04. Juni 2006 Außenminister Frank-Walter Steinmeier erzählt im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über die bevorstehende WM in Deutschland, Clausewitz, Gerald Asamoah, das Wembley-Tor in England - und seinen TUS 08 Brakelsiek.
Herr Steinmeier, wir haben Ihnen den Spielplan der Fußball-Weltmeisterschaft mitgebracht. Welche Termine haben Sie blockiert?
Beim Eröffnungsspiel Deutschland gegen Costa Rica jetzt am Freitag bin ich natürlich dabei. Andere werde ich mir auch ansehen - häufig übrigens mit Ministerkollegen: Das Spiel gegen Ecuador schaue ich mir zum Beispiel zusammen mit dem kanadischen Außenminister an. Auch Polen gegen Deutschland würde ich sehr gerne im Stadion sehen, ob es terminlich klappt, weiß ich noch nicht.
Das könnte auch eher unfroh werden. Die polnischen Hooligans gelten als besonders gewaltbereit.
Die übergroße Mehrheit der Fans, egal woher, kommt doch nicht, um Krawall zu machen. Die wollen ein schönes Spiel sehen. Wir sollten hier nicht hysterisch und voller Angst sein, sondern die eigentliche Herausforderung des Spiels und der WM für Deutschland im Auge behalten: die sportliche. Und da ist zum Beispiel Polen ein schwerer Gegner.
Hat der Fußballsport mit seiner bellizistischen Sprache - es wird gebombt, es gibt Grabenkämpfe, es werden Gegner ausgeschaltet - nicht etwas Kriegerisches?
Wenn Worte und Ausdrücke aus dem Militärischen übernommen werden, um ein Spiel zu beschreiben, dann macht das doch das Spiel nicht zu einem Krieg. Außerdem: Wer Fußball spielt oder dabei zuschaut, für den haben solche Worte eine andere Bedeutung - oder denken Sie beim "Bomber" Gerd Müller an ein Flugzeug?
In Kriegen wie bei großen sportlichen Wettkämpfen finden Nationen zu sich selbst, heißt es.
Für Kriege trifft das keineswegs immer zu.
Aber oft: Vom Falklandkrieg bis zu den Balkankriegen war das so.
Ich könnte Ihnen aber ebenso Fälle nennen, wo Kriege Nationen zerrissen haben: Korea, Vietnam - oder Deutschland. Für den Sport dagegen trifft Ihre These zu: Bei großen Fußballspielen identifiziert sich eine Gesellschaft immer mit ihrem Land, oft tun das auch jene, denen Fußball sonst gleichgültig ist. Bei Länderspielen und Weltmeisterschaften stiftet Fußball ein Gemeinschaftsgefühl und führt ganz unterschiedliche Menschen zusammen: Professor und Bauarbeiter stehen dann gemeinsam in der Kurve.
George Orwell sagte, frei nach Clausewitz, Fußball sei Krieg mit anderen Mitteln.
Offenbar mochte Orwell das Spiel zuwenig, um es zu verstehen. Es mit Krieg zu vergleichen halte ich für abwegig. Krieg ist grausam in allem. Fußball macht meistens Freude - und Freunde! Wenn man selbst spielt, oft auch, wenn man zuschaut. Sicher bauen Spieler und Zuschauer dabei auch Aggressionen ab. Aber das steht doch nicht im Vordergrund. Man geht auf den Fußballplatz, um zu gewinnen, nicht um seine Wut loszuwerden.
Wirklich nicht? Sie haben doch selbst lange Fußball gespielt.
Ich geb's ja zu: Auch bei mir haben nicht immer die Hochachtung vorm Gegner und die Nächstenliebe die wichtigste Rolle gespielt. Und manchen Ärger vergißt man ein Leben lang nicht: Ich weiß noch wie heute, als wir beim TUS 08 Brakelsiek - mit zwölf Jahren - beim Gegner der Nachbarstadt 23 Tore kassiert haben. Und es hat mich rasend gemacht, daß wir nicht ein einziges Gegentor geschossen haben. Im Verein habe ich jahrelang rechtes Mittelfeld gespielt, in manchen Jahren auch letzter Mann, wie wir das nannten. Der Verein ist solide, und Mitglied bin ich da immer noch. In zwei Jahren wird er hundert Jahre alt, da feiere ich natürlich mit.
Was fasziniert Sie und alle Welt am Fußball?
Manchmal die Schönheit des Spiels, meistens aber die Spannung aus der Unberechenbarkeit des Spiels! Mehr als jede andere Sportart ist jedes Fußballspiel von Ungewißheiten geprägt. Nirgendwo sonst muß man so schnell umschalten können und mit neuen Situationen fertig werden. Es ist der unberechenbarste Sport, selbst der Großeinkauf von Topspielern macht keinen Meister, nur das Team, das Fähigkeiten und Spirit zusammenbringt, hat Erfolg.
Wenn Sie ein Spiel der deutschen Nationalmannschaft anschauen, empfinden Sie dann besonders als Deutscher?
Wenn ich zuschaue, kann ich nicht zum Gegner halten. Auch bei noch so schlechten Spielen kam bei mir nie der Wunsch auf, die Deutschen sollten verlieren.
Das Wembley-Tor empört Sie bis heute. Weil Deutschland damals nicht Weltmeister wurde?
