WM-Stadien

Fronten zwischen Warentestern und OK verhärtet

17. Januar 2006 Getreu dem Motto „Angriff ist die beste Verteidigung“ hat das zuletzt in die defensive geratene deutsche Organisationskomitee (OK) der Fußball-Weltmeisterschaft die Stiftung Warentest heftig attackiert. „Die Stiftung Warentest muß ihr Urteil revidieren“, erklärte der 1. OK-Vizepräsident Horst R. Schmidt auf einer Pressekonferenz am Dienstag in Frankfurt/Main.

Das OK fordert damit eine Rücknahme der Kritik an der Sicherheit der WM-Stadien und will diese Auffassung bei der Sitzung des Bundestags-Sportausschusses am Mittwoch in Berlin vertreten. Die Stiftung Warentest hatte in einer am Dienstag vergangener Woche veröffentlichten Studie den vier WM-Stadien in Berlin, Leipzig, Gelsenkirchen und Kaiserslautern zum Teil erhebliche Mängel beim Staudruck in Paniksituationen, bei den Evakuierungsmöglichkeiten und beim Brandschutz attestiert.

Oberflächlich, fahrlässig und unverantwortlich

Das OK wirft der Verbraucherschutz-Organisation vor, daß sein Vorgehen oberflächlich, fahrlässig und unverantwortlich gewesen sei. „Wir fordern die Stiftung Warentest auf, die vier Roten Karten für die Stadien Kaiserslautern, Gelsenkirchen, Berlin und Leipzig zurückzunehmen. Durch dieses Fehlurteil wurde im In- und Ausland ein Bild von den Arenen gezeichnet, welches in keinster Weise den hohen Sicherheits-Standards entspricht“, sagte Schmidt. In ausländischen Medien war von „Bruchbuden statt Schmuckkästchen“ im Zusammenhang mit den WM-Stadien die Rede.

Sorgenvolle Miene: OK-Vizepräsident Wolfgang Niersbach “Studie war eine Grätsche von hinten“: Jim Brown von der Fifa Diese Aussage sollen die Warentester zurücknehmen Die vier kritisierten Arenen: Berlin, Leipzig, Kaiserslautern und Gelsenkirchen Rettungsübung in Kaiserslautern Kritisierte Trennwand in Gelsenkirchen

Obwohl sich die Betreiber der Stadien in Leipzig und Gelsenkirchen weiter rechtliche Schritte gegen die Stiftung Warentest vorbehalten, beharren die Tester auf ihrer Kritik. „Wir stehen weiter zu unserer Studie. Es bleibt bei den Urteilen. Daß wir sie zurücknehmen sollen, haben wir mit Erstaunen gehört“, erklärte Sprecherin Heike van Laak in einer ersten Reaktion.

„Ging nicht darum, Deutschland schlecht zu machen“

Sie verwies darauf, daß keine Gründe für eine Rücknahme genannt wurden. Laak räumte aber auch ein, daß die Stiftung Warentest das Echo auf die Studie unterschätzt habe: „Beim nächsten Mal würden wir die Einladung sicher neutraler gestalten und später verschicken. „ Van Laak sagte zudem, daß es „nicht darum ging, Deutschland schlecht zu machen. Wir wollten auf Mängel hinweisen, die bis zur WM noch zu beheben sind“.

Die deutschen WM-Organisatoren hatten in den letzten Tagen intensive Beratungen mit den Stadion-Betreibern abgehalten. „Wir halten die gesamte Studie der Stiftung Warentest für fraglich, da sie weder die Komplexität des Themas Sicherheit noch die Gesamtzusammenhänge oder dahinter liegende Konzepte berücksichtigt. Es ist unsachlich, in diesem sensiblen Bereich Ergebnisse isoliert zu betrachten, ohne den Kontext zu kennen oder die individuellen Gegebenheiten vor Ort zu würdigen“, meinte Schmidt.

„Die Studie war eine Grätsche von hinten“

Die von der Stiftung Warentest aufgeführten Mängel hält das OK für subjektiv, weil andere Experten zu anderen Ergebnissen gekommen seien. Zudem sei die Vorgehensweise der Tester nicht korrekt und nicht transparent gewesen, so die Kritik der WM-Macher. „Wir haben ein absolut reines Gewissen, weil mit größter Sorgfalt und Akribie alles nur Menschenmögliche für die Sicherheit getan wurde. Weder das OK noch die Stadionbetreiber verschließen sich konstruktiven Hinweisen zur Verbesserung des Standards, nehmen Informationen ernst, wenn es um die Sicherheit der Zuschauer geht. Ein konstruktives Miteinander aber hat nicht stattgefunden vor allem nicht in der Gesamtbewertung“, erklärte Schmidt.

Die WM-Organisatoren werden in ihrer Ansicht von der Deutschen Fußball Liga (DFL) und dem Weltverband Fifa unterstützt. „Die Studie war eine Grätsche von hinten. Wir wurden davon sehr überrascht, weil wir uns ja selbst die Stadien mehrfach angesehen haben. Die Fifa, für die die Sicherheit ganz oben steht, ist sehr zufrieden mit den Vorbereitungen der Organisatoren“, sagte Fifa-Turniermanager Jim Brown.

TÜV oder Dekra sollen nochmal prüfen

Kurz vor der Pressekonferenz in Frankfurt hatte DFB-Marketingdirektor Horst Lichtner in München gesagt, das OK habe die Mängelliste der Stiftung Warentest analysiert, halte deren Prüfmethoden aber für nicht richtig. Daher hält das Organisationskomitee eine zweite Studie über die Sicherheit der Stadien für notwendig.

Das OK werde deshalb „eine weitere, unabhängige Stadionstudie fordern“, sagte Lichtner. Prüfinstitute wie zum Beispiel der TÜV oder die Dekra sollten die WM-Stadien noch einmal durchleuchten. Sollten tatsächlich Mängel entdeckt werden, würden sie so rasch wie möglich behoben werden.



Text: FAZ.NET mit Material von dpa, sid und AP
Bildmaterial: dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb, picture-alliance/ ZB

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