F.A.Z.-Umfrage

Von Klinsmann lernen?

27. Juni 2006 Deutschland befindet sich im Fußballrausch. Die Kommentatoren und Experten im In- und Ausland reiben sich nach dem furiosen Einzug ins Viertelfinale verwundert die Augen, weil deutscher Fußball made in USA plötzlich Spaß macht.

Dem Team von Jürgen Klinsmann ist der Sprung in die Moderne gelungen - und der Satz ist so gewaltig, daß sich schon von einer Neugründung des deutschen Fußballs sprechen läßt. DFB-Präsident Zwanziger erteilt der Philosophie des Bundestrainers aus Huntington Beach für die Zukunft seinen Segen - und Manager Bierhoff mahnt die Bundesliga, endlich aus ihrem „Dornröschenschlaf“ zu erwachen, ohne damit einen Sturm der Entrüstung zu entfachen. Die Zeiten haben sich geändert.

Die Deutungshoheit der alten Fußballmächte, die sich zwei Jahre lang gegen Veränderungen wehrten, schwindet in diesen Tagen von Spiel zu Spiel. Wäre es aber nach dem reformresistenten Kräften gegangen, die den Bundestrainer für amerikanische Fitnesstrainer, einen Spielbeobachter aus der Schweiz und einen deutschen Psychologen kritisierten, befände sich der deutsche Fußball noch in seiner geschlossenen Welt. Die Aufbruchsstimmung wirft daher auch die Frage auf, wie es um die Bereitschaft der Kritiker steht, aus eigenen Fehlern und Fehleinschätzungen Konsequenzen zu ziehen. Oder, anders ausgedrückt: Was kann Fußball-Deutschland wirklich von Klinsmann lernen?



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 27.06.2006 / Seite 35
Bildmaterial: dpa

Peter Neururer

„Was ist denn Großartiges passiert?“

Peter Neururer, Trainer von Hannover 96, bleibt trotz des Erfolges bei seiner kritischen Einschätzung der Arbeit von Jürgen Klinsmann.

Thomas Schaaf

„Nicht alles zu herrlich ausmalen“

Thomas Schaaf, Coach von Werder Bremen, freut sich über die deutschen Erfolge, mahnt aber weiter einen kritischen Blick auf die Arbeit des Bundestrainers durch die Bundesliga an.

Hans Meyer

„Kein Team der Welt war so gut vorbereitet wie unseres“

Hans Meyer lobt die Standhaftigkeit von Klinsmann: „Er hat ein Konzept, er hat es durchgezogen. Das ist nicht leicht, wenn man die Boulevardpresse im Nacken hat.“

Matthias Sammer

„Fitness wesentlicher Punkt“

„Die Kritik an Klinsmann und seinen amerikanischen Fitnesstrainern hat mich in diesem Punkt immer gewundert“, sagt DFB-Sportdirektor Matthias Sammer.

Ralf Rangnick

„Wir haben überall diese Trägheit“

Der Hoffenheimer Trainer Ralf Rangnick hat erkannt: „Wenn du in Deutschland etwas verändern willst, dann stößt du meistens auf Widerstände.“

Karl-Heinz Rummenigge

„Er hat alles richtig gemacht“

Bayern-Vorstand Karl-Heinz Rummenigge widerspricht: „daß wir Probleme mit Klinsmann hatten: Wir gehörten zu den wenigen, die ihn gestützt haben.“