleich behandeln. Die reale Welt aber ist eine andere. Menschen bewerten Verluste etwa zwei- bis zweieinhalbmal stärker als Gewinne. Deshalb ist es so schwer, zuzugeben, dass man verloren hat. „Loser“ ist nicht umsonst ein Schimpfwort. Einen Verlust möchte man ausgleichen. Damit fangen die Probleme erst an.

Aber irgendjemand verliert doch immer an der Börse?

Das ist richtig. Aber die Erfahrungen von Gewinnen und Verlusten unterscheiden sich. Wenn ich mich richtig entschieden habe, kann ich jederzeit meinen Gewinn einstreichen. Die psychologische Bindung an eine schlechte Entscheidung ist dagegen viel stärker. Einen Verlust will ich nicht realisieren. Meine Verlustentscheidung mache ich nur dann rückgängig, wenn ich mit heiler Haut aus der Geschichte herauskomme oder wenn ich gar nicht mehr anders kann: wenn also das Geld nicht mehr reicht, wenn ich es psychisch nicht mehr aushalte, wenn ich mich nicht mehr an den Verlust gewöhnen kann.

Kann man sich denn an rund fünf Milliarden Euro Verlust gewöhnen?

Menschen nehmen Dinge mit abnehmender Sensitivität wahr. Je größer die Gewinne werden, desto weniger nehmen wir sie wahr. Genauso ist es mit Verlusten: Der erste Verlust wiegt am schwersten. Von da an nehmen wir es immer leichter. Auch die Öffentlichkeit hat sich durch die amerikanische Immobilienkrise an die großen Verlustzahlen gewöhnt. Fünf Milliarden Euro hätten uns vor zwei Jahren viel mehr aufgeschreckt.

Muss man ein Spieler sein, um mit fünfzig Milliarden Euro zu spekulieren?

Viele Leute glauben, dass so jemand einen großen Spieltrieb hat. Aber ich denke, dass es darum ging, Verluste nicht zu realisieren. Stellen Sie sich so einen jungen Mann vor. Er kommt gerade vom „Middle Office“ und hat vielleicht schon lange gehofft, ein großer Händler zu werden. Und dann erzielt er anfangs sogar Gewinne. Plötzlich aber macht der Markt nicht mehr das, was er möchte. Anfangs ist das vielleicht noch nicht dramatisch, aber dann fällt der Dax immer weiter. Ich vermute, dass Kerviel sogar nachgekauft hat, um den Verlust abzufangen. Er erhöhte also den Einsatz. „Commitment“, also die Selbstverpflichtung gegenüber der eigenen Entscheidung, ist zwar eine Tugend in unserer Gesellschaft, aber in der Verlustsituation erhöht man dadurch das Risiko.

Blendet unser Finanzsystem diese menschlichen Schwächen aus?

In der Theorie sogar vollständig, ja. Der homo oeconomicus hat keine Gefühle. Er nimmt zu einhundert Prozent wahr, verarbeitet alles zu einhundert Prozent und ist absolut rational. Ursprünglich war er nur ein Modell, um Ökonomen in die Lage zu versetzen, wissenschaftliche Modelle kreieren zu können. Gefühle hatten in ihrem System keinen Platz.

Hier tritt also die Differenz zwischen Theorie und Praxis zutage?

Genau. In der Theorie sind Finanzmärkte effizient, jede Information schlägt sich sofort im Preis nieder. Die Praxis zeigt aber, dass ich die Information, die mir nicht passt, verdränge und sie nicht in mein Handeln einbeziehe. Erst die Finanzmarktpsychologie geht weiter. Durch die unterschiedliche Bewertung von Gewinnen und Verlusten sind einige Muster so systematisch in uns verankert, dass bestimmte Verhaltensweisen sogar vorhersagbar werden.

Ist die ungeheure Summe der Grund für das große öffentliche Interesse?

Nein, das Zusammentreffen mit dem Börsencrash war entscheidend. New York war geschlossen, und deshalb war es eigentlich ein halber Ferientag. Aber dann merken die Händler, dass die Kurse fallen. Da fragte man sich: Was passiert hier? Hier muss jemand wahnsinnig geworden sein. Am 11. September wussten wir genau, was passiert war, wir sahen ja die Bilder der einstürzenden Twin Towers. An besagtem Montag aber wussten wir das nicht. Das ist das Schlimmste, was einem Börsianer passieren kann. Menschen haben eben ein Kontrollbedürfnis. Aber auch am Dienstag und am Mittwoch wussten wir noch nicht, was passiert war. Erst Tage später kam die Geschichte heraus: Ein Einzelner hatte einen Verlust von 4,8 Milliarden Euro verursacht.

