Imagekampagne

Leipziger Feigheit

Von Reiner Burger, Leipzig

Leipzig bestrahlt sich mit Eigenwerbung

Leipzig bestrahlt sich mit Eigenwerbung

09. Dezember 2005 Für die Tage rund um die Auslosung der Endrundenspiele der Fußballweltmeisterschaft 2006 hat sich die Leipziger Marketing GmbH etwas Besonderes ausgedacht. Noch bis zu diesem Freitag abend lassen die Werbefachleute das markante City-Hochhaus am Augustusplatz im Rahmen ihrer Kampagne „Leipziger Freiheit“ illuminieren.

Der Ruf Leipzigs als Kultur- und insbesondere Musikstadt wird durch die Motive „Bach“ und „Orgel“ versinnbildlicht. Für Leipzigs Bedeutung als ältester Freihandelsplatz der Welt steht ein Bild der schmucken neuen Messe, für die „Friedliche Revolution“ stehen stilisierte Säulen der Nicolaikirche. Schließlich entwickelte sich der Umbruch in der DDR aus den Montagsgebeten in dem Leipziger Gotteshaus.

Selektiver Umgang mit der Vergangenheit

Das Thema „Friedliche Revolution“ ist ein Leitmotiv der Kampagne. Vor mehr als zweieinhalb Jahren gewannen die Leipziger mit diesem Thema auch im nationalen Ausscheid als Bewerberstadt um die Olympischen Spiele 2012. Allerdings zeigte sich wenig später, daß manche in der Stadt merkwürdig selektiv mit der Vergangenheit umgingen. Denn im Herbst 2003 wurde bekannt, daß der damalige Geschäftsführer der Leipziger Olympia GmbH, Dirk Thärichen, just zur Wendezeit bei einem Wachregiment der Staatssicherheit der DDR Dienst tat. Zwar wurde die Sache hochgespielt - schließlich war der junge Mann kein Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi. Doch Leipzig mußte sich an den hohen moralischen Maßstäben messen, die es selbst vorgegeben hatte.

Im Vergleich mit dem, was sich in diesem Sommer anbahnte, wird der Fall Thärichen endgültig zur Lappalie. Ende Juli stellte die Marketing Leipzig GmbH ihr neuestes „Leipziger Freiheit“-Motiv vor. Unter dem Slogan „Der Weg zur Besserung führt nach Leipzig“ fanden sich, wie es in der Pressemitteilung heißt, „fünf Leipziger Medizin-Koryphäen“ zusammen. Einer der Ärzte, Jürgen Ulrich von der privaten Medica Klinik Rehabilitation und Sportmedizin, wird mit den Worten zitiert, er finde es „beachtenswert, daß sich die Kollegen geschlossen für die Kampagne einbringen, um Leipzig als Medizin-Hochburg zu würdigen“.

Doping für die DDR

Doch Dr. Jürgen Ulrich ist Teil eines unrühmlichen Kapitels Leipziger Medizin-Geschichte. Wie aus Unterlagen der Stasi hervorgeht, war der Mediziner und frühere A-Kader im Hochsprung am Leipziger „Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport“ (FKS) tätig. Das FKS war eine geheime Hochschule mit mehr als 500 Wissenschaftlern. Sie sollten dem Leistungssport der DDR auf die Sprünge helfen - und taten es mit der erfolgreichen Suche nach pharmazeutischen Produkten. Die Dopingforschung war für einen großen Teil der Forscher selbstverständlich. Und so bot das FKS die Rahmenbedingungen für die Vergabe der sogenannten „Unterstützenden Mittel“ - dem DDR-Synonym für Dopingsubstanzen - an die zum Teil nicht informierten Athleten, an Kinder wie Erwachsene, die mitunter bis heute an den Folgen leiden.

Laut Stasi-Akten war Ulrich an zentraler Position im Einsatz. So heißt es in einer internen Stasi-Information vom 11. Februar 1975, Ulrich sei „in die Problematik der Anwendung unterstützender Mittel . . . . vollinhaltlich einbezogen, soweit dies die Leichtathletik betrifft“. Ebenfalls sei der Mediziner an den Vorbereitungen für die Leichtathletik-EM 1974 beteiligt gewesen, „wo kurzfristig die Anwendung von anabolen Steroiden durch andere Mittel ersetzt werden mußte“ - gemeint war Testosteron. Und schließlich heißt es in dem Schreiben: „Ulrich gehörte in dieser Phase zu dem engsten Personenkreis, welcher die Injektionen am Sportler durchführte.“

Verschwunden

Höchst merkwürdig ist, wie es mit dem neuen Motiv der Kampagne „Leipziger Freiheit“ weiterging. Anfang August berichtete zwar die „Ärzte Zeitung“ über das Vorhaben und brachte auch ein Foto der Mediziner. Danach jedoch verschwand die Sache: Anders als angekündigt, wurden das Motiv im November nicht auf 70 Plakatwänden geklebt, und auch in Zeitschriften erschien die Anzeige nicht. Selbst der Hinweis, „selbstverständlich ist zudem die Einbindung auf der Internetseite“ aus der Juli-Mitteilung von „Leipziger Freiheit“, führt ins Leere: Nicht nur das Bild läßt sich heute nicht mehr finden, selbst die Pressemitteilung ist unter dem Link, unter dem sonst alle Mitteilungen der GmbH archiviert sind, verschwunden.

