Stadionatmosphäre in der City

Die Fußball-Party bringt die Fifa ins Träumen

Von Michael Reinsch, Berlin

Balla, balla

Balla, balla

30. Juni 2006 Der Internationale Fußball-Verband (Fifa) und seine Partner stehen vor einem Phänomen: Die Fans werden auch an diesem Freitag nachmittag in hellen Scharen die Wohnzimmer verlassen, um von 17 Uhr an auf den Straßen das Spiel Deutschland gegen Argentinien zu sehen - und zu feiern! Und dennoch steigen die Zuschauerzahlen vor den Fernsehgeräten. In den Spielorten der Weltmeisterschaft sind die fünfzehn offiziellen Fan-Feste von Millionen Menschen besucht worden. Darüber hinaus gibt es allein in Deutschland Hunderte öffentlicher Orte - von Freiburg bis Bremen, von Saarbrücken bis Magdeburg -, an denen sich die Massen vor Großbildschirmen zum gemeinsamen Fußballerlebnis versammeln.

"Ich kann den Städten nur gratulieren", sagte Fifa-Präsident Joseph Blatter. "Sie haben die Stadionatmosphäre in die Innenstädte gebracht." Die Rechteagentur Infront gab bekannt, daß sie für die WM kumuliert mehr als 30 Milliarden Fernsehzuschauer erwarte - die Massen vor Großbildschirmen nicht mitgezählt. In 206 der 207 in der Fifa organisierten Länder strahlen 500 Sender Fußball aus; lediglich Turkmenistan hat sich ausgeblendet (Siehe auch: Übersteiger: Alles so schön rund hier!)

Gegenüber den (durch die Zeitverschiebung beeinträchtigten) Übertragungen von der WM 2002 in Japan und Südkorea seien Steigerungen von 50 bis 75 Prozent zu konstatieren, sagte Dominik Schmid, Managing Director bei Infront. Besonders stolz ist er auf den Anteil weiblicher Zuschauer von 40 Prozent. Dies sei, im Gegensatz zum Vereins- und Liga-Fußball, ein reines Weltmeisterschafts-Phänomen.

„Gemeinsam dabei sein“

Bei der Fifa träumt man schon davon, während der nächsten WM, 2010 in Südafrika, Fan-Feste in den Hauptstädten aller 32 Teilnehmerländer zu veranstalten und sie mit Direktschaltungen zu verbinden. "Ich halte eine Fan-Meile in Berlin auch in vier Jahren wieder für möglich", sagt auch Hans-Jürgen Schulke. Der Bremer Sportsoziologe war lange Sportamtsleiter in Hamburg, wo er mit dem Radrennen HEW-Cyclassics sowie Triathlon-Wettbewerben die Innenstadt als Sportarena etablierte (Siehe auch: „Public viewing“: Hey baby! Uh ah! Es ist WM!).

Als Generalsekretär des Deutschen Turnfestes habe er, ebenso wie bei Kirchentagen, erlebt, sagt er, welche Dynamik sich entwickle, wenn viele Menschen sich regelmäßig auf großen Plätzen träfen. Deshalb sei er nicht überrascht vom Erfolg der Fan-Feste. "Es muß eine große gesellschaftliche Kraft sein, den Komfort der eigenen Wohnung zu verlassen und auf die großen Feste zu gehen", sagte Schulke. "Fernsehbilder auf Großbildschirmen und die städtische Atmosphäre sorgen für das Gefühl, daß man gemeinsam dabei ist." Auch eine Begeisterung, wie sie in Seoul um vier Uhr morgens Hunderttausende zu den Direktübertragungen von den Spielen der südkoreanischen Mannschaft vor Großleinwände getrieben hat, hält er in Deutschland für möglich.

Das Wetter spielt eine große Rolle

Der Erfolg der deutschen Elf und das gute Wetter hätten den anfänglichen Impuls verstärkt. Doch die Beispiele der Weltmeisterschaft und der Europameisterschaft der Leichtathleten in Stuttgart und München hätten gezeigt, daß das Publikum keine überragenden Erfolge der eigenen Mannschaft brauche, um begeistert zu sein und Begeisterung zu verbreiten. Als "die größte Fußball-Party aller Zeiten" bejubelte Fifa-Sprecher Markus Siegler die Fan-Feste. Die Fifa habe keinerlei Interesse, die Feste zu einem Geschäft zu machen und kommerziell zu vermarkten, sagte er. Die zwölf Städte, in denen WM-Spiele stattfanden, erhielten Lizenzen für öffentliche Fernsehvorführungen und Unterstützung von Fifa-Sponsoren. Diese haben auf den Festen dieselben Exklusivrechte wie in den Stadien.

Schulke ist insofern einer der Väter des Erfolges, als er, noch als Koordinator der Sportministerkonferenz der Länder, gefordert hatte, nicht nur einzelne große Spiele öffentlich zu übertragen, sondern ein fortlaufendes Unterhaltungsprogramm mitsamt der Übertragung aller Partien auf die Bühnen zu bringen. Spätestens damit war aus der Notlösung, vagabundierende Fußballfreunde ohne Tickets trösten und unter Kontrolle bringen zu müssen, ein Erfolgsprojekt geworden. In hartem Ringen schufen Fußballorganisation und Kommunen eine Innovation der Unterhaltungskultur.

Wie beim Papstbesuch

Großbildleinwände ermöglichten die Festivalisierung von Fußball und Sport, sagt Schulke. Selbst der Papstbesuch in Köln mit 300.000 Besuchern habe gezeigt, wie das Ereignis den Massen zum Anlaß wurde, dieses und sich selbst zu feiern. Dem professionellen Sport biete dies neue Möglichkeiten. Auswärtsspiele ihrer Mannschaft in Bundesliga und Europapokal könnten künftig Fans im Heimstadion gemeinsam mit anderen auf dem Riesenbildschirm verfolgen; dies werde noch einfacher, wenn die Vereine erst ihre Spielfelder mit robustem Kunstrasen ausgelegt haben. Die Infrastruktur für Veranstaltungen sei dort, anders als im öffentlichen Raum, vorhanden.

Infront will laut Schmid seine Einnahmen aus dem Public Viewing der Fifa-Aktion für den Bau von sechs SOS-Kinderdörfern spenden. Dies sei "ein komfortabler sechsstelliger Euro-Betrag".

Text: F.A.Z., 28.06.2006, Nr. 147 / Seite 36
Bildmaterial: AFP, picture-alliance/ dpa

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