WM 2010 in Südafrika

„Es wird noch viel Ärger geben“

11. Juli 2006 Ruder-Olympiasieger und Wirtschaftsprofessor Wolfgang Maennig im F.A.Z.-Interview über die ehrgeizigen Pläne und die vielfältigen Probleme Südafrikas vier Jahre vor der Fußball-WM 2010.

In vier Jahren soll die WM stattfinden. Schafft Südafrika das?

Letztlich ja. Aber: Die Südafrikaner haben von den zehn geplanten Stadien, darunter vier bis fünf Neubauten, noch kein einziges angefangen.

Gibt es denn Planungen?

In Port Elizabeth hat das deutsche Büro gmp die Planungen abgeschlossen. Damit liegt die Stadt weit vorn. Bei den anderen gab es Ausschreibungen, etwa in Kapstadt. Doch die Stadt ist sich gar nicht sicher, ob sie tatsächlich wie ausgeschrieben in Green Point bauen wird oder an einem völlig anderen Ort.

Man liest, Bürgermeisterin Hellen Zille sage, 150 Millionen Euro seien ziemlich viel Geld, zumal die Ärmsten der Stadt nicht mal sauberes Wasser haben. Das läßt doch sehr daran zweifeln, daß die Stadt sich engagieren will.

Kapstadt muß das nicht finanzieren. Auch die anderen Kommunen sind finanziell so schwach ausgestattet, daß die Zentralregierung schon erklärt hat, sie werde die Kosten übernehmen. Dieses Argument von Frau Zille ist ein bißchen vorgeschoben. Green Point ist ein hochexklusiver Ort, dort gibt es einen hundert Jahre alten Golfplatz, gelegen an der Waterfront, in einem der feinsten Weißenviertel der Stadt. Fußball ist in Südafrika der Sport der Schwarzen. Die Vorgängerregierung des ANC hat, vermutlich nicht ohne Hintergedanken, das Stadion an dieser Stelle geplant. Daß nun die weiße Bürgermeisterin dies revidieren möchte, ist nachvollziehbar.

Was spricht für Green Point?

Der Ort bietet sich an, ein ikonisches Stadion zu bauen; so wie Sydney sein Opernhaus und Bilbao sein Guggenheim-Museum gebaut haben. Damit würde Kapstadt in der Welt nicht mehr nur mit dem Tafelberg assoziiert werden, sondern auch mit einem Gebäude, das für die Entwicklung der Umgebung einen Impuls gibt.

Man fragt sich, was Südafrika mit zehn Stadien will, von denen jedes - das schreibt die Fifa vor - mindestens 40000 Plätze hat. Wären solche Architektur-Ikonen das einzige Erbe der WM in Südafrika?

Die Südafrikaner haben im Frühjahr mit Schrecken festgestellt, daß alles, was sie sich an kurzfristigen Impulsen vorgestellt hatten, nicht mit den Host-City-Verträgen zusammenpaßt, die sie mit der Fifa geschlossen haben. Sie müssen sehr viel leisten, etwa die Energieversorgung vollkommen überdenken, was eines der größten Probleme in Südafrika ist. Sie müssen umzäunte Fan-Parks einrichten, sie dürfen in den Bannmeilen nicht werben und in den Spielorten nicht bauen während der WM. Das haben wir in Deutschland auch mit bitterem Beigeschmack gelernt: Alle Rechte liegen bei der Fifa. Die Südafrikaner begraben mehr und mehr ihre Hoffnung auf konjunkturelle Impulse während der vier Wochen Weltmeisterschaft. Deshalb legen sie ihren Fokus auf die langfristigen Wirkungen. Wenn wir etwas von der WM haben wollen, sagen sie, müssen wir die Stadien so bauen, daß sie Touristen per se anziehen. Durban will so bauen, daß die ganze Welt assoziiert: Das sind doch die mit dem verrückten Stadion. Neben dem Stadion soll auf einer Brache am Meer ein ganzes Viertel mit Wohnungen und Büros entstehen, so wie Barcelona mit den Olympischen Spielen 1992 Quartiere am Meer reurbanisiert hat.