Lutz Thielemann, Geschäftsführer der Marketing Leipzig Gesellschaft, sagte zunächst, man habe „die Kampagne um ein halbes Jahr verzögert“, weil man wegen der WM-Auslosung viel zu tun gehabt habe. Auch solle ein neues Foto-Shooting stattfinden. Erst auf ausdrückliche Nachfrage bestätigt Thielemann, daß Ulrich auf dem neuen Bild nicht mehr zu sehen sein wird. „Wir sind im Rahmen der Produktion darauf aufmerksam gemacht worden, daß es da eine Problematik geben könnte.“ Die Öffentlichkeit darüber zu informieren, weshalb Ulrich aus der Kampagne verschwindet, hält Thielemann nicht für notwendig. Aufgabe der Marketing Gesellschaft sei es, positive Werbung für Leipzig zu machen. „Ich habe kein Interesse daran, Herrn Dr. Ulrich zu schaden.“ Und auch die Wunden möglicher Betroffener sollten nicht wieder aufgerissen werden.

Hochinteressante Einblicke

Dabei bietet gerade der Fall Ulrich hochinteressante Einblicke sowohl in das Funktionieren des Stasi- als auch des DDR-Doping-Systems. Seine Bedeutung für die Sportmedizin der DDR wurde den Überwachungsbehörden erst im Rahmen seiner Verhaftung wegen versuchter Republikflucht deutlich. Die Stasi achtete darauf, daß die Erkenntnisse in Sachen „unterstützender Mittel“ nicht gerichtsbekannt wurden - schließlich handelte es sich um ein Vorgehen, das auch in der DDR nicht vom Recht gedeckt war. Schritt für Schritt wurde das Haftopfer Ulrich unter diesen Bedingungen zum Begünstigten. Er gab immer mehr Details des DDR-Dopings preis und schilderte die Arbeit im FKS: „Verabreichung von anabolen Steroiden an die Leistungssportler der von mir betreuten Disziplinen. Die im Trainingsprozeß und in den Wettkämpfen gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen flossen dann wieder in das FKS zurück und bildeten Bestandteile der Forschungstätigkeit.“

Der stellvertretende Direktor Sportmedizin am FKS, Johannes Gürtler, bestätigte laut Akten: „Von besonderer Bedeutung ist der Bericht von Dr. U. über seine medizinischen Werte, die er durch das Verabreichen von Anabolsubstanzen an DDR-Leistungssportler in der Disziplin Sprung erreichen konnte . . . Die medikamentöse Gabe solcher Mittel im Leistungssport trägt höchsten Geheimhaltungscharakter und es sind nur sehr wenige Wissenschaftler und Trainer von Spitzenathleten darüber informiert.“ Seine Bedeutung zahlte sich für Ulrich aus. Er wurde vorzeitig aus der Haft entlassen und konnte sogar wieder auf seine Stelle am FKS zurückkehren. Auch verpflichtete er sich - wie er bestätigt - freiwillig unter dem Decknamen „Gustav Sonntag“ als IM der Stasi. Sein Auftrag sollte unter anderem sein, „Möglichkeiten eines Eindringens in die BRD-Sportmedizin zu finden“. Zehn Jahre lang lieferte der IM Berichte über Kollegen, über „negative Gruppierungen im Freizeitbereich“, medizinische Kader, fluchtwillige Bürger sowie über einen westdeutschen Professor.

Ulrich sagt, er habe nichts zu verbergen und müsse sich nicht erklären. Er habe nicht einen einzigen aus seinem Umfeld an den Pranger gestellt. Zu seiner Tätigkeit an der FKS sagt er: „Die unterstützenden Mittel, mit denen ich gearbeitet habe, waren nicht in der damaligen Doping-Liste enthalten.“ Das ist nicht ganz richtig: Zumindest der Internationale Leichtathletik-Verband setzte die lebensgefährlichen Anabolika schon 1970 auf die Verbotsliste. Diese Mittel waren also ausgerechnet in jener Sportart schon Jahre verboten, in der Ulrich wirkte. Der Fall des Leipziger Mediziners schrieb DDR-Rechtsgeschichte. Denn die Begünstigung Ulrichs durch die Stasi bewirkte eine Grundsatzentscheidung: Vertreter des DDR-Justizapparats, der SED und des Sports verabredeten eine faktische Freigabe des Dopings.

Mitarbeit: Giselher Spitzer



Text: F.A.Z., 09.12.2005, Nr. 287 / Seite 3
Bildmaterial: AP

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Dax
Tec
Dow
Nas
09.07.2009 | 17:45
Dax 4.630,07
+1,26 %
 
        Vortag
Tops in %
Dt. Bank +4,64%
MAN +3,76%
Dt. Boerse +2,74%
   
Flops in %
FMC −1,13%
Hannover Rück. −1,51%
Adidas −1,63%
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche