Schwellenländer

Einseitigkeit des chinesischen Wachstum bleibt problematisch

19. Juli 2007 Das Wachstum Chinas sorgt seit Jahren für Furore. Die am Donnerstag vorgelegten Zahlen dürften einmal mehr für Schlagzeilen sorgen. Denn trotz einer Reihe von Maßnahmen zur Eindämmung der konjunkturellen Dynamik kann China im zweiten Quartal des Jahres 2007 ein Wirtschaftswachstum in Höhe von 11,9 Prozent verzeichnen. Sach- und Immobilieninvestitionen haben das Wachstum angetrieben statt des Binnenkonsums.

Wie das Nationale Statistikbüro am Donnerstag in Peking mitteilte, wuchs das Bruttoinlandsprodukt in der ersten Hälfte des laufenden Jahres damit um 11,5 Prozent. Das mag zunächst viel erscheinen, dürfte allerdings angesichts der schon in den neunziger Jahren erreichten Wachstumsraten kaum überraschen. Denn schon damals wuchs die Wirtschaft des Landes überdurchschnittlich.

Chinas Einfluss auf die Weltwirtschaft wird ausgeprägter

Allerdings wurde das damals öffentlich nicht so wahrgenommen wie in den vergangenen Jahren. Der Unterschied kommt daher, dass sich Chinas Einfluss auf die Weltwirtschaft aufgrund der rasant zunehmenden Exportaktivitäten einerseits und aufgrund der ebenso rasch zunehmend Preis treibenden Nachfrage nach Energie und Rohstoffen bemerkbar macht. Beides stößt weltweit nicht überall auf Gegenliebe.

So gibt es zwar viele Unternehmen, die vom Chinaboom direkt oder indirekt profitieren können. Auf der anderen Seite müssen andere mit der harten Konkurrenz und einem gewissen Verdrängungswettbewerb kämpfen. Gerade Massenguthersteller in den Industriestaaten können mit den tiefen Löhnen, den so gut wie nicht vorhandenen Lohnnebenkosten und vor allem auch mit weitgehend ignorierten Patent- und Markenschutzrechten kaum mithalten.

So dürfte es kaum verwundern, dass in den Industriestaaten eine gewisse Neigung zu protektionistischen Maßnahmen aufkommen kann. Sie werden verstärkt durch die Tatsache, dass Chinas Währung nicht frei handelbar ist. Sie wurde zwar vor zwei Jahren vom Dollar abgekoppelt, hat aber seitdem gegen die amerikanische Währung trotz einer deutlichen Unterbewertung und massiver Handelsbilanzüberschüsse nicht einmal neun Prozent aufgewertet. Gegen den Euro neigt der Yuan aufgrund des wachsweichen Dollars sogar zur Schwäche. Aus diesem Grund haben chinesische Unternehmen gegen europäische Konkurrenten sogar noch an Wettbewerbsfähigkeit gewonnen.

Das ist jedoch nicht alles. Denn die „unfreie“ Währung zwingt die chinesische Zentralbank zu massiven Interventionen am Devisenmarkt. Auf diese Weise wird nicht nur der gesamte Markt einseitig beeinflusst, sondern die rasant zunehmenden Währungsreserven von zuletzt 1,332 Billionen Dollar sorgen für Verzerrungen. Einerseits aufgrund der Art und Weise, wie sie an den internationalen Finanz- und Gütermärkten investiert werden. Andererseits durch inflationäre Effekte im Binnenland, da sich die Währungsreserven nicht vollständig sterilisieren lassen und die Geld- und Kreditmenge aufblähen.

Auf diese Weise kommt es zu inflationären Effekten in China. Sie zeigen sich in Form der offiziellen - sehr wahrscheinlich jedoch zu tiefen - Inflationsrate, die im Juni auf 4,4 Prozent und damit deutlich über die Zielmarke von drei Prozent gestiegen ist. Die Inflation wurde vor allem von der Teuerung bei Nahrungsmitteln angetrieben. Ein aufgrund einer Tierseuche geringeres Schweinefleischangebot und höhere Getreidepreise an den Weltmärkten haben Nahrungsmittel im Reich der Mitte deutlich verteuert.

Chinas Wirtschaft muss binnenlastiger werden

Die Zentralregierung in Peking versucht deswegen seit längerem, die Überhitzung der Konjunktur zu dämpfen. Dazu gehörten in diesem Jahr zwei Zinserhöhungen und bereits mehrfach verschärfte Pflichten der Banken zum Aufbau höherer Rücklagen, um dem Wirtschaftskreislauf Geld zu entziehen. Auch verhängte Peking Auflagen für die Exportwirtschaft, um den rasanten Anstieg der Exporte zu bremsen. Trotzdem verbuchte China im Juni mit fast 27 Milliarden Dollar den bislang höchsten in einem Monat erzielten Handelsüberschuss.

Die Inflation zeigt sich jedoch nicht nur an den offiziellen Indizes, sondern auch in Form rasant steigender Immobilienpreise und einer boomenden Börse. Beides dürfte angesichts deutlich zu tief gehaltener Zinsen kaum überraschen. Allerdings sind inzwischen zumindest die Aktien an den lokalen Börsen trotz aller Wachstumsaussichten massiv überbewertet. Auch aus diesem Grund dürfte eine Abkühlung der Entwicklung beziehungsweise die „Umpolung“ der chinesischen Wirtschaft auf den Binnenkonsum statt auf den Export notwendig werden.

Das bedeutet jedoch nicht, dass sie auch gelingen wird. Falls nicht, dürften die gegenwärtigen Trends - sowohl konjunkturell als auch an den Finanzmärkten - noch eine Weile weiterlaufen können. Allerdings würden auf diese Weise die makroökonomischen Ungleichgewichte - sowohl auf Handelsseite als auch im Devisenbereich - immer größer werden - mit entsprechendem Anpassungsbedarf zu einem späteren Zeitpunkt. Sollte sie jedoch gelingen, dürfte es die Dynamik der Weltkonjunktur abbremsen und zusammen mit der wirtschaftlichen Schwäche in den Vereinigten Staaten die Ertragsaussichten der Unternehmen.

Aus diesem Grund dürfte es ratsam sein, die Entwicklung in China und die möglichen Konsequenzen im Auge zu behalten. Denn sollte sich der rasante Aufbau der Ungleichgewichte nicht bremsen lassen, dürfte es früher oder später zum abrupten Bruch der bisher so vorteilhaften Trends kommen. Sei es, weil es aufgrund steigender Preise in China zu sozialen Unruhen käme oder weil sich der Protektionismus in den westlichen Staaten durchsetzen sollte.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @cri
Bildmaterial: Bloomberg, F.A.Z., National Bureau of Statistics of China

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