Fußball-WM

Der wichtigste Mann auf dem Platz

Von Lisa Nienhaus

Rainer Ernst in seinem “Büro“

Rainer Ernst in seinem "Büro"

23. Mai 2006 Rainer Ernst hat seine hellgrüne Jacke angezogen. Hellgrün macht blaß, sagt seine Frau, aber der Weltmeisterschaftsrasen ist dunkelgrün, und der Mann vom Rasenkompetenzteam muß schließlich hervorstechen. An diesem Tag ist er der wichtigste Mann auf dem Platz. Morgens hat er in Nürnberg den Stadionrasen geprüft, um zehn nach vier tritt er durch den Eingang des Frankfurter Waldstadions und eilt auf seinen Kollegen Rico Erler zu. „Alles in Ordnung hier?“

Nichts ist in Ordnung unter dem Dach der Commerzbank-Arena. Erst knapp ein Viertel der Spielfläche ist dunkelgrün, die Verlegemaschine streikt, der Tank leckt. Die Angestellten von „Büchner Fertigrasen“ stehen ratlos auf dem Platz. Eine Ersatzmaschine gibt es nicht, nur Ersatzteile, das kann dauern. Kleine Gabelstapler, die sie hier Radlader nennen, fahren immer neue Rasenrollen in die Arena. 540 Rollen werden angekarrt, 22 Lastwagenladungen. Jede Rolle ist 1,20 Meter breit, 15 Meter lang, 850 Kilogramm schwer. Mit der Hand kann man die nicht ausrollen.

Unterwegs im Auftrag seiner Leidenschaft

Aber der Mann vom Rasenkompetenzteam grinst. „Es wäre doch ein Wunder, wenn das ohne Pannen ablaufen würde.“ Bis zur Weltmeisterschaft sind es schließlich noch gut zwei Wochen. Und der Rasen braucht bloß ein paar Tage zum Anwachsen. Da ist Rainer Ernst andere Spannen gewöhnt. Zum Beispiel beim DFB-Pokalendspiel in Berlin. Das Spiel war am Samstag, der Rasen erst am Mittwoch fertig. „Da haben wir ein bißchen gezittert.“

Während Firma Büchner an der Maschine schraubt, läuft Rainer Ernst quer über den Lavasandplatz auf den Rasenteppich zu. Seit 14 Tagen ist er nur noch unterwegs im Auftrag seiner Leidenschaft. Am Samstag hat er 1.350 Kilometer an einem Tag hinter sich gebracht. Sein Büro betreut sieben der zwölf WM-Stadien: Berlin, Leipzig, München, Stuttgart, Nürnberg, Kaiserslautern, Frankfurt. Überall wird das WM-Grün ausgelegt, abgefegt, beregnet und gewalzt. Das hält auf Trab.

Der Rasen bestimmt die WM

„Jetzt kommen wir mal zu den wirklich wichtigen Dingen“, sagt Rainer Ernst und tritt auf die grüne Spielfläche. Nach fünf Schritten geht er in die Knie, schaut ganz genau hin, zwirbelt einen Grashalm zwischen den Fingern. „Sehen Sie das? Das ist Poa annua. Die muß raus.“ Das einjährige Rispengras ist erstens zu hell und treibt zweitens schnell Blüten, die dann über den ganzen Platz streuen. „Haben Sie schon mal im Fernsehen die hellgrünen Flecken auf vielen Stadionrasen gesehen? Das ist Poa annua.“ Höchstens ein Prozent des WM-Rasens soll von dieser Sorte sein, deshalb muß das Rasenstück weg. Der Head Greenkeeper (vulgo Platzwart) hat schon einen pinkfarbenen Kreis um die Halme gesprüht. Später wird die Firma Büchner die Stelle ausstanzen und ein neues Rasenteil einfügen. Es ist ja genug Rasen da: 10.000 Quadratmeter hat die Firma gezüchtet für 8.000 Quadratmeter Spielfläche. 125.000 Euro kostet das pro Platz.

