16. Juni 2006 Kein Wunder, daß es den Schwarz-Rot-Gold-Allergikern langsam unheimlich wird. Das späte Tor eines in der Schweiz geborenen Einwechselstürmers im zweiten Vorrundenspiel genügte, um Deutschland abermals in einen freudetaumelnden Fahnenwald zu verwandeln.
Was soll da erst werden, wenn der polnischstämmige Hauptsturm der deutschen Nationalmannschaft wieder trifft und das Land, das schon Papst ist, bis ins Endspiel, vielleicht sogar zum Titel schießt? Deutschland wäre nicht Deutschland, wenn die sich in nationale Symbolik kleidende Begeisterung für Sportereignisse nicht doch noch bei dem einen oder anderen Bedenkenträger alte Ängste wiederbelebt hätte.
So wärmte die Lehrer-Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) zur Weltmeisterschaft ihre schon verstaubte Kritik an der Nationalhymne aus der Wendezeit 1989/90 wieder auf: Im furchtbaren Loblied auf die deutsche Nation lebten Traditionslinien aus finsteren nationalistischen Zeiten fort. Solch hanebüchenen Unsinn hat man tatsächlich schon lange nicht mehr vernommen.
Der Briefwechsel von Bundespräsident Weizsäcker und Bundeskanzler Kohl aus dem Jahr 1991, mit dem die dritte Strophe des 1841 von Hoffmann von Fallersleben geschriebenen Deutschlandliedes als Nationalhymne für das deutsche Volk festgelegt wurde, ist frei zugänglich. Präsident und Kanzler hoben darin hervor, daß das Lied der Deutschen in lauteren Gedanken verfaßt, bekämpft und auch mißbraucht worden sei. Die dritte Strophe aber bringe den Willen der Deutschen zur Einheit in freier Selbstbestimmung zum Ausdruck.
Man muß schon ein außerordentlich problematisches Verhältnis zum Konzept des Nationalen und zu seinen Symbolen sowie eine sehr selektive Sicht der deutschen Geschichte haben, um dieser Deutung die Behauptung entgegenzustellen, Strophe drei sei ein nationalistischer Evergreen.
Es gibt in modernen Gesellschaften nicht mehr viele Möglichkeiten, sich öffentlich zu der Nation zu bekennen, der man angehört. Doch existiert offenkundig ein solches Bedürfnis. Sind Plätze voller jubelnder Menschen und hupender Autos andererseits schon Beleg für einen neuen deutschen Bekenntnispatriotismus? Ein Grund, in die alten Rituale des nationalen Selbstzweifels zurückzufallen, sind sie jedenfalls nicht.
Einigkeit und Recht und Freiheit
für das deutsche Vaterland!
Danach laßt uns alle streben,
Brüderlich mit Herz und Hand!
Einigkeit und Recht und Freiheit
Sind des Glückes Unterpfand:
Blüh im Glanze dieses Glückes,
Blühe, deutsches Vaterland!
(3. Strophe vom 'Lied der Deutschen'
August Heinrich Hoffmann von Fallersleben)
Text: F.A.Z., 16.06.2006
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa
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22:38 22:28@ Michael Menzel (Galenos) RE: "Opfer von Verdrehungen und Umdeutungen"
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