Sportphilosophie

Was Frauen am Fußball interessiert

Frauen beim Fußball: Stilistik wichtiger als Statistik

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10. Mai 2006 Sie leiden, sie weinen, sie jubeln, sie schreien und tanzen. Ob im Stadion, vor Fernsehern oder Radios - die Zahl der weiblichen Fußball-Fans wächst. Immer mehr Frauen und Mädchen dringen in die einstige Männer-Bastion Fußball vor. So ist das jedenfalls bei Großereignissen wie Europa- oder Weltmeisterschaften, wenn die deutsche Nationalmannschaft antritt. Dann verfolgen etwa gleich viele Frauen wie Männer die Spiele, etwa jede(r) zweite ist dabei. Der Bundesliga allerdings zeigen Frauen die kalte Schulter. Nur knapp 20 Prozent wollen Bayern, Schalke oder Hamburg spielen sehen. Woran das liegt?

Der Berliner Sportphilosoph Gunter Gebauer erklärt das Phänomen damit, daß die Bundesliga komplizierter als eine WM sei, da man sich für einen Verein, für seine Geschichte und den Tabellenstand interessieren müsse. „Es geht um technische Feinheiten, um Auf- und Abstieg, um Uefa-Cup- oder Champions-League-Plätze. Das ist bei der Nationalmannschaft einfacher, spielt da gar keine Rolle“, sagt er in einem AP-Interview. Da gehe es gerade bei einer WM nur darum, ob sie gewinnt oder verliert. Und das verlange eben kein Hintergrundwissen.

Frauen haben keine „kicker“-Stecktabelle

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Und eben dieses Hintergrundwissen, mit dem Männer auch gerne mal prahlten, interessiere Frauen weniger. Ihnen gehe es weniger um technische Details, sondern mehr um Stilistik: „Sie reden darüber, wie sich die Repräsentanten ihres Landes auf dem Platz verhalten, wie sie sich anstellen, ob der Stil in Ordnung ist, also ob sie gut, schön, hart spielen“, erklärt Gebauer. Es gebe auch Frauen, die unumwunden zugäben, daß sie sich schöne Bodys anschauen wollten. Aber das sei die Ausnahme.

Männer würden sich dagegen über das Spielsystem, über Pässe, Mannschaftsaufstellung, Statistiken und historische Spiele unterhalten. Viele Männer hätten Dinge wie eine 'Kicker'-Stecktabelle zu Hause. Sie befaßten sich systematisch mit Fußball. „Männer diskutieren immer, wen sie aufstellen würden, diskutieren immer darüber, wie sie einen Elfmeter in welche Ecke geschossen hätten“, sagt Gebauer.

Füße werden unterschiedlich eingesetzt

Der unterschiedliche Zugang von Männern und Frauen zum Fußball liegt nach den Beobachtungen Gebauers an der Erziehung. „Da Fußball das Treten und Stoßen mit den Füßen im Zentrum seiner Spielidee hat, steht er Männern sehr viel näher als Frauen.“ Natürlich würden auch Mädchen treten, wenn sie klein sind. Aber ihnen werde es aberzogen, bei Jungen werde es eher toleriert. Bei Mädchen und Frauen seien Füße und Beine viel stärker erotisch konnotiert, betont werde das auch durch das Anziehen von feinen Strümpfen, während Jungs normalerweise grobes Schuhwerk trügen.

Fußball werde vor allem mit den Füßen gespielt, also einem Körperteil, das von Mädchen ganz anders eingesetzt werde als von Jungen. Darüber hinaus hätten Männer in Deutschland fast immer eine gewisse Vorerfahrung im Fußball. Jungen spielten bereits in der Schule Fußball oder auf dem Bolzplatz an der Straßenecke. So etwas machten Mädchen meist nicht. Insofern könnten sich Männer ganz anders mit dem Spiel und den Spielern identifizieren. Da spielten zum einen Vertreter ihres eigenen Geschlechts, zum anderen gebe es bestimmte Bewegungsweisen, die geschlechtsspezifisch männlich seien.

In Brasilien beteiligen sich Frauen mit dem Körper am Spiel

Wie bei den Männern seien auch bei den Frauen die Fankulturen von Land zu Land verschieden. „In Brasilien ist es so, daß sich Frauen auch für Clubmannschaften interessieren“, sagt Gebauer. Jede der großen Fußballmannschaften sei da mit einem Sambaclub liiert. Deswegen seien die Sambatrommeln bei jedem Spiel dabei. Und da gehörten Frauen schon allein zum Sambatanzen dazu. Die Frauen beteiligten sich mit dem Körper am Spiel, indem sie im Stadion auf der Stelle tanzten.

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Die deutschen weiblichen Fans hätten auch eigene Rollen. Es gebe Frauengruppen, die als selbstbewußte weibliche Fangruppe daher kämen wie zum Beispiel die HSV-BH-Supporters, andere würden sich „Suppenhühner“ nennen. Letztendlich jedoch geht es Männer und Frauen in erster Linie um den Sieg ihrer Mannschaft, sagt Gebauer. Und da könnten sogar kultivierte ältere Damen, bisher des Fußballinteresses völlig unverdächtig, beim Jubeln über ein Tor erwischt werden.

Gebauer ist Professor an der Freien Universität Berlin für Philosophie und Sportsoziologie.



Text: FAZ.NET mit Material von AP
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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