30. Mai 2006 Gegen den 16 Jahre alten Schüler, der in der Nacht zum Samstag 36 Menschen mit einem Messer verletzt hat, wird es kein beschleunigtes Strafverfahren geben. Das sagte der Generalstaatsanwalt Ralf Rother am Montag in Berlin. Der Täter leugnet die Tat, für die es jedoch viele Zeugen gebe. Der Hauptschüler aus Neukölln hatte während der von Hunderttausenden besuchten Eröffnungsfeier für den neuen Hauptbahnhof auf dem Weg vom Reichstag zum Bahnhof mit einem Messer wahllos Passanten verletzt. Die Waffe wurde sichergestellt. Drei Verletzte, die am Montag noch in der Charite behandelt wurden, sind nach Auskunft einer Sprecherin in stabilem Zustand.
Die Tat des Amokläufers hat eine Debatte über die Sicherheit bei Großveranstaltungen ausgelöst. Der Berliner Polizeipräsident Dieter Glietsch hat am Montag mitgeteilt, die Sicherheitsvorbereitungen der Berliner Polizei für die Fußball-Weltmeisterschaft seien abgeschlossen; das Einsatzkonzept werde nicht verändert. Es wird eine Freude sein, wenn wir am Ende der WM sagen können, daß Deutschland jedenfalls nicht an der Sicherheit gescheitert ist, sagte Glietsch.
Kritik an Behörden zurückgewiesen
Der Generalstaatsanwalt kündigte an, vor dem Olympiastadion würden an den sechs Berliner Spieltagen Staatsanwälte eingesetzt, die an Ort und Stelle rasch auf Straftaten reagieren könnten. Mit keiner Maßnahme könne man ausschließen, daß ein Betrunkener um sich steche oder schlage, sagte Glietsch. Auch der CDU-Spitzenkandidat Pflüger äußerte, gegen solche Taten könne es kein Konzept geben. Doch müsse man fragen, wie die entfesselte Gewalt aus den Köpfen der Jugendlichen wieder herauszubekommen ist.
Die Polizei äußerte sich grundsätzlich zufrieden mit dem Einsatz nach der Messerattacke. Kritik an den Berliner Behörden wies Glietsch zurück: Das wird uns nicht davor schützen, daß Politiker, die weit genug von Berlin und der Sache entfernt sind, wie der innenpolitische Sprecher der SPD, Kritik an Berlin üben, sagte er zu Äußerungen des SPD-Abgeordneten Wiefelspütz, der gesagt hatte, der Amokläufer hätte früher festgehalten und früher mit einem Haftbefehl belegt werden können. Er war von einem Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes angehalten worden, während die Polizei ihn verfolgte.
Besaufen kann man sich auch zu Hause
Der Polizeipräsident sprach sich dagegen aus, während der Weltmeisterschaft ein generelles Alkoholverbot bei Fußballveranstaltungen auszusprechen. Man solle nach dem Amoklauf des Schülers nicht überreagieren. Ein Sprecher des Senats trug Überlegungen vor, auf der Fanmeile hinter dem Brandenburger Tor nur alkoholreduziertes Bier auszuschenken. Skeptisch über ein Alkoholverbot äußerte sich auch der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Union, Bosbach: Besaufen kann man sich leider auch zu Hause.
Der Vorsitzende der Berliner FDP-Fraktion, Lindner, forderte anläßlich eines am Montag bekanntgewordenen Falls von Gewalt eines Zwölfjährigen aus Kreuzberg, der seine Lehrerin zusammengeschlagen hatte, daß die Herabsetzung der Strafmündigkeit von 14 auf zwölf Jahre ernsthaft geprüft werden solle.
Aus geordneten Verhältnissen
Innerhalb von 16 Minuten hat der Amokläufer mindestens 36 Menschen verletzt, eines seiner ersten Opfer ist HIV-infiziert, weshalb sich die, die der Junge danach mit dem Messer verletzte, in den nächsten Wochen prophylaktischen Maßnahmen gegen eine HI-Infektion unterziehen müssen. Gewißheit darüber, ob sie infiziert sind oder nicht, werden sie erst in sechs Monaten haben (siehe: Amoklauf in Berlin: Opfer werden mit Aids-Medikamenten behandelt) Der Schüler, der stark betrunken war, sitzt weiterhin in Untersuchungshaft. Er war der Polizei zuvor wegen einer Prügelei und einer zerstörten Fensterscheibe schon zweimal aufgefallen; auch diese Taten seien unter Alkoholeinfluß geschehen.
Am Samstag wurde Haftbefehl wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung gegen den Schüler erlassen. Innensenator Körting (SPD) hieß ausdrücklich gut, daß er im Gefängnis sitzt. Der Direktor seiner Schule sagte über den Jungen, die Tat passe nicht in das Bild, das er von ihm habe. Er sei ein netter und höflicher Schüler, der aus geordneten Verhältnissen komme. Weil er oft geschwänzt habe, sei er allerdings besonders betreut worden. Der Junge lebt mit zweien seiner sechs Geschwister beim Vater in Neukölln. Die Polizei attestierte dem Vater, er habe alles getan, um seine Kinder gut zu erziehen. Es sei völlig unklar, was den Jungen dazu getrieben habe, wahllos Passanten zu verletzen.
Text: mk. / F.A.Z., 30.05.2006
Bildmaterial: dpa
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