Das Wembley-Tor empört, weil es kein Tor war. Schiedsrichter Dienst mochte nicht entscheiden, und mit der Ratsuche an der Außenlinie bei Linienrichter Bachramow begann das Unglück, und es endete der Traum von der Weltmeisterschaft 1966.
Hat es das deutsch-englische Verhältnis getrübt?
Im Fußball, sicher. Die deutsche Mannschaft konnte danach wichtige Spiele gegen England gewinnen. Doch die Engländer entwickelten großen Ehrgeiz, sich zu revanchieren. Leider ist ihnen das inzwischen einige Male gelungen.
Die Bundesregierung hat zur WM eine Umfrage im Ausland durchführen lassen, wie dort das Bild von Deutschland ist. Das Ergebnis: fleißig und fußballbegeistert, aber furchtbar ernst und wenig tolerant. Sind wir das?
Ach was, das ist ein Klischee. Die Mischung aus gut- und schlechtgelaunten Menschen ist in Deutschland nicht anders als in anderen Ländern. Unser Bild im Ausland ist ja eben nicht das von uns als Gastgeber bei der Weltmeisterschaft, die ja nun erst beginnt. Neben vielen Faktoren spielen, gerade in Großbritannien oder Polen, auch immer noch die schreckliche Erinnerung aus den Kriegszeiten und der nationalsozialistische Teil unserer Geschichte eine Rolle.
Die Kampagne "zu Gast bei Freunden" soll das schlechte Bild übertünchen?
Werbung alleine ändert nichts. Wir müssen in den vier Wochen der Weltmeisterschaft zeigen, wer wir wirklich sind. Das werden wir schaffen. Im ganzen Land wird wirklich alles getan, damit sich unsere Gäste aus aller Welt in Deutschland wohl fühlen, und ich bin sicher: Die Menschen in Deutschland freuen sich auf ihre Gäste. Wir sollten die Gelegenheit nutzen, uns von unserer besten Seite zu präsentieren: weltoffen, gastfreundlich, hilfsbereit und tolerant.
Immer wenn Deutschland politisch einen Schritt nach vorn gemacht hat, wurde es Weltmeister: "Wir sind wieder wer", hieß es 1954 schon vor Bern; der Entspannungspolitik folgte 1974 der Titelgewinn in München, und 1990 war der Sieg in Rom auch Jubel über das Ende der Teilung.
Das wirkt rückblickend so. Aber eine einheitliche Grundstimmung, die den Titelgewinn beflügelt hätte, gab es in der Vergangenheit sowenig wie heute. Das neue Selbstbewußtsein der Deutschen, der Westdeutschen, kam ja erst mit dem Titelgewinn 1954 und führte nicht dazu. Das Jahr 1974 war von Verunsicherung geprägt durch den Rücktritt Willy Brandts, da gab es nicht nur Selbstbewußtsein. Ausnahme war 1990. Da herrschte tatsächlich Freude über das Ende der deutschen Teilung.
Linke warnten damals, Deutschland dürfe nicht auch noch Weltmeister werden. Die wünschten es Außenseitern wie Kamerun.
Ich gehörte nicht zu denen, die das wollten. Aber die Leistung einstiger Außenseitermannschaften, etwa aus Afrika, kann durchaus begeistern. Es gehört zu jeder Fußball-Weltmeisterschaft, daß die bestehenden Machtverhältnisse ab und zu auf den Kopf gestellt werden, wenn die große Industriemacht vor dem Spielwitz des kleinen Entwicklungslandes kapitulieren muß. Das macht ja Fußball so klassenlos. Fußball ist gelungene Globalisierung.
Nach dieser Theorie hätte sogar Deutschland noch Chancen, Weltmeister zu werden.
Die Chance, Weltmeister zu werden, haben wir natürlich. Wir müssen nur daran glauben, daß zutrifft, was andere uns zuschreiben: Die Deutschen können vor dem Turnier in noch so schlechter Form sein, im Turnier selber sind sie zu enormen Steigerungen fähig, bis hin zum Sieg im Endspiel. Darauf wollen wir auch diesmal setzen.
Früher konnten Sie mit Bundeskanzler Schröder über Fußball fachsimpeln. Angela Merkel versteht nichts vom Fußball, wie sie selbst sagt. Wäre Schröder dieser Tage nicht der bessere Gastgeber?
Der Gastgeber ist doch nicht der Bundeskanzler oder die Bundeskanzlerin, sondern das ganze Land. Und an Fachsimplern fehlt es mir im Kabinett nicht. Peer Steinbrück kennt sich gut aus, Franz Josef Jung auch, und Franz Münteferings allegorische Anleihen am Fußballgeschehen sind legendär.
Fußball kann der Politik helfen: Erkennt Deutschland an seinen Spielern, daß es ein Einwanderungsland ist?
Die Fans erleben ja Woche für Woche die Bundesliga-Mannschaften mit ihren vielen nicht aus Deutschland stammenden Spielern. Da schießen Afrikaner, Südamerikaner, Asiaten Tore für deutsche Mannschaften, und alle jubeln ihnen zu. Mit Gerald Asamoah und David Odonkor spielen zwei farbige Deutsche für uns bei der WM, auf die wir stolz sein können. Ein echter Fußballfan kann kein Rassist sein.
Das Gespräch führten Eckart Lohse und Wulf Schmiese
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 04.06.2006, Nr. 22 / Seite 4
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb
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