Strategie

Die Aussichten für die Schwellenbörsen sind bestens

05. Dezember 2007 An den Aktienmärkten der Schwellenländer wird sich der langjährige Haussezyklus im neuen Jahr wohl fortsetzen. Doch er dürfte differenzierter verlaufen und auch keine so herausragenden Gewinne mehr bescheren wie bisher. Dies scheint zur Jahreswende die herrschende Meinung unter Anlagestrategen zu sein.

Ferner hat sich die Ansicht herausgebildet, dass sich die Schwellenbörsen weit weniger anfällig für einen möglichen weitreichenden Rückschlag an der Wall Street zeigen dürften als in der Vergangenheit. Tatsächlich könnten sie aus einer denkbaren Baisse des amerikanischen Marktes sogar Vorteile ziehen, weil ihnen in diesem Fall wohl Kapital von den amerikanischen Aktienmärkten zufließen würde.

Brasilien, Russland, Indien und China als Anlageregionen weiterhin beliebt

Als Favoriten unter den Schwellenbörsen gelten vor allem die Bric-Länder (Brasilien, Russland, Indien und China) wegen ihres robusten, mehr und mehr von den einzelnen Binnenmärkten geförderten Wirtschaftswachstums sowie ihrer komfortabel hohen Devisenreserven. Dies seien auch die Gründe dafür, dass sich die Risikoscheu aller Anlegerkategorien heute im Gegensatz zur Vergangenheit nicht mehr so einseitig auf die Schwellenmärkte, sondern zunehmend auf die etablierten Aktienmärkte richte, heißt es vielerorts.

Merrill Lynch vertritt in einem Ausblick die Auffassung, dass die Schwellenländer im neuen Jahr ein reales Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von durchschnittlich 8 Prozent erzielen könnten. Als treibende Kräfte dürften sich tendenziell weiter anziehende Rohstoffpreise und die Schwäche des amerikanischen Dollar erweisen. Was die Bewertung betrifft, hätten die Schwellenbörsen inzwischen aber mit den etablierten Märkten gleichgezogen. Die externen Risiken, darunter die Möglichkeit einer weltweiten Rezession und anhaltend steigender Inflation in den Schwellenländern, seien heute höher als noch vor zwölf Monaten.

Mit Blick auf die Börsen dieser Länder erklärt die Investmentbank, die laufende Hausse habe 2002/03 im Zeichen weltweiter Deflationsgefahren, einer allgemeinen Furcht der Anleger vor Verlusten an den Finanzmärkten und niedrig bewerteter Aktien begonnen. Da das Pendel an den Märkten von einem Extrem zum anderen schwinge, dürfte diese Hausse unter dem Stern zunehmender Inflation, Gier der Anleger nach noch höheren Gewinnen an den Finanzmärkten und teuren Aktien enden.

Altbekannte Themen: Infrastruktur und Konsum

Unter den Anlagethemen, die im neuen Jahr an den Schwellenbörsen herausragen dürften, befinden sich nach Meinung von Merrill Lynch auch im neuen Jahr der Aufbau beziehungsweise der Ausbau der Infrastruktur sowie der Binnenkonsum.

Andere Quellen unterstreichen die stark zunehmende Bedeutung der Agrarwirtschaft, die besonders in den Schwellenländern überdurchschnittlich wachsen müsse, um die Grundversorgung der Bevölkerung dort und Exporte gewährleisten zu können. Goldman Sachs hebt in einem noch weiter in die Zukunft gerichteten Ausblick die Bemühungen vor allem der Bric-Länder hervor, die Ausbildung der jungen Teile ihrer Bevölkerung zu fördern. Auch wenn die darauf gerichtete Politik bei verschiedenen Grundvoraussetzungen unterschiedlich verfolgt werde, seien sich diese Länder doch darüber im Klaren, dass ihre wirtschaftliche Zukunft und ihre Rolle im internationalen Wettbewerb entscheidend von Fortschritten im Bildungsbereich abhängen.

Zu den großen Risiken, denen im neuen Jahr die Schwellenbörsen ausgesetzt sein könnten, zählt nach Ansicht von Anlagestrategen in erster Linie eine Dollar-Krise, die sich zu einer Krise des internationalen Währungs- und Finanzsystems ausweiten könnte. Es wird darauf hingewiesen, dass die devisenstarken Schwellenländer ihre Währungsreserven stark übergewichtet in Dollar halten und wegen der bisher eingetretenen Abwertung der amerikanischen Devise schon hohe Wertverluste hinnehmen mussten.

In diesem Zusammenhang wird hinter vorgehaltener Hand diskutiert, wie sich die Regierung in Washington verhalten würde, wenn es im Zuge einer solchen Krise zu einem Sturm gegen den Dollar käme. Pimco, der zum Allianz-Konzern gehörende, weltweit bedeutendste Verwalter von Zinstiteln, hat diese Möglichkeit schon vor einigen Jahren durchdacht und die rhetorische Frage gestellt, ob wirklich jemand glaube, Amerika würde seine Gläubiger in einem solchen Fall anstandslos bedienen. Zu den Risiken zählt ferner, dass Amerika in eine Rezession geraten und dass Europa sowie Japan nachfolgen könnten, was nicht nur einen starken Rückgang der Rohstoffpreise, sondern auch schrumpfende Absatzmärkte für die Schwellenländer bedeuten würde. Ein weiteres Risiko ist nach Ansicht von Strategen darin zu sehen, dass Schwellenländer wegen stark steigender Inflation und höherer Kapitalzuflüsse Kapitalverkehrskontrollen verhängen könnten.



Text: F.A.Z., 06.12.2007, Nr. 284 / Seite 26
Bildmaterial: FAZ.NET

 
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