10. Januar 2009 Der erste Rezensent des lang erwarteten neuen Romans von Daniel Kehlmann war Daniel Kehlmann. In einem Interview in der F.A.Z. vom 27. Dezember (Interview: In wie vielen Welten schreiben Sie, Herr Kehlmann?) gab er sein Urteil ab: Ich glaube, dass es formal das Avancierteste ist, was ich je gemacht habe. Ich bin damit künstlerisch am weitesten vorangekommen. Dann führt er den Leser durch sein Werk, erklärt Aufbau, Struktur und Grundidee, weist darauf hin, welche Geschichte wahrscheinlich die beste des Buches sei, welche wahrscheinlich die lustigste und welche dagegen überhaupt nicht komisch. Wenn er schließlich auch noch anmerkt, die eine Passage sei eine kleine Buñuel-Hommage, und über die andere sagt, der graue Raymond-Carver-Realismus am Anfang ist zum Beispiel eine kalkulierte Täuschung, denkt man sich, man kann den Autor und Selbstrezensenten eigentlich auch ganz gut mit seinem neuen Buch allein lassen.
Kann man aber natürlich nicht. Denn so klug der doppelte Kehlmann auch ist, so stolz er die Baupläne seines Buchs lange vor dem Erscheinen vor seinen Lesern ausbreitet, so wenig weiß er natürlich über das Geheimnis seines eigenen Werkes. So wenig weiß er über die Wirkung des Romans Ruhm auf die Leser, so wenig über die Lebendigkeit all seiner Prosa-Berechnungen. Und was würde am Ende jede noch so meisterlich kalkulierte Täuschung eines grauen Raymond-Carver-Realismus helfen, wenn beim Lesen davon nur das Graue bliebe?
Er blickt schon auf ein Werk zurück
Doch Daniel Kehlmann hat gute Gründe, sich seiner künstlerischen Mittel so sicher zu sein. Mit seinen gerade mal 33 Jahren blickt er schon auf so etwas wie ein Werk zurück. Vier Romane, eine Novelle, einen Erzählungs-, einen Essayband und ein Interviewbuch hat er bislang veröffentlicht. Es ist atemberaubend, wie schnell und sicher er sich Schritt für Schritt vorangeschrieben hat, bis es mit seinem letzten Roman, der Vermessung der Welt, geradezu zu einer Erfolgsexplosion gekommen ist. 1,4 Millionen verkaufte Bücher allein in Deutschland, Übersetzungen in vierzig Sprachen, der größte Erfolg seit Patrick Süskinds Parfum, und das mit einem Roman über die Wissenschaftler Humboldt und Gauß - eine unglaubliche Geschichte.
Aus irgendwelchen Gründen brachte dieser phantastische Erfolg dem Autor kaum Neid und Missgunst und dafür umso mehr Respekt und Bewunderung ein - und sonderbarerweise Sorge. Wie er mit diesem Erfolg umgehen werde, ob ihn der Erwartungsdruck nicht lähme, die Literaturgeschichte sei schließlich voller Autoren, die am lebenslangen erfolglosen Nacheifern eigener Großerfolge zerbrochen seien. Kehlmann nahm diese mütterlichen Nachfragen meist lächelnd zur Kenntnis, erklärte ruhig, er persönlich mache sich da überhaupt keine Sorgen, und das Beste am Bestsellerschreiben sei doch, dass man nach einem Bestseller keinen weiteren mehr schreiben müsse, weil man ja jetzt, für immer aller Geldsorgen ledig, ohne Druck einfach schreiben könne, was man wolle.
Ruhm - das ist ironisch
Und als er schon einmal dabei war, im Abwehren all der Sorgen um möglichen Übermut, Kleinmut, um Ruhmsucht und verdrehten Kopf, hat Daniel Kehlmann wohl beschlossen, sein neues Buch einfach Ruhm zu nennen, Ruhm - Ein Roman in neun Geschichten. Der Effekt ist natürlich, dass ihn nun alle fragen, ob er jetzt also endgültig verrückt und größenwahnsinnig geworden sei, und Kehlmann antwortet dann immer: Leute, das ist IRONIE!
Das ironische Ruhmesbuch beginnt mit einem Klingeln. Es klingelt das neue Mobiltelefon des Computertechnikers Ebling, er wollte nie eins haben, er als Techniker vertraue dieser Sache letztlich nicht, aber seine Bekannten nannten seine Unerreichbarkeit schändlich, und also hat er sich endlich auch eins besorgt. Es ist auch nicht so schlimm, denn es klingelt ohnehin fast nie, nur wenn seine Frau ihn zum Gurkenkaufen schicken will oder so. Doch jetzt klingelt es, und es ist nicht seine Frau, sondern eine Fremde, die mit einem Ralf sprechen möchte. Ebling heißt nicht Ralf, also teilt er höflich mit, dass sie sich verwählt haben müsse. Doch das ist nur der Anfang. Eblings Telefon klingelt und klingelt. Fremde Männer fluchen: Ralf! Was ist, wie läuft es, du blöde Sau? Es ist offensichtlich: Ebling hat die Nummer eines anderen bekommen, eines Vielangerufenen irgendwo aus der Welt da draußen. Der Kundendienst, bei dem er sich beschwert, erklärt die Sache für ausgeschlossen. Es ist aber passiert! Nein, es sei unmöglich, also ist es auch nicht passiert, also kann auch nichts geändert werden.