Das Handy klingelt. Rainer Ernst geht zur Seite, spricht, legt auf, tritt zurück auf den Rasen, redet kurz mit dem Kollegen Erler. Da klingelt es wieder. Alle wollen ihn sprechen, den Mann vom Rasenkompetenzteam. „Auf einmal ist alles so wichtig.“ Er lächelt und klappt das Handy zu. „Dabei machen wir das doch schon seit Jahren für die Bundesliga.“ Kollege Erler nickt: „Wie im Kindergarten.“ Wirklich erklären können sich die beiden das Interesse nicht. Rainer Ernst vermutet: „Der Rasen scheint einfach zentral zu sein für die Weltmeisterschaft.“ Für ihn ist der Rasen eine Leidenschaft. Das Rasenkompetenzteam, bestehend aus ihm und Engelbert Lehmacher, ist seit zwei Jahren damit beschäftigt, die optimale Mischung zu finden für das heilige Grün. Mit Fachleuten vom Bundessortenamt und Saatgutherstellern haben sie getüftelt und die besten Sorten zusammenmischen lassen. Stabil, fest und schnell nachwachsend sollte der Rasen sein. Und natürlich grün, dunkelgrün.

Eine Geheimwissenschaft

Die Zusammensetzung des WM-Rasens ist eine Geheimwissenschaft, der mittlerweile nur noch wenige Eingeweihte folgen können. Die meisten dieser Eingeweihten sind in der deutschen Rasengesellschaft organisiert, sie hat 220 Mitglieder, Rainer Ernst ist natürlich im Vorstand. Trotzdem gibt er zu: „Mit bloßem Auge kann ich die über hundert Grassorten auch nicht unterscheiden, da braucht man ein Mikroskop. Die Arten allerdings sollte ein Profi identifizieren können.“

Die wichtigen Grasarten für das Fußballfeld heißen Wiesenrispe und Weidelgras. Der Mann vom Rasenkompetenzteam zieht es allerdings vor, sie beim lateinischen Namen zu nennen: Poa pratensis und Lolium perenne. Wie man sie unterscheidet? Ernst geht in die Knie. „Ganz einfach“, sagt er und zeigt auf einen Halm. „Die Poa pratensis hat breite Blätter, und die Lolium perenne ist ganz schmal.“ Die Poa sei außerdem die dunklere Art. Bei der Weltmeisterschaft laufen die Fußballspieler über eine Mischung, die zu 75 Prozent aus Poa pratensis besteht und zu 25 Prozent aus Lolium perenne. Die Wurzeln der Poa verzweigen sich und geben größtmögliche Stabilität. Lolium wächst schnell nach und schließt Lücken. Das ist wichtig, damit es keine häßlichen braunen Stellen auf dem Platz gibt.

Schadenersatz bei Nichtaufstieg

Landschaftsarchitekt Ernst ist nicht nur Gräserkenner. Sein Büro plant ganze Spielstätten, zum Beispiel auch die Rasenheizungen, mit denen alle großen Arenen das Grün im Winter bespielbar halten. Die Bedeutung der Aufgabe wird erst dann klar, wenn der Service einmal nicht reibungslos funktioniert. Seine Lieblingsgeschichte ist die von 1998: Für die Rasenheizung von Arminia Bielefeld fehlte ein Teil, so daß sie nicht in Betrieb genommen werden konnte. Der Torhüter rutschte prompt auf eisglatter Fläche aus und ließ einen haltbaren Ball passieren. Kurz darauf landete ein Schreiben in Ernsts Büro: Wenn die Arminia nicht aufsteigen sollte, würde man ihn auf mehrere Millionen Mark verklagen. „Zum Glück kam es nicht so weit“, sagt Rainer Ernst. „Heute kann ich darüber lachen.“

Für die Weltmeisterschaft hat das Rasenkompetenzteam sich komfortabel versichert. Zusätzlich wird wahrscheinlich immer ein Mitarbeiter an Ort und Stelle sein, um im Notfall eingreifen zu können. Rico Erler schaut bei den WM-Spielen in Frankfurt und Kaiserslautern nach dem Rasen, Rainer Ernst in München, Leipzig und Berlin. „Wenn das klar gewesen wäre, daß wir bei den Spielen dabeisein können, hätte sich das Büro wohl nicht vor Bewerbungen retten können“, sagt Erler. Doch Rainer Ernst ist Profi. Rasen ist seine Leidenschaft, die nächste ist Kochen, echter Fußballfan ist er nie geworden. „In den ersten fünf Minuten schaue ich sicher mehr auf die Füße der Fußballer als auf den Ball“, sagt er. „Aber wenn der Rasen dann noch hält, werde ich mir sicherlich auch das ein oder andere Spiel komplett anschauen.“

Text: F.A.Z., 24.05.2006, Nr. 120 / Seite 9
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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