Panini-Sammelbilder

Mit Lehmann den Kahn überkleben

Von Judith Lembke

„Über 100 Millionen Tüten ausgeliefert“

„Über 100 Millionen Tüten ausgeliefert"

13. Juni 2006 Vielleicht sei er heute gekommen, um alte Wunden zu schließen, sagt Bernd Cornelius. Um ex post die Unzufriedenheit zu besiegen, die er als kleiner Junge immer empfunden hat, wenn die Weltmeisterschaft zwar vorbei, sein Panini-Album aber noch nicht komplett war. Dieses blöde Gefühl, wenn nur noch wenige Stellen frei waren, das Taschengeld aber nicht ausreichte, um sich noch mehr Tüten mit Klebebildchen zu kaufen, in der Hoffnung, daß der ersehnte brasilianische Stürmer vielleicht dieses Mal dabei sei.

Die Kindheit spielt bei fast allen Sammlern, die auf die Tauschbörse für Panini-Bildchen im Mainzer Theater „Unterhaus“ gekommen sind, im Moment eine große Rolle. Als nostalgische Erinnerung, weil man gerade mitten drinsteckt oder weil man als Mutter oder Vater den paniniverrückten Kinder beim Tauschen hilft. Womit Millionen Deutsche gerade ihre Freizeit verbringen, sieht auf den ersten Blick nach harter Arbeit aus. An verschiedenen Tischen werden Bilderstapel gesichtet, Excel-Tabellen abgeglichen und Nummern durch den Raum gerufen, um herauszufinden, ob sein Gegenüber nicht vielleicht genau den Spieler hat, die einen noch vom höchsten Sammlerglück, dem vollständigen Heft, trennt.

Geld und Energie für die Vervollständigung des Albums

Die Amerika-Seite ist schneller voll - warum nur?

Die Amerika-Seite ist schneller voll - warum nur?

Wer sein Album schnell komplettieren möchte, muß gut organisieren können, Zeit haben und bereit sein, im Zweifelsfall auch mehr als hundert Euro zu investieren. Denn 597 freie Stellen wollen gefüllt werden, vor allem mit den Konterfeis von Nationalspielern aus 32 Ländern. Eine Packung mit fünf Bildchen, die man mittlerweile an 70.000 Verkaufsstellen in Deutschland erstehen kann, kostet 50 Cent. Mit knapp 60 Euro wird kein Sammler hinkommen, denn andauernd ist ein Bild doppelt, während ein anderes fehlt. Besonders Holländer und Amerikaner galten passionierten Sammlern schon vor der WM als Fluch. „Hier, alles Amis“, sagt Rüdiger Sternhart und zeigt auf die Abteilung in seinem Karteikasten, die sechsmal voller ist als die anderen. Dafür sieht es bei den Angolanern und Engländern ziemlich mau aus.

Wenn auf den etwa 500 Millionen Bildern, die allein in Deutschland gerade im Umlauf sind, vor allem Fußball-Erzfeind Holland abgebildet ist, sind Verschwörungstheorien natürlich nicht weit. Mittlerweile geistert sogar schon eine „wissenschaftliche“ Studie durchs Internet, die eine bewußte ungleiche Verteilung in der Bilderproduktion nahelegt. Schließlich müßten die Sammler somit „mehr Geld und Energie zur Vervollständigung ihrer Sammlung aufwenden“ als bei einer gleichen Verteilung, was in der letzten Konsequenz zu „einer Verarmung der Gesellschaft und einer Kapitalkonzentration im Panini-Konzern“ führe.

„Lehmann-Debakel“ - Überkleben oder nicht?

Birgit Barner, Marketingleiterin bei Panini-Deutschland, reagiert gelassen auf die Vermutungen. „Bei unseren Druckbögen ist das eigentlich nicht möglich. Das kann eigentlich nur außer Haus passiert sein.“ Wegen der großen Nachfrage sei die Druckerei im italienischen Modena trotz Vollauslastung in drei Schichten einfach nicht mehr hinterhergekommen, und so habe Panini auch anderswo produzieren lassen.

Bei der deutschen Niederlassung in Nettetal ist man Krisenmanagement gewohnt, schließlich galt es kürzlich, das Lehmann-Debakel zu lösen. Da Nationaltrainer Jürgen Klinsmann sich erst dazu durchrang, Lehmann als Stammtorwart der Nationalmannschaft zu nominieren, nachdem Panini die Alben schon gedruckt hatte, ist der Platz im Tor zumindest im Klebe-Album noch immer für Oliver Kahn reserviert. Panini hat nun Lehmann-Bilder nachgedruckt und verschiedenen Zeitschriften beigelegt, um die verstörten Sammler zu beruhigen. Nur den passenden Platz im sonst so wohlsortierten Album muß der Sammler noch finden. Einfach Oliver Kahn überkleben? „Kommt gar nicht in Frage“, ereifert sich Sternhart. „Den Lehmann mochte ich sowieso noch nie.“

Erfolgreiche Ausweitung der Zielgruppe

Alles andere als gelassen reagiert man in Nettetal jedoch auf die aktuellen Umsatzzahlen: „Es ist der absolute Wahnsinn. Seit dem 25. April sind die Sticker im Handel, und wir haben bis jetzt über 100 Millionen Tüten ausgeliefert. So etwas gab es noch nie“, freut sich Birgit Barner. Bislang seien immer die Italiener und Mexikaner die eifrigsten Sammler von Panini-Bildchen gewesen, aber vielleicht setze sich diesmal ja Deutschland an die Spitze. 60 Millionen Euro Umsatz hat Panini in Deutschland 2005 nach eigenen Angaben gemacht. Im WM-Jahr 2006 dürften es deutlich mehr werden.

Wollen wir tauschen?

Wollen wir tauschen?

Der Erfolg der Panini-Bildchen hat mit der Ausweitung der Zielgruppe zu tun. Normalerweise kaufen vor allem Kinder und Jugendliche zwischen 4 und 14 Jahren die bunten Bildchen zu Themen wie „Harry Potter“ und „Pokemon“, um sie sorgsam ins Album zu kleben. Aber zur WM sammeln auch diejenigen mit, die sich sonst eher für abstrakte Kunst interessieren.

Fifa-Exklusivvertrag seit 1970

Dabei sind die Panini-Alben keineswegs ein neues Phänomen: Schon 1961 wurde das Unternehmen in Modena von den Brüdern Guiseppe und Benito Panini gegründet. 1970 schloß das Unternehmen den ersten Exklusivvertrag mit der Fifa, um die Fußballbilder zu vermarkten.

Im Heft ist nur Raum für Oliver Kahn

Im Heft ist nur Raum für Oliver Kahn

Seit 1988 befindet sich das Unternehmen - zu dem auch ein Jugendbuchverlag und Italiens größter Comic-Vertrieb gehört - zwar nicht mehr in Familienbesitz. Aber immerhin verpackt noch immer die „Fifimatic“, eine automatische Packmaschine, die einst von einem Panini-Bruder erfunden wurde, in Modena die Bilder.

Text: F.A.Z., 13.06.2006, Nr. 135 / Seite 16
Bildmaterial: dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa

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