Der WM-Muffel

Echte Patrioten

Von Michael Eder

Neuerdings zum Patriotismus verpflichtet

Neuerdings zum Patriotismus verpflichtet

13. Juni 2006 Darf man das schreiben? Oder wird einem dann die Staatsbürgerschaft entzogen? Darf man schreiben, daß einem unser neuer Fußball-Nationalstolz unheimlich auf die Nerven geht, und das nicht nur, weil er von einem in Kalifornien ansässigen Schwaben ausgerufen wurde (und wir Badener sind).

Ohne uns als zwölftem Mann gehe es nicht, heißt es, das ist verständlich bei dieser Abwehr, aber müssen wir uns deshalb schwarz-rot-goldene Farbe ins Gesicht schmieren und läppische Hüte tragen? Müssen wir jeden Morgen die deutsche Flagge an unserem Auto hissen? WM-Brötchen essen? Lidl-WM-Aktionsbier trinken?

Müssen wir in „Bild“ lesen, daß wir Costa Rica kurz und klein hauen? Müssen wir uns Marcel Reifs überhebliche Kommentare über diesen wahnsinnig schwachen Gegner zu eigen machen, der gerade mal zwei Glücksschüsse schwächer war als unser Wunderteam? Und das Schlimmste: Müssen wir im ZDF "Nachgetreten" schauen?

Aber das ist nicht alles, wir sind neuerdings ja nicht nur zum Patriotismus verpflichtet, sondern auch zu kompromißloser Gastfreundschaft. A warm welcome, Mister Hooligan, you can sleep in my Schrebergarten, no problem! Und während wir auf dem Weg zu einem weltoffenen Nationalstolz noch das Grinsen unseres Bundespräsidenten üben, haben wir ein klitzekleines Problem: kein einziges Ticket für kein einziges Spiel. Wir bleiben daheim - echte Patrioten.

Text: F.A.Z., 13.06.2006, Nr. 135 / Seite 74
Bildmaterial: dpa

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