Joseph Blatter sagte in Berlin, daß die Stadien für ihn der Knackpunkt der WM 2010 seien; Telekommunikation und Transport seien in einem derart boomenden und reichen Land wie Südafrika kein Problem. Hat er recht?

Das Land hat fünf Prozent Wachstum und hat Pläne und gute Aussichten, dies auf sechs Prozent zu steigern. Allerdings: In Südafrika wird voraussichtlich - anders als in Deutschland - an keinem einzigen Stadion ein Bahnhof oder ein Autobahnanschluß liegen. Die Zuschauer laufen kilometerweit ins Stadion, das sind sie gewohnt. Das übliche Transportmittel dort ist der Kleinbus, in den sich bis zu zwanzig Leute quetschen. Insofern hat Blatter recht: Das wird funktionieren.

Der Fifa-Präsident hat auch gesagt, daß das Organisationskomitee dieser WM, die deutsche Regierung, die französische und die britische Südafrika Hilfe anbieten. Wird die WM ein riesiges Entwicklungshilfeprojekt?

Wo kann eine Regierung helfen - besser als Privatinvestoren? Vielleicht beim Thema Terrorverhinderung, aber sonst? Seit vor zwei Jahren die Entscheidung für Südafrika gefallen ist, antichambrieren eine Reihe von Unternehmensvertretern bei den Gemeinden und der Regierung. Manche haben jedoch noch keine verläßlichen Ansprechpartner gefunden. Es ist oft schwer herauszufinden, wer für welche Entscheidungen verantwortlich ist. So hat mir ein Verantwortlicher der Kapstadter Stadtverwaltung versichert, daß die Fifa den Standort Green Point ausgewählt habe - was gar nicht stimmt. Südafrika hat den Zuschlag mit dem Stadion von Athlone im Osten von Kapstadt bekommen. Die Fifa präferiert eher Stadien außerhalb der Zentren, weil dies logistisch und sicherheitstechnisch einfacher zu handhaben ist. Inzwischen würde die Fifa am liebsten haben, daß Südafrika auf seine Neubaupläne verzichtet - und aus Zeitgründen "nur" modernisiert.

Es wird also eher schwierig werden?

Ja, es wird noch viel Arbeit und Ärger geben. Aber wir haben keinen Grund, auf Südafrika herabzusehen. Bei uns waren, bis auf die Allianz-Arena in München, alle Stadien schon Jahre vor der WM fertig, und darauf sind wir auch noch stolz. Die Südafrikaner realisieren solche Großprojekte grundsätzlich anders. Da muß die Planung nicht, wie bei uns, bis zur Türklinke fertig sein, bevor sie beginnen, sondern sie fangen an und planen während des Baus weiter. Wenn sie fertig sind, ist das Projekt auf dem letzten Stand der Technik, von der Funktion und vom Design her. In der Idee der ikonischen Stadionbauten sind sie uns wirklich voraus. Unsere Stadien sind funktional gut, sie funktionieren betriebswirtschaftlich gut. Was wir, nicht einmal in München, erreicht haben, wollen die Südafrikaner schaffen: Stadien, die von ihrer Ästhetik und ihrer Lage her Entwicklungsimpulse für die Stadt und die Region geben.

Wolfgang Maennig ist Professor für Volkswirtschaft, insbesondere Wirtschaftspolitik und Sportökonomie an der Universität Hamburg. In Seoul 1988 wurde er Olympiasieger im Deutschland-Achter. Der 46 Jahre alte Wissenschaftler war Anfang dieses Jahres Gastprofessor an der Universität Stellenbosch und arbeitete, nach verschiedenen Finanzanalysen und volkswirtschaftlichen Gutachten etwa zu den Olympischen Spielen in Berlin und Leipzig, über die Wirkung von Sportgroßveranstaltungen am Beispiel der WM 2006 in Deutschland und der WM 2010 in Südafrika.

Die Fragen stellte Michael Reinsch.



Text: F.A.Z., 11.07.2006, Nr. 158 / Seite 34
Bildmaterial: dpa, REUTERS, Universität Hamburg

 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche