26. Mai 2006 Die rechtsextreme Szene in Deutschland hat einen merkwürdigen neuen Liebling. Seit der iranische Präsident Ahmadineschad in öffentlicher Rede Israel das Existenzrecht abgesprochen und den Holocaust an den Juden geleugnet hat, berufen sich die Autoren diverser Publikationsorgane in ihren krausen weltpolitischen oder philosophischen Elaboraten gerne auf ihn.
So zitierte etwa das im sächsischen Riesa erscheinende NPD-Parteiblatt Deutsche Stimme den iranischen Präsidenten Anfang des Jahres ausführlich. Ahmadineschad ist für viele Rechtsextreme ein Bruder im Geiste. Schließlich gehört der Haß auf Israel ebenso zum Kernbestand des Rechtsextremismus wie der Haß auf alles Jüdische.
Jüdische Erfindung
Auch sind Rechtsextreme davon überzeugt, Deutschland werde durch die Erinnerung an den Holocaust in einem fortwährenden Schuld- und Sühnezustand gehalten und an einer selbstbestimmten Politik gehindert. Damit werde das deutsche Volk zum Opfer.
Die Behauptung, es habe keine Schoa gegeben, sie sei vielmehr eine jüdische Erfindung, ist das finale Element dieses Gedankenkonstrukts. Für gewöhnlich vermeiden es Rechtsextreme, den Holocaust in der Öffentlichkeit zu leugnen, weil dies in Deutschland unter Strafe steht.
Deshalb verlagerte sich der Schwerpunkt einschlägiger Äußerungen: Nicht mehr die Leugnung des Holocausts steht nun im Vordergrund, sondern dessen behauptete Instrumentalisierung. Aktuell bietet der iranische Präsident jedoch jedem auch nur ein wenig rhetorisch Begabten die Möglichkeit, sich ihm anzuschließen und damit nicht mühsam andeuten zu müssen.
Faszination Islamismus
Rechtsextreme sind in Deutschland trotz allem noch immer gesellschaftlich weitgehend isoliert. Um so mehr ist es für sie wichtig, auf Gesinnungsfreunde außerhalb des Landes hinzuweisen. In diesem Sinne ist die Aufmerksamkeit, die der iranische Präsident mit seinen Äußerungen erzielt, für sie ein Glücksfall.
Aber auch ganz allgemein fasziniert der Islamismus die rechtsextreme Szene. Ende 2005 bezeichnete ein sächsischer NPD-Abgeordneter in der Deutschen Stimme alle, die das Recht auf nationale Selbstbestimmung und kulturelle Differenz gegen die dollarbeherrschte McWorld durchsetzen wollen als Dschihadisten.
So grundverschieden sie sonst in ihren Zielen auch seien, hätten Nationalisten, Regionalisten und religiöse Fundamentalisten in diesem Sinne einen gemeinsamen Gegner: den völker- und kulturfeindlichen Weltherrschaftsapparat der Vereinigten Staaten. Der Schlachtruf der nahen Zukunft könne lauten: Macht kaputt, was die Völker kaputtmacht.
Einer engeren Kooperation zwischen Rechtsextremisten und Islamisten in Deutschland stehen nach Einschätzung des Bundesamtes für Verfassungsschutz aber der jeweilige Absolutheitsanspruch und die ausländerfeindliche Orientierung der Rechtsextremisten entgegen.
Positive Integrationsbremse
Tatsächlich würdigte der NPD-Abgeordnete erst im April in einem weiteren Elaborat den Islam als positive Integrationsbremse für Muslime in Deutschland. Innenpolitisch sei die wachsende Islamfeindlichkeit in Deutschland positiv, weil sie die NPD-Forderung nach Ausländerrückführung salonfähig mache. Außenpolitisch sei sie jedoch bedenklich, weil sie den Amerikanern und ihrer Aggressionspolitik gegen die arabische Welt in die Hände spielt. Denn die arabische Welt führe gegenwärtig einen moralisch gerechten Verteidigungskampf gegen die Aggressoren der ,McWorld'. Letztlich aber mache es keinen großen Unterschied, ob die Völker in die Herde der muslimischen Umma (der Weltgemeinschaft aller Gläubigen) oder in die Idiotenmasse der amerikanischen McWorld hineingetrieben werden sollen.
Daß die rechtsextreme Szene in Deutschland auch die Auftritte der iranischen Mannschaft während der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland propagandistisch für sich nutzen will, ist seit längerem bekannt. Schon Ende März kündigte der Vorsitzende der NPD-Fraktion im Sächsischen Landtag, Holger Apfel, an, mit Aktionen . . . die Fußballmannschaft des Iran zu ihrem am 21. Juni in Leipzig stattfindenden Spiel im Freistaat begrüßen zu wollen.
Die NPD werde damit ein bewußtes Zeichen der Solidarität mit einem Volk setzen, das wohl in nicht allzu ferner Zukunft mit einem brutalen Militärschlag der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten rechnen muß, weil es sich dem Diktat des angeblich ,freien Westens' nicht unterordnen will.
70.000 WM-Planer beschlagnahmt
Bei ihrer Aktionen will die NPD Flugblätter und ihren WM-Planer verteilen. Der Planer soll ein Mittel zur Verbreitung der rassistischen Kernbotschaft der NPD sein. In seiner ersten Version trug das Druckwerk auf der Titelseite die Aufschrift: Weiß! Nicht nur eine Trikot-Farbe! Für eine echte NATIONAL-Mannschaft! und zeigte das Trikot eines Spielers mit der Nummer 25.
Sie gehört dem in Hamburg geborenen Fußballer Patrick Owomoyela, der derzeit auf Abruf für einen möglichen Einsatz im Nationalteam zur Verfügung steht. Gegen die Verbreitung der Schrift erwirkte der Spieler eine einstweilige Verfügung. Mitte Mai wies das Landgericht Berlin den Einspruch der NPD dagegen zurück und bestätigte zudem die Inbeschlagnahme der 70.000 WM-Planer.
Das sich renationalisierende Deutschland
Die NPD-Seite hatte argumentiert, die Überzeugung der Partei, daß nur weiße Menschen in der Nationalmannschaft spielen sollten, sei durch die Meinungsfreiheit gedeckt. Auch spreche man Owomoyela ja nicht das Lebensrecht ab. Unterdessen hat die NPD einen neuen Planer gedruckt. Auf dem Titelbild sind nun zehn schematisch dargestellte Fußballer zu sehen - nur einer von ihnen ist weiß. Darunter heißt es: Nationalelf 2010?
Und in ihrer soeben erschienenen Schrift Argumente für Kandidaten und Funktionsträger sagt die NPD Menschen wie Owomoyela voraus, sie würden das sich renationalisierende Deutschland über kurz oder lang freiwillig verlassen, weil ihnen der nationale Klimawandel nicht paßt. Ganz im nationalsozialistischen Rassenhygiene-Jargon heißt es weiter: Zielland solcher Mischlinge werden naheliegenderweise die USA sein . . ., wo der ethno-kulturell kastrierte Einheitsmensch ohne Identität und Heimat wie Unkraut gedeiht.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb
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