29. Juni 2006 Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt (Grüne) spricht in der F.A.Z. über Deutschland-Shirts, schöne Männer und die Fußball-Weltmeisterschaft als Einstiegsdroge für Frauen. Die Fragen stellte Michael Horeni.
Frau Bundestagsvizepräsidentin, mit Verlaub: Wo hatten Sie denn das Deutschland-Shirt her, das am Tag des Spiels gegen Ecuador im Hohen Haus für so viel Aufsehen gesorgt hat?
Ich habe es in Erfurt gekauft, für zwanzig Euro. Es war ein ganz normales Fan-T-Shirt, auf dem nichts weiter als Germany stand. Und ein bißchen wurde mit Schwarz-Rot-Gold gespielt. Die Frage war natürlich: Kann man im Präsidium des Deutschen Bundestages in so einem T-Shirt rumlaufen? Es gibt ja die Würde des Hauses und das Verbot von politischen Demonstrationen. Da habe ich mir gedacht: Okay, machen wir keine politische Demonstration draus. Ist es politisch, wenn man neben der deutschen Fahne sitzend für Deutschland ist? Aber egal, ich trage das T-Shirt so unter meiner Jacke, daß man es trotzdem noch sehen kann. Man konnte das WM-Logo erkennen - und daß es irgendwas mit Deutschland zu tun hatte.
Wer hat's gemerkt?
Natürlich die Abgeordneten aus meiner Fraktion, die die ganze Zeit Wetten abgeschlossen haben, ob man es sieht - und ob ich meine Jacke aufmache.
Und?
Ich habe mich dezent zurückgehalten. Im Präsidium sitzt man ja ein bißchen erhöht, die Leute im Plenum sehen einen da schlechter, aber die Zuschauer auf der Tribüne haben das T-Shirt ganz gut erkannt.
Gab es so etwas wie eine große Fußball-Koalition mit Kollegen aus anderen Fraktionen in der Kleiderfrage?
Es hatte sich morgens schon rumgesprochen, daß ich in dem T-Shirt kommen wollte. Ich habe deswegen drei Anrufe bekommen. Einer meinte, das passe nicht zu mir. Dann gab es die Frage, ob das eine politische Demonstration sei und ein Präzedenzfall und so weiter. Dabei hatte mich ein sehr bekannter Abgeordneter einer großen Fraktion erst auf die Idee gebracht. Er war sicher, er würde eine gute Begründung finden, warum man so was darf während der WM in Deutschland.
Hat Ihr T-Shirt eigentlich auch der Kollege Ströbele gesehen?
Der war nicht da. Aber er hat davon gelesen - und mich am nächsten Tag gefragt, wo denn mein T-Shirt sei. Aber ich habe es seitdem nicht mehr im Bundestag angezogen. Deutschland hat ja nicht mehr an einem Sitzungstag gespielt. Wir hatten aber seitdem viele Gespräche über Fußball. Er hat mir von einem Turnier der Religionen in Berlin erzählt und daß es mich doch bestimmt interessieren würde, daß dabei der Gottesbeweis erbracht wurde. Da spielten eine christliche, eine muslimische, eine jüdische und eine ungläubige Mannschaft. Die drei gläubigen Mannschaften hatten zu ihrem gemeinsamen Gott gebetet. Die Ungläubigen wurden Letzte - obwohl Ströbele Schiri war. Das sei der Beweis.
Sie wollen doch nicht sagen, daß sie bei den Grünen nur über Fußball und nicht auch über das Tragen nationaler Symbole geredet haben?