Wie er das macht, ist großartig
Damit fängt Eblings neues Leben an. Nach einer Weile stellt er fest, dass er und der von den Anrufern gemeinte offenbar eine ähnliche Stimme haben, dass er also nicht nur als Hörer, sondern auch als Sprecher in dieses neue, fremde Leben eintreten kann, und er tritt ein. Zitternd am Anfang, immer souveräner und spielerischer mit der Zeit. Er verabredet sich mit Frauen mit wertvollen Stimmen in teuren Restaurants, erfindet am nächsten Tag kühl Ausreden, warum er nicht kommen konnte, lässt aufgebrachte Geschäftspartner locker abtropfen, lässt Frauen weinen, tröstet nicht, ist: ein neuer Mensch. Wie Kehlmann das macht, auf den gerade mal siebzehn Seiten der ersten Geschichte, dieses kleine Leben um und um zu wirbeln und zu verwandeln, nur aufgrund eines winzigen technischen Versagens, ist großartig. Mit winzigen Beobachtungen, Beschreibungen, Ahnungen und schönen Bildern: Wie sich Ebling nachts in den Keller schleicht, um heimlich die neuesten Nachrichten abzuhören, wie er zu ahnen beginnt, dass er die Nummer des Filmstars Ralf Tanner bekommen haben könnte, dass die Menschen ihn also im Ernst mit dieser Weltberühmtheit verwechseln, und wie er schließlich so weit kommt in seinen Träumen, dass er glaubt, man habe nicht ihre Nummern vertauscht, sondern in Wahrheit, am Anfang von allem: ihre Leben. Womöglich war sein Dasein ja immer schon für ihn, Ebling, bestimmt gewesen, vielleicht hatte nur ein Zufall ihrer beider Schicksal vertauscht.
Das ist das Thema des ganzen Buchs: der Austritt aus dem Leben, hinüber in ein anderes. In den meisten Kehlmann-Büchern geht es ja darum. Die Flucht aus einem kleinen Leben hinüber in ein genialisches. Im Traum oder in der Wirklichkeit. Die Welt neu erfinden, das Leben neu erfinden. Hinaus aus dem Grau, hinüber ins Blau. Meist stehen Spiegel an den entscheidenden Stellen der Bücher herum. Ein kurzer Moment der Unwirklichkeit, der Ahnung eines anderen Lebens - wer ist denn da, wer schaut mich an? -, und schon sind die Kehlmann-Menschen verschwunden. Auf der anderen Seite des Spiegels. Den magischen Realismus, wie Kehlmann ihn versteht und schreibt, hatte er schon in seinem ersten Buch, dem Roman des Zauberlehrlings Beerholm 1997, beschrieben: Was bedeutet Magie? Sie bedeutet schlicht, dass der Geist dem Stoff vorschreiben kann, wie er sich zu verhalten hat, dass dieser gehorchen muss, wo jener befiehlt. Was unvernünftig scheint, ist in Wahrheit Offenbarung der Vernunft. Was sich als Aufhebung der Naturgesetze gibt, ist eigentlich deren glanzvolles Hervortreten aus dem Gestrüpp des Zufalls.
Erträumtes Dasein
An diesem Programm hat Kehlmann Buch für Buch weiter fortgeschrieben, wie im Falle des die Zeit besiegenden, genialen Physikers Mahler aus Mahlers Zeit, dem ertrinkenden Versicherungsangestellten Julian, der im Untergehen ein anderes Leben, ein Leben auf der Flucht erlebt. In diesem erträumten Dasein begegnet er seinem Bruder und sagt zu ihm: ,Du weißt doch, dass man nur ein Leben hat. Jeder weiß das. Es ist so ziemlich das Erste, was einem gesagt wird.' ,Und?' ,Ich bekomme noch eines.' Die Verdopplung der Welt - das ist der Kern von Kehlmanns Kunst, dem er selbst in seinem Wissenschaftsroman, der Vermessung der Welt, gefolgt war, als sein Gauß im Widerspruch zu Humboldt dachte: Manchmal war ihm, als hätte er den Landstrich nicht bloß vermessen, sondern erfunden, als wäre er durch ihn Wirklichkeit geworden.