Allein diese Information hat die Unruhe beendet?

Ja,obwohl Kerviels Engagement nichts mit den ersten Prozentpunkten des Einbruchs zu tun hatte, zu dem Zeitpunkt hatte er ja noch keine fünf Milliarden Verlust. Aber vermutlich hat das Management der Société Générale beschlossen, die Notbremse zu ziehen und zu verkaufen. Mit diesen Informationen konnten wir uns dann den Crash erklären. Manche behaupten ja, Kerviel habe ihn ausgelöst, aber das muss nicht stimmen.

Warum möchte man es ihm zuschreiben?

Weil man dann eine Erklärung hätte. Eine derartige Panik bedeutet einen kollektiven Kontrollverlust. Das wollen die Menschen erklärt bekommen. Aber eine solche Panik ist nicht vorhersagbar, auch wenn das manche Leute anders sehen. Aber es beunruhigt Menschen zutiefst, wenn sie etwas nicht verstehen.

Das System der Société Générale wurde ausgetrickst. Welche psychologische Wirkung hat das auf die Finanzmärkte?

Auch hier nimmt die Empfindlichkeit der Menschen ab. Wir sind in den vergangenen Wochen mit Nachrichten über Milliardenverluste bombardiert worden. Jetzt sind es ja „nur“ ein paar Milliarden, sagt sich da manch einer. Unser Bezugspunkt verändert sich durch Gewöhnungseffekte.

Wurde das Vertrauen in den Finanzmarkt generell erschüttert?

Durch die Immobilienkrise ist bereits einiges zu Bruch gegangen. Ich glaube nicht, dass jetzt noch mehr geschehen ist. Es ist ein Einzelfall, der Täter wurde gefasst. Und die erste Reaktion an den Börsen war: Jetzt können wir wieder Aktien kaufen. Die Menschen haben eine Aversion gegen Unklarheit. Irrigerweise hat man jetzt sogar das Gefühl, dass durch diese Geschichte die amerikanische Immobilienkrise bereits an den Finanzmärkten verarbeitet sei.

Salopp gesagt: „Gefahr erkannt, Gefahr gebannt“?

Richtig. Aber tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Wir haben die Verluste aus der amerikanischen Krise plus 4,8 Milliarden, die die Finanzmärkte noch zu verdauen haben. Aber die Tatsache, dass wir das festmachen konnten, hat uns geholfen, es psychologisch zu verarbeiten.

Müsste die Finanzwelt die Erkenntnisse der Psychologie nicht viel stärker einbeziehen?

Natürlich. Es gibt Studien, die belegen, dass die Ereignisse an den Börsen zu achtzig Prozent nicht makroökonomisch erklärbar sind. Und trotzdem ändern die Menschen nichts, sondern vertrauen fast blind auf ökonomische Daten.

Warum findet die Entscheidungspsychologie so schwerlich Eingang?

Es verhält sich ähnlich wie mit dem Kirchgang. Die Menschen hören das Wort Gottes, aber sobald sie die Kirche verlassen, lästern sie über ihre Nachbarn. Meine Kunden sagen mir: „Ich glaube alles, was Sie sagen, und werde mich ändern. Aber lassen Sie mich noch ein letztes Mal mit dem Bauch handeln.“ Das ist der Klassiker. Wir handeln wider besseres Wissen und vergessen dabei, dass der Bauch auch Schmerzen haben kann. Ich hoffe aber, dass diejenigen, die sich die Erkenntnisse der Behavioural Finance zunutze machen, auch Extrarenditen bekommen.

Diese Wissenschaft setzt sich also nur durch messbare Erfolge durch?

Ja, leider. Dabei könnten viele Dinge anders laufen, wenn wir nur unsere Angst vor Verlusten überwinden würden. Warum kann George W. Bush eine Entscheidung nicht rückgängig machen? Weil seine Bindung daran zu groß ist. Mehr Soldaten in den Irak zu schicken, weil schon so viele dort gefallen sind und ihr Einsatz nicht umsonst gewesen sein soll - das ist ein eskalierendes Commitment. Aber das Festhalten an einer Strategie, nur um sein Gesicht zu wahren, ist keine gute Idee.

Die Fragen stellte Thomas Scholz.



Text: F.A.Z., 01.02.2008, Nr. 27 / Seite 40
Bildmaterial: F.A.Z. - Foto Wolfgang Eilmes

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