Das war völlig easy. Das fand keiner komisch. Ich war bei einem Spiel mit Jürgen Trittin und bin Claudia Roth in dem Shirt begegnet - wir hatten viel Spaß beim Spiel gegen Polen, aber keine Debatte über mein Deutschland-Shirt. Es hat ein bißchen gedauert bei uns, das stimmt schon. Aber die Grünen haben bei dieser WM eine eigene Veranstaltung gemacht, da wurden sogar schwarzrotgoldene Winkelemente verteilt. Bei der letzten WM hatten wir eine Großbildleinwand im Tipi am Kanzleramt organisiert, wo wir als Fraktion eingeladen hatten. Da stand über der Einladung Für Deutschland. Damals gab es in der ersten Reihe einen kleinen Brasilien-Tisch, da waren Claudia Roth, Christian Ströbele und ein paar andere. Ansonsten waren wir für unsere Mannschaft. Es waren unheimlich viele junge Leute da - und viele junge Frauen kamen in fließenden schwarzrotgoldenen Minikleidern, die gerne Fotos mit Jürgen Trittin und Joschka Fischer machen wollten. Die fanden das dann auch nicht so schlecht. Daß beim Fußball das nationale Symbol verwendet wird, ohne daß es verkrampft ist oder andere ausschließt, darauf haben die Grünen viel Einfluß gehabt - und darüber bin ich froh.
Und Ihr T-Shirt wird irgendwann im Haus der Geschichte landen, neben Joschkas Turnschuhen, als Zeichen für das nationale Bekenntnis der Grünen?
Ich glaube nicht, daß es so bedeutend wird. Da sind wir längst weiter. Immerhin waren wir bis vor kurzem eine Partei, die das Land regiert hat. Viele von uns singen die Nationalhymne mit.
Die bürgerliche Presse hört's mit Wohlwollen.
Aber mit der Fahne, das schaffe ich nicht. Da habe ich mit der DDR-Vergangenheit meine Schwierigkeiten. Am 1. Mai mußten wir die Fahnen raushängen und durch die Stadt ziehen. Aber alles andere, was Spaß macht, dafür bin ich zu haben.
Was haben Sie sich denn noch so an Deutschland-Utensilien angeschafft?
Ein Bändchen fürs Handgelenk. Jetzt suche ich nach einer schwarz-rot-goldenen Haarspange, habe aber noch keine passende gefunden. Ich habe übrigens gelesen, daß Frau Merkel die Deutschland-Ohrringe so schick findet - und wissen Sie, wer solche in München beim Eröffnungsspiel getragen hat? Frau Stoiber! Jetzt wird es sogar locker zwischen Bayern und Berlin.
Auto, Terrasse, Garten - bei Ihnen deutschlandfreie Zone?
Meine Kinder haben im Garten die Fahne aufgehängt. Das ist in Ordnung. Aber Fahne schwenken geht mit meiner Geschichte einfach nicht.
Grün, weiblich, Fußball, nationale Symbole - die WM bringt wohl alles durcheinander?
Es sieht so aus. Ich glaube, daß Weltmeisterschaften für Frauen eine Einstiegsdroge sind. Eine Mitarbeiterin von mir wollte ihre Wohnung kurz vor der WM zur fußballfreien Zone erklären - sie hat einen 14 Jahre alten Sohn. Jetzt läuft sie dauernd auf die Fanmeile und findet alles super. Das liegt wohl auch daran, daß da ein paar schöne Männer mitspielen. Warum sollte sich eine Frau das entgehen lassen? Und mir macht das schöne Spiel unserer Mannschaft total Spaß.
Sind Sie auch ein Typ für die Fanmeile?
Ich habe zum Glück alle deutschen Spiele im Stadion sehen können.
Alle mit Deutschland-Shirt?
Nur das Eröffnungsspiel nicht. Da war ich ein bißchen verzweifelt. Die Grünen hatten gerade an diesem Tag eine Aktion wegen der Ausbildungssituation bei Adidas gestartet, die haben eine Ausbildungsquote von nur zwei Prozent. Ich kam also in München an und wollte mir auf dem Weg ins Stadion irgendein Deutschland-Shirt kaufen. Die waren aber alle von Adidas. Das konnte ich nicht machen.
Wissen Sie schon, was Sie beim Endspiel im Olympiastadion anziehen?
Am liebsten ein Trikot von Bernd Schneider, der kommt auch aus Thüringen. Aber ein Schneider-Trikot habe ich in den Läden einfach nicht gefunden.
Text: F.A.Z. vom 30. Juni 2006
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb
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