Poetik

Der wahre Aristoteles

Von Otfried Höffe

Darf die Orestie so blutig wie im Berliner Deutschen Theater in der Regie von Michael Thalheimer sein? Auch dazu nimmt die aristotelische Poetik Stellung

Darf die Orestie so blutig wie im Berliner Deutschen Theater in der Regie von Michael Thalheimer sein? Auch dazu nimmt die aristotelische Poetik Stellung

27. Januar 2009 Trotz ihrer Kürze ist die „Poetik“ des Aristoteles, seine Schrift über die Dichtkunst, einer der wirkungsmächtigsten Texte ihrer Art und fraglos das erste Werk, das seinen Gegenstand systematisch erörtert: die Gattungen der Dichtung, besonders die Tragödie, deren Wirkungen und die Komposition der Handlung. Über Jahrhunderte beeinflusst der Text nicht nur die philosophischen und literaturwissenschaftlichen Debatten. Ihm gelingt sogar, was der dem Wort „Poetik“ zugrundeliegende Ausdruck beinhaltet: Wenige, überdies mehr deskriptiv als normativ zu verstehende Bemerkungen zum Hauptgegenstand, der Tragödie, führen zu jener berühmten Lehre der drei Einheiten von Zeit, Ort und Handlung, die die klassische europäische Dramenkunst nachdrücklich prägt, bevor sie dann auf vehementen Widerspruch trifft. Dem für Aristoteles wichtigeren Grundgedanken, der Mimesis, ergeht es ähnlich: Lange Zeit hochgeschätzt, wird er von dem angeblich alternativen Gedanken, dem des schöpferischen Genies, zunächst verdrängt, dann leidenschaftlich verworfen.

Obwohl Aristoteles eigentlich davon handelt, dass Dichtung weder ein naturalistisches Nachahmen noch pure Fiktion ist. Als „Nachahmung von“ an etwas Nachgeahmtes gebunden, mahnt sie auch das künstlerische Genie zu Bescheidenheit. Selbst überragende Schriftsteller führen bestenfalls im metaphorisch abgeschwächten Sinn eine „göttliche Feder“. Ob realistisch, idealisierend oder karikierend - Aristoteles erkennt diese drei Grundtypen an -, es gelingt ihnen nie mehr als eine sekundäre Schöpfung.

Immer noch aktuell

Für das Verständnis des Hauptgegenstandes, für die griechische Tragödie, dürfte Aristoteles bis heute erwägenswerte Theorieangebote machen. Nur zwei seien genannt: Tragisch ist im Sinne von Dramenkunst kein trauriger Unglücksfall, sondern ein Verhängnis, das aufgrund einer hamartia, einer Verfehlung, seinen mitleidlosen Lauf nimmt. Der tragische Held wiederum ist ein spoudaios, also eine Person, die aus der Menge durch ihre aristokratische Herkunft herausragt. Weit wichtiger ist aber der Charakter, der den eingeschlagenen Weg, wie wir es von Kreon genauso wie von Antigone kennen, in rücksichtsloser Unerbittlichkeit verfolgen heißt.

Eine Neuübersetzung und gründliche Kommentierung, wie sie Arbogast Schmitt nun im Rahmen der in den fünfziger Jahren begründeten Edition der Werke von Aristoteles in deutscher Übersetzung vorgelegt hat, lässt die bleibende Aktualität ihres Textes durchklingen. Zu Recht sieht aber der Kommentator, ein hochgebildeter Philologe und Philosophiehistoriker, die Hauptaufgabe andernorts. Er geht schon in der Einleitung von einer ambivalenten, den wahren Aristoteles mehr verzerrenden „Wiederentdeckung“ der „Poetik“ in der Renaissance aus. Er erinnert daran, dass um die Wende vom fünfzehnten zum sechzehnten Jahrhundert nicht etwa Aristoteles' eigene Poetik-Gedanken, sondern hellenistische Literatur- und Kunstvorstellungen dominierten - Vorstellungen, die Aristoteles nicht selten falsch wiedergaben. Überdies pflegte man damals wie heute die lateinischen „Poetik“-Übersetzungen ebenso zu übergehen wie die drei arabischen Poetik-Kommentare, obwohl sie von so einflussreichen Aristoteles-Kommentatoren wie al-Farabi, Avicenna und Averroes verfasst wurden. Freilich lässt sich auch Schmitt weder auf die arabischen Kommentare noch auf die lateinischen Übersetzungen näher ein.

Weniger Details, dafür gut verständliche Kommentierung

Eine Geschichte vom Aufstieg und Fall der vermeintlich Aristotelischen Regelpoesie trägt zweifellos zur Erhellung der „Poetik“ bei. Der Vorwurf der „Regelpoetik“, dem sich Aristoteles im Laufe seiner Rezeption immer wieder ausgesetzt sah, geht ins Leere. Aristoteles hat nämlich, wie Arbogast Schmitt schlagend zeigt, gar keine Regelpoetik im Sinne eines verbindlichen Katalogs von Schreibvorschriften verfasst.

Auch dem unbefangenen Leser bietet Schmitts Kommentar reiche Erläuterungen. Gegeben werden sie in Form einer neuartigen Kommentierung: Auf die „Gliederung und Zielsetzung“ des jeweiligen Kapitels folgen „Einzelerklärung und Forschungsprobleme“, obwohl weniger Einzelstellen erläutert als in Klein-Essays größere Passagen interpretiert werden. Dabei zieht Schmitt in der Regel die harmonisierende Erklärung der problematisierenden (Detail-)Analyse vor. Schmitt verweist, wo es naheliegt, auf andere Werke des Aristoteles, selbst wenn er die zugehörige Forschung nicht immer hinreichend zur Kenntnis nimmt. Für Aristoteles' Handlungsbegriff beispielsweise drängt sich einschlägige Literatur zu den Passagen der Nikomachischen Ethik auf. Auch tragen deren Ausführungen mindestens ebenso viel zur Unterscheidung von Wissenschaft (epistême) und Kunst (technê: Herstellungswissen) bei wie das Einleitungskapitel der Metaphysik.