Im neuen Buch setzt Kehlmann also seine Weltvermessung fort. Den Träumer Ebling lassen wir schnell mit seinem neuen Leben allein. Grausam wirft Kehlmann ihn am Ende der ersten Geschichte aus seinem neuen Leben. Ein Kollege, der neben Ebling in der Kantine sitzt, verspottet ihn für sein gebanntes Starren auf sein Handy: Versteh das jetzt bitte nicht falsch. Aber wer sollte dich schon anrufen? Und wirklich ist der Fehler irgendwie behoben worden, oder jener Ralf bekommt aus irgendwelchen Gründen plötzlich keine Anrufe mehr.
Plötzlich auf der anderen Seite
Drei Geschichten weiter erfahren wir es. Denn so ist das Buch gebaut: manche Personen, die zunächst als Nebenfiguren oder Schemen auftreten, übernehmen in einer anderen Geschichte die Hauptrolle, andere tauchen immer mal kurz auf, die eine Wirklichkeit erweist sich dreißig Seiten später als unwirklich, ein Traum als Wirklichkeit, und immer wieder saugen Spiegel die Menschen förmlich an. Plötzlich sind sie auf der anderen Seite.
Eine Schriftstellerin geht in einem fernen Land im Osten verloren. Nur wenige kleine Zufälle kommen zusammen, und sie verliert jede Möglichkeit, mit der Welt in Kontakt zu treten. Eine falsche Regung und man fand nicht mehr zurück. Das Versagen ihres Handys und die Abreise ihrer Reisegruppe haben die Kappung aller Verbindungslinien zu ihrer vertrauten Welt zur Folge. Sie lebt wie in einem Käfig hinter Glas. Es ist eine Variation von Marlen Haushofers Roman Die Wand, bis in kleine Details scheint Kehlmann dieser Folie zu folgen. In anderen Geschichten geht er in ganz anderen Spuren, Borges' Erzählung Der Andere etwa und sogar Die Taube, das Buch, das Süskind damals dem Parfüm folgen ließ und worin ihm ein plötzlicher Vogel genügte, um das Leben seines Helden entzweizureißen.
Alles ist möglich
Kehlmann geht virtuos in diesen Spuren, verlässt sie aber immer wieder, wenn es ihm passt, wechselt Ton, Perspektiven, Erzählweisen und Geschichten. Und folgt aber in aller Ruhe seinem Thema: wie leicht in der technischen Welt durch eine kleine falsche Programmierung alles aus den Fugen geraten kann. Wie alle Sicherheiten verlorengehen, ein neues Leben beginnt. Ruhm ist ein Schreckens- und Traumbuch aus unserer Gegenwart. Die Tatsache, dass die Welt und jedes Leben durch eine minimale technische Veränderung völlig auf den Kopf gestellt werden können, ist für den Künstler und Weltenschaffer Kehlmann ein Segen. Alles ist möglich in dieser Welt, mit nur wenig Zauberkunst und viel Wirklichkeitssinn.
Daniel Kehlmann beherrscht beides. Und so ist Ruhm vor allem auch ein Künstlerroman, ein Roman über Hybris und Macht des Schriftstellers geworden. Es taucht auch immer wieder einer auf. Er heißt Leo Richter und ist berühmt und ein recht lächerliches Würstchen. Autor vertrackter Kurzgeschichten voller Spiegelungen und unerwartbarer Volten von einer leicht sterilen Brillanz. So wird er uns vorgestellt, und es ist schon erstaunlich mitanzusehen, wie bereitwillig Kehlmann hier den Lesern ein verschrobenes Zerrbild seiner Selbst vorlegt.
Er schreibt diesem Leo Richter sogar die Autorschaft einer Geschichte in Ruhm zu, jener Geschichte, die er im Interview als seine beste ausgegeben hatte. In dieser Geschichte fleht eine todgeweihte Dame, Rosalie, den Autor um ihr Leben an. Er weigert sich, wie sich schon der Telefon-Techniker der ersten Geschichte geweigert hatte. Unmöglich. Unmöglich. Es beschädigt meine Prosa, weist er sie zurecht. Schließlich hilft er doch, heilt die Unheilbare und schenkt ihr sogar ihre Jugend zurück. Und voller Pathos, Rührung und Wahrheit denkt er sich: und mir scheint es für einen Moment, als hätte ich richtig gehandelt, als wäre Gnade das Höchste und als käme es auf eine Erzählung weniger nicht an. Und zugleich, ich kann es nicht leugnen, kommt mir die absurde Hoffnung, dass dereinst jemand dasselbe für mich tun wird. Denn wie Rosalie kann auch ich mir nicht vorstellen, dass ich nichts bin ohne die Aufmerksamkeit eines anderen, ja, dass meine bloß halbwahre Existenz endet, wenn dieser nur den Blick von mir nimmt.
Daniel Kehlmann: Ruhm - Ein Roman in neun Geschichten. Rowohlt 2009, 202 Seiten, 18,90 Euro
Buchtitel: Ruhm - Ein Roman in neun Geschichten
Buchautor: Daniel Kehlmann
Text: F.A.S.
Bildmaterial: Julia Baier