Platon irritiert

Zu den „historischen Bedingungen“, auf die Schmitt Wert legt, gehört der Gegenstand der Poetik: die griechische Dichtung in der Fülle, wie sie Aristoteles direkt anführt oder auch nur auf sie anspielt. Schmitt geht vor allem auf Homer, Sophokles, Euripides und Aristophanes ein, ohne weder Aischylos noch Menander oder Pindar zu vergessen. Weil es für jede der Dichtungsgattungen und in ihrem Rahmen für jeden der großen Autoren eigene Experten gibt, ist mit Interpretationskontroversen zu rechnen. Eine sei hier angestoßen: Kann man tatsächlich, wie Schmitt erschließen will, eine zur tragischen Reinigung analoge kathartische Wirkung der Komödie annehmen? Falls die Komödien zu jener in der Nikomachischen Ethik entfalteten „Tugend“ der Unterhaltung und des Scherzens, der Gewandtheit (eutrapelia), anleiten und sich zugleich gegen Possenreißerei und Ungehobeltheit wenden, dann entfalten sie wohl eher eine erzieherische als eine kathartische Wirkung.

Eine dritte historische Bedingung ist ebenso wichtig: der Bezug auf das Oberhaupt des ersten Wissenschaftskollegs, auf Platon. Hier irritiert Schmitts Harmonisierung. Zu oft liest man: „nach Aristoteles (wie Platon)“, „folgt Platon“ oder „von Platon übernommen“. Tatsächlich weicht Aristoteles, angefangen mit einer Neubewertung der Mimesis, vielfach und entschieden von Platon ab: Er verwirft sowohl dessen moralische als auch politische, nicht zuletzt „ontologische Ächtung“ der dichterischen Mimesis. Und die emotionale Wirkung der Dichtung hält er nicht für schädlich, sondern für heilsam.

Schwierige Definition des Wissens

Aristoteles hat keine Schwierigkeit, auch in der Dichtung eine Form der menschlichen Rationalität zu sehen, sie sogar für philosophischer als die der Geschichtsschreibung einzuschätzen. Die genaue Wissensart ist aber nicht leicht zu bestimmen, zumal Aristoteles selbst sie überknapp erläutert: Obwohl ihre Personen Eigennamen tragen, teilt Dichtung Allgemeines mit, nämlich dass „Menschen einer bestimmten Beschaffenheit wahrscheinlich oder sogar notwendig auf eine bestimmte Art reden oder handeln“. Zu Recht ordnet nun Schmitt die Dichtung nicht der praktischen Philosophie zu, doch mit keiner überzeugenden Begründung. Denn die praktische Philosophie, mit Grundbegriffen und Prinzipien befasst, gibt keine „Anweisungen, wie man sich in einer Einzelsituation entscheiden“ soll.

Sobald man den Ausdruck „theoretisch“ nicht im Aristotelischen Sinn versteht, hat die Dichtung durchaus, so wie Schmitt behauptet, einen theoretischen Charakter. Für Aristoteles selbst besteht die theôria aber in einem Wissen, dem man die Dichtung schwerlich zuordnen kann: im aktualen und sich selbst genügenden Wissen von Ursachen und Prinzipien. Insofern die Tragödie zunächst Mitleid und Furcht, sodann eine rationale Reinigung dieser Emotionen hervorrufen soll, hat sie wesentlich einen hervorbringenden, also poietischen Charakter.

Furcht und Mitleid des Aristoteles sind bis heute gültig

Die Bilanz zu Arbogast Schmitts Werk: stupende Kenntnis sowohl von Aristoteles als auch der griechischen Dichtung und der damaligen Dichtkunst-Debatten, überragendes Wissen um die Rezeptionsgeschichte und die Forschungsliteratur, nicht zuletzt viele überzeugende Einschätzungen schaffen ein bewundernswertes Zeugnis altphilologischer Gelehrsamkeit und philosophischer Erschließungskraft. Schmitt ist es gelungen, die Poetik des Aristoteles von zähen historischen Missverständnissen zu befreien, insbesondere von Fehllektüren der Renaissance. Schon dies gibt seinem Kommentar etwas Durchschlagendes.

Trotz mancher Eigenwilligkeiten in der Übersetzung wie im Kommentar macht Schmitts Aristoteles-Arbeit überzeugend klar: Die Hauptbegriffe der um 335 vor Christus geschriebenen „Poetik“ (etwa die Mimesis, die beiden Emotionen Furcht und Mitleid und die Katharsis) scheinen ihre Gültigkeit bis heute nicht verloren zu haben. Ob Bühnenwerk oder Film - in ihren großen Beispielen bringen sie exemplarische Lebensmöglichkeiten zur Darstellung. Sie führen uns große Leidenschaften vor, zwingen uns mitzuleiden und gewähren den mitleidenden Betrachtern am Ende Erleichterung.

Aristoteles: „Poetik“. Übersetzt und erläutert von Arbogast Schmitt. In: „Aristoteles“. Werke in deutscher Übersetzung. Begründet von Ernst Grumach, herausgegeben von Hellmut Flashar. Band 5. Akademie Verlag, Berlin 2008. XXVIII, 789 S., geb., 98,- €.



Bildmaterial: Cinetext/